Trotz des Tönnies-Skandals: „Die Kunden in der Region werden weiter Billig-Fleisch kaufen“

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  • Harald Schwarz
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  • Josef Enzinger
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Mit den Corona-Massen-Infektionen in der Fleischfabrik Tönnies und den jüngsten Fällen in Österreich hat sich Diskussion darüber, wie viel Fleisch kosten darf, entzündet. Konsumenten beteuern, dass sie bereit wären, mehr zu zahlen. Doch Hersteller von hochwertigem Fleisch machen oft eine andere Erfahrung.

  • Direktvermarkter im Landkreis Mühldorf sprechen über die Doppelzüngigkeit von Kunden
  • Sie geben aber auch den Supermärkten die Schuld an der Marktlage
  • Höhere Preise kommen aber nicht automatisch den Bauern zugute

Mühldorf – Allen Bekenntnissen zum Trotz sind nur wenige Verbraucher bereit, mehr Geld für Fleisch auszugeben. Diese Erfahrung machen Direktvermarkter im Landkreis mit Blick auf den Tönnies-Skandal und die jüngsten Corona-Fälle in Schlachthöfen in Österreich – einer davon bei Braunau. „Es muss zwar ein Weber-Grill sein, aber das Grillfleisch ist vom Discounter.“ Das sagt Gusti Hobmaier. Die Niedertaufkirchenerin betreibt mit ihrem Mann Josef schon lange ihre „Hofmetzgerei“ und verkauft unter anderem auf Wochenmärkten.

Lippenbekenntnisse der Kunden

Weiderinder und Strohsauen werden in Reit bei Niedertaufkirchen artgerecht aufgezogen. Allerdings lassen die Hobmaiers ihre Tiere mittlerweile auswärtig schlachten. Die Auflagen seien zu hoch gewesen, um die Hofmetzgerei weiterhin selbst noch wirtschaftlich zu betreiben.

Die Diskussion darüber, ob Fleisch zu billig angeboten wird, findet Hobmaier „witzig“. Nach außen werde der hohe Anspruch an das Tierwohl kommunziert und dass man gerne bereits sei, für gutes Fleisch mehr Geld hinzulegen. Lippenbekenntnisse: „Denn eingekauft wird beim Discounter.“

Sie könne nur von ihren Kunden sprechen, die ihre Fleisch- und Wurstwaren an den Bauernmärkten in der Region kaufen. Trotzdem: „Die Bereitschaft Geld für gutes Fleisch auszugeben, ist zurückgegangen!“ Hackfleisch als günstige Variantewerde nachgefragt, Grillgut ebenso.

Tönnies: „Wenn Gras darüber gewachsen ist, ist alles vergessen"

Dass der Fleischkonsum derzeit rückläufig ist, macht die Bäuerin eher an Corona als an grundsätzlichen Überlegungen fest: „Die Familien haben weniger Geld zur Verfügung. Entweder verzichten sie komplett auf Fleisch oder sie greifen doch wieder ins Kühlregal der Discounter!“ Sie ist skeptisch. dass die Zustände in den Tönnies-Schlachtbetrieben und anderen Unternehmen mehr als eine kurzfristige Reaktion der Verbraucher bringen werde. „Wenn Gras darüber gewachsen ist, ist das Ganze wieder vergessen. Dann fallen auch die Verbraucher wieder ins alte Raster zurück“, glaubt sie.

Achim Linder vom Biohof Attenberg sieht die Discounter in der Verantwortung. Sie legen die Preise fest und es gebe keinen Handlungsspielraum für die Erzeuger, sprich die Landwirte. Die Landwirte seien damit gezwungen, so sparsam wie es möglich ist, zu produzieren. Sie haben keine Chance, diesem System zu entziehen. Er bezeichnet es als „reine Geldabschneiderei“.

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Um vernünftig wirtschaften zu können, müssten Schweine, Rinder und Geflügel, deutlich teurer verkauft werden. Linder zeigt es an einem Beispiel. Laut statistischem Bundesamt sind die Fleischpreise für den Verbraucher in den vergangenen Monaten um rund neun Prozent gestiegen. Im gleichen Zeitraum sind aber die Preise, die die Landwirte für ihr Fleisch bekommen, um rund 25 Prozent gefallen.

Wenn der Landwirt vernünftiges Geld für seine Tiere bekommt, dann kann er auch dafür sorgen, dass seine Tiere vernünftig gehalten werden; Stichwort Tierwohl. Aus seiner Sicht geht das aber nur, wenn der Landwirt sein Fleisch selbst vermarktet: „Dann bekomme ich den Preis, der ausgemacht und auch notwendig ist“, so Linder.

Der Einzelhandel bestimmt die Preise

Die Zielgruppe des Biohofs Attenberger sind überwiegend Familien: „Bio muss nicht teuer sein, das sollte sich jeder leisten können“, so Achim Linder.

Ulrich Niederschweiberer, Obmann des Bauernverbands im Landkreis, kritisiert die Arbeits-Bedingungen in den Fleischbetrieben, macht aber auch klar, dass Änderungen dort den Produzenten nicht zugutekämen.

Höhere Preisen kommen nicht automatisch den Bauern zugute

Sollten Wurst und Fleisch teurer werden, weil die Produktion teurer werde, das Geld nicht zu den Bauern fließen. „Wir Landwirte hätten nichts davon, wenn die Schlachthöfe höhere Kosten haben.“ Denn diejenigen, die die Endpreise bestimmten, seien die großen Discounter-Ketten. „Unsere Billigmentalität gehört geändert.“

Direktvermarktung und regionale Verarbeitung nennt Niederschweiberer eine Ergänzung zum Massenmartk. Allein über regionale Produktionen und Vertriebswege sei die Versorgung zum Beispiel in Städten nicht zu gewährleisten. Er kritisiert, dass die Regionalvermarktung durch die hohen Auflagen der EU massiv erschwert würde. So gebe es zum Beispiel in Mühldorf nur noch die Metzgerei Spirkl, die selbst schlachte.

Rubriklistenbild: © Matthias Ettinger kwerbild.de

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