Selbsthilfegruppe in Mühldorf

Wenn die Nähe Menschen zur Qual wird: Miteinander erfahren Psychisch Kranke Hilfe

Mit Hilfe anderer seelische Probleme bewältigen: Axel Sauerwald leitet die Selbsthilfegruppe Psychisch Kranker im Mühldorfer Haus der Begegnung.
+
Mit Hilfe anderer seelische Probleme bewältigen: Axel Sauerwald leitet die Selbsthilfegruppe Psychisch Kranker im Mühldorfer Haus der Begegnung.

In der „Selbsthilfegruppe Angehörige psychisch Kranker“ in Mühldorf geht es um den richtigen Weg zwischen Distanz und Nähe im Umgang mit Betroffenen im engsten Familienkreis. Dabei helfen sich die Mitglieder gegenseitig. Für Betroffene ein Weg zu einem normalen Leben.

Mühldorf – Eine Bedienungsanleitung für das Leben, die gibt es nicht, ist sich Axel Sauerwald sicher. Wie man schwierige Situationen am besten meistert, lernt man über Erfahrungen und Kommunikation. Das gilt besonders für Angehörige psychisch kranker Menschen. Eine Situation, die der 67-jährige Mühldorfer persönlich gut kennt. Daher hat er sich vor zweieinhalb Jahren dazu entschlossen, die erste Selbsthilfegruppe für Psychisch Kranke im Landkreis zu gründen und zu leiten.

Seitdem treffen sich acht Teilnehmer: „Jede Selbsthilfegruppe hat mit seiner Zusammensetzung und Leitung eine eigene Dynamik. Man muss ausprobieren, was einem zusagt“, erklärt Axel Sauerwald, der ein persönliches Sitzungskonzept hat, das einerseits die Teilnehmer zum Mitmachen bewegen, andererseits niemanden zwingen soll.

Vier Millionen Psychisch Kranke

Darum gehe es im Kern bei den Angehörigen psychisch Kranker – so unterschiedlich die Krankheitsbilder wie Schizophrenie, Depressionen oder Psychosen auch sein mögen. Mit am häufigsten sind Depressionen, woran gegenwärtig in Deutschland über vier Millionen Menschen leiden. Erkannt werden psychische Erkrankungen häufig sehr spät.

Psychische Menschen sind oft unauffällig

„Psychisch kranke Menschen verhalten sich in der Öffentlichkeit oft ganz unauffällig und lassen zuhause bei den Liebsten Dampf ab. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle!“ Als Angehöriger müsse man loslassen können, um sich nicht auch noch emotional zu verstricken und selbst krank zu werden.

Lesen Sie auch:

Eine Mühldorferin fürchtet, dass trockene Alkoholiker in der Corona-Isolation rückfällig wurden

Der Rentner, der, wenn es die Zeit erlaubt, als Physiotherapeut aktiv ist, wirkt nachdenklich. Manchmal bedeute dies auch, dass man den psychisch labilen Partner, die Partnerin oder das eigene Kind, die sich selbst nicht mehr unter Kontrolle haben, in eine Fachklinik einweisen muss. Brenzlige Situationen seien nicht untypisch und kommen bei den SHG-Treffen immer wieder aufs Tapet.

„Bei uns geht es weniger um Fachvorträge und Wissensvermittlung. Der Erfahrungsaustausch ist am wichtigsten.“ Das und das Gefühl, dass man mit seinem Problem nicht allein ist. Bis die Betroffenen damit in die Selbsthilfegruppe kommen, sei es allerdings ein langer, schmerzhafter Weg. „Die Scham ist doch noch groß, obwohl es immer mehr Leute betrifft.“

Hemmungen überwinden

Habe man allerdings erst einmal seine Hemmungen überwunden, kann es mit der „Lösung“ schnell gehen und die Gruppentreffen erübrigen sich plötzlich. Menschen ändern sich nämlich, betont Axel Sauerwald.

So wie Andreas Baumann. Der Rentner aus dem Landkreis kam durch sein bewegtes Leben an den Punkt, an dem er nicht mehr weiter wusste. Nach einem Unfall, der Andreas Baumann seinen Job und seine Familie gekostet hatte, rutschte er in eine schwere Depression.

Nach einem gescheiterten Suizidversuch änderte er sein Leben radikal: neue Heimat, neuer Job, neues Leben – und eine neue Frau. „Ich war zufrieden, war aber auch sehr froh, wenn ich in meiner Wohnung mal allein sein konnte“, sagt der ehemalige Krankenpfleger.

Auch interessant:

Die unbekannte Krankheit - Angela Vollmeier leidet unter Fibromylagie

Im Nachhinein betrachtet ein deutliches Zeichen dafür, dass seine ausgeprägte Zufriedenheit das Gefühl der starken Depression überdeckt und sein Leben nach außen hin funktioniert habe. Allein aber spürte er eine deutliche Leere; Freude und Glücksgefühle sind ihm fremd.

Müde und antriebslos

„Jeder Mensch erlebt in seinem Leben Momente, Stunden und Tage, in denen man schlecht gelaunt ist, Kummer oder Ängste hat. Damit zusammen hängen oft körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Antriebslosigkeit. Und die deuten bereits auf die Möglichkeit einer psychischen Erkrankung hin“, erläutert Axel Sauerwald.

Eine Scheinwelt sozusagen, die für Andreas Baumann mit dem plötzlichen Tod seiner Frau zusammenbricht. Der Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik sowie eine anschließende therapeutische Begleitung halfen ihm, wieder zu sich selbst zu finden.

Erst als die Freundin krank wurde

Seine persönlichen Erfahrungen bewogen Andreas Baumann damals jedoch nicht dazu, die Treffen der SHG-Gruppe aufzusuchen. Nein. Die Tatsache, dass seine neue Freundin ebenfalls psychosoziale Probleme hat, war die treibende Kraft. „Bisher kannte ich nur das Problem, selbst betroffen zu sein. Nun fühlte ich mich hilflos, nichts für diese Frau tun zu können!“ Der Gedanke, sich mit anderen Angehörigen auszutauschen, um mit der neuen Situation besser klar zu kommen, führte über Umwege in die Gruppe von Axel Sauerwald.

Informationen zum Treffen der Selbsthilfegruppe „Angehörige psychisch Kranker“ gibt Axel Sauerwald unter 0 86 31/1 67 35 22.

Kommentare