Existenzängste, Einsamkeit

Corona wird bei vielen Menschen Depressionen auslösen, befürchten Betroffene aus der Region

Wenn dunkle Wolken in der Psyche aufziehen: Auch eine Krise wie die Corona-Pandemie kann zum Auslöser für Depression werden. Wege aus ihr sind schwer und eine lebenslange Aufgabe, erzählt ein Betroffener.
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Wenn dunkle Wolken in der Psyche aufziehen: Auch eine Krise wie die Corona-Pandemie kann zum Auslöser für Depression werden. Wege aus ihr sind schwer und eine lebenslange Aufgabe, erzählt ein Betroffener.
  • Kirsten Meier
    vonKirsten Meier
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Zahlen gibt es noch keine, Fachleute gehen aber davon aus, dass sich die Zahl der Depressiven durch die Corona-Krise erhöht. Denn Auslöser der Krankheit sind häufig äußere Faktoren, wie Rudolf Starzengruber, Leiter der Selbsthilfegruppe „Depression“ im Mühldorfer Haus der Begegnung, berichtet.

Mühldorf – Rudolf Starzengruber schildert es als Betroffener so: Man muss sich das so vorstellen: Man liegt auf der Couch und möchte sich ausruhen. Nebendran steht eine Wasserflasche. Auf einmal hat man Durst. Man möchte die Flasche greifen, öffnen und trinken. Der Körper funktioniert aber nicht mehr. Man kann nicht mehr nach der Wasserflasche greifen, geschweige denn sie öffnen. „Das ist ein Prozess, der enorm viel Überwindung kostet, bis man dazu fähig ist die Wasserflasche zu greifen, zu öffnen und zu trinken.“

Schlimme Erlebnisse lösen Depression aus

Starzengruber ist 53, er wirkt stark. Dass er selbst unter psychischen Problemen leidet, ist schwer vorstellbar. Ihn hat die Krankheit eiskalt erwischt.

Rudolf Starzengruber

„Das war ein schleichender Prozess“, erzählt der Burghausener, der die Selbsthilfegruppe Depression im Mühldorfer Haus der Begegnung leitet. „Schlimme Erlebnisse in meiner Kindheit, Mobbing am Arbeitsplatz und Probleme in der Partnerschaft kamen irgendwann geballt hoch. Ich musste da raus.“

Als er etwa 30 Jahre alt war, nahm der Erschöpfungszustand immer mehr zu.“ Irgendwann gibt es nur noch düstere Gedanken und keine Lebensfreude mehr. „Wenn die Depression schwer ist, kann man irgendwann den Haushalt nicht mehr selbst machen, vernachlässigt sich komplett selbst und meidet den Kontakt zu anderen Menschen.“

Depression - eine Volkskrankheit

Er nennt Depression eine Volkskrankheit mit einem besonderen Problem. „Man sieht es den Menschen nicht an, wie es in ihnen drin aussieht.“ Im Gegensatz zu einem gebrochenen Arm ist eine Depression nicht erkennbar. „Hat jemand eine gebrochene Seele, können viele Menschen nicht damit umgehen“, sagt er.

Als ihm klar wurde, dass er aus diesem Zustand ausbrechen musste, wurde er aktiv und das zu einem Zeitpunkt, wo er eigentlich mit seinen eigenen Kräften fast am Ende war. Ein wichtiger Bestandteil der Beschäftigung mit seiner Depression: 2005 tritt er der Selbsthilfegruppe im Haus der Begegnung bei, seit 2012 leitet er die Gruppe. Seitdem tut er alles, um der Krankheit ein Gesicht zu geben.

Das ist seine Lebensaufgabe, auch für sich selbst. „Auch ich habe meine guten und meine schlechten Tage. Dann muss ich mein Engagement für den Tag aussetzen und auf meinen Eigenschutz achten“, sagt Starzengruber.

Der Krankheit ein Gesicht geben

Sein Engagement reicht längst über die Selbsthilfegruppe in Mühldorf hinaus. Mit dem Projekt BASTA geht er in Schulen und betreibt Prävention. BASTA ist ein wissenschaftlich begleitetes „Anti-Stigma-Projekt“. Schon junge Menschen sollen dabei unterstützt werden, Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen abzubauen und Hilfsangebote kennenzulernen.

Schüler auf Depression aufmerksam machen

Während seiner Schulbesuche erzählt er seine Geschichte.

Für Starzengruber ist sein Engagement eine Passion. Er selbst weiß nur zu gut, wie es sich anfühlt, alleingelassen zu werden. Raus zu gehen, sich zu engagieren, in der Selbsthilfe zu arbeiten ist für Starzengruber Teil seiner Therapie. „Was ich immer rate ist: schließt euch auf gar keinen Fall ein. Geht unter Menschen, raus in die Natur. Engagiert euch für irgendeine Sache die euch Freude bereitet.“

Corona wird die Zahlen steigen lassen

Armin Rösl (47) aus Poing, Sprecher der Deutschen DepressionsLiga (DDL), geht davon aus, dass nach der Pandemie mehr Menschen unter Depression leiden. „Wie sich, statistisch gesehen, die Zahlen verändert haben, kann man noch nicht sagen. Ein Anstieg ist zu erwarten, vermutlich in den nächsten ein bis drei Jahren, wenn die Auswirkungen auf das eigene Leben wie Kurzarbeit, Insolvenz, Familienstruktur bröckelt, richtig bemerkbar werden.“

Denn Depression hat oft einen Auslöser. Das können laut Rösl Traumata sein, die nicht verarbeitet worden sind, zum Beispiel Druck im Beruf, im Privatleben, genetisch bedingte Ursachen, auch eine Krankheit kann eine Rolle spielen. „Jeder Mensch erhält, wenn er auf die Welt kommt, einen Rucksack. Der füllt sich im Laufe des Lebens mit schönen und nicht schönen Dingen. Bei manchen Menschen werden die negativen Dinge im Laufe der Zeit so schwer, dass sie es nicht mehr aushalten und im wahrsten Sinne des Wortes ertragen können. Dann brechen sie zusammen. Andere Menschen können den Rucksack tragen, ohne einzubrechen.“

5,3 Millionen Depressive

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass weltweit 322 Millionen Menschen von Depressionen betroffen sind (Stand 2017). Das wären 18 Prozent mehr als vor zehn Jahren.

In Deutschland waren es vor der Corona-Pandemie schätzungsweise 5,3 Millionen Menschen zwischen 18 und 79 Jahren, die unter Depressionen litten.

Diese Zahl erhöht sich noch einmal um Kinder und Jugendliche sowie Menschen über 79 Jahre, die in dieser Studie nicht erfasst sind, aber ebenfalls an Depression erkranken können. Die Zahlen sind laut Weltgesundheitsorganisation steigend. Etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann sei im Laufe des Lebens von einer Depression betroffen.

Frauen erkranken also zwei- bis sogar dreimal so häufig an einer Depression wie Männer.

Hier erhalten Betroffene Hilfe

Die Selbsthilfegruppe im Haus der Begegnung ist unter 0 86 31/40 66 erreichbar.

Nottelefon des Oberbayerischen Krisendiensts 01 80/6 55 30 00

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