Auf der Walz von Corona überrascht: Wandergesellen müssen in Aschau auf Lockerungen warten

Mitte Juli dürfen die Wandergesellen wieder weiterziehen. Aktuell werden sie coronabedingt „ausgebremst“. Frederic Cammerer, Elias Klinge, Jascha fremder Rolandsbruder, Zoë fremde Holzbildhauerin vom Freien Begegnungsschacht, Nils Höpke, Michael und Clemens Schneider (von links).
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Mitte Juli dürfen die Wandergesellen wieder weiterziehen. Aktuell werden sie coronabedingt „ausgebremst“. Frederic Cammerer, Elias Klinge, Jascha fremder Rolandsbruder, Zoë fremde Holzbildhauerin vom Freien Begegnungsschacht, Nils Höpke, Michael und Clemens Schneider (von links).
  • Nicole Petzi
    vonNicole Petzi
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Eigentlich sollten die Fünf nach spätestens drei Monaten zum nächsten Betrieb wandern oder trampen, um dort wegen Arbeit anzuklopfen. Coronabedingt haben es die Gesellenvereinigungen ausnahmsweise zugelassen, zu verlängern. Eine Ausnahmesituation, die es bei den Wandergesellen nur sehr selten gibt.

Aschau – Im Leben kommt es bekanntlich oft anders, als man denkt. Eine Erfahrung, die im Zuge der Corona-Krise auch fünf Wandergesellen machen mussten. Auf ihren abenteuerlichen Reisen werden sie immer wieder mit unerwarteten Situationen konfrontiert. Wer Pläne macht, wird ausgelacht – heißt es bei den Wandergesellen, erzählt Jascha fremder Rolandsbruder – ein Name, den er sich gemäß den Vorgaben seiner ‚Gesellschaft‘ statt seines richtigen Namens gegeben hat. Das wird von den Gruppen jeweils unterschiedlich gehandhabt.

Coronabedingt zum Warten verurteilt

Der 27-jährige Schreiner, der vor rund fünfeinhalb Jahren aus einem Ort in der Karlsruher Ecke losgezogen war, ist kurz vor dem Shutdown zusammen mit weiteren vier Wandergesellen bei der Aschauer Firma Schneider untergekommen. Hier wurden sie regulär eingestellt und für ihre Arbeit bezahlt.

Über einen aus Aschau stammenden ‚Bruder‘ des Rolandsschachts – einer der acht Gesellenvereinigungen in Deutschland – waren Jascha und zwei weitere ‚Brüder‘, die Zimmerer Frederic Cammerer aus dem Raum Göppingen und Elias Klinge aus Borsum, Anfang März auf den Betrieb gestoßen. Zwei weitere Gesellen stießen noch hinzu: Zoë fremde Holzbildhauerin vom Freien Begegnungsschacht aus Melle und Zimmermann Nils Höpke aus der Lüneburger Heide, ebenfalls vom Rolandsschacht.

Eigentlich sollten sie nach spätestens drei Monaten zum nächsten Betrieb wandern oder trampen, um dort wegen Arbeit anzuklopfen. Coronabedingt haben es die Gesellenvereinigungen ausnahmsweise zugelassen, zu verlängern. Eine Ausnahmesituation, die es bei den Wandergesellen nur sehr selten gibt. „Rituale und Traditionen spielen bei uns eine große Rolle“, erklärt die 32-jährige Zoë.

Damit sind nicht nur die traditionelle Kleidung, Kluft genannt, oder alte ‚Benimm-Regeln‘ wie etwa die Frage, wann man das Jackett zu schließen hat oder der Hut abgenommen werden muss, gemeint. Auch feste Regeln gehören dazu. Mindestens drei Jahre und einen Tag soll man auf der Walz sein und darf dabei in einem Umkreis von 50 Kilometern oder mehr seinen Heimatort nicht betreten. Ein Abbruch der Walz wäre wie eine unehrenhafte Entlassung. Also tabu.

Kein Kontakt zur Familie und Freunden

„Unsere Familie ist in dieser Zeit die Gemeinschaft der Wandergesellen!“ Mit denen ist man stets in Kontakt und die fangen einen auf, beteuert Elias, der mit 19 Jahren der Jüngste im Bunde und seit ein paar Monaten unterwegs ist. Im März sei er erst ‚in die Gesellschaft aufgenommen‘ worden. Die Kommunikation klappt auch ohne Handy – das nicht erlaubt ist – via Mundpropaganda, Treffen oder Emails, die man an fremden Rechnern checken darf. Tradition eben.

Und was ist mit der Angst vor einer Ansteckung? Frederic lacht: „Wir sind doch weniger anfällig!“ Natürlich sei Corona eine schwere Erkrankung, aber Sorgen mache sich der junge Schwabe, der noch kurz vor dem Shutdown in Südamerika auf der Walz war, nicht. Vielleicht habe es mit der Bewegung und der frischen Luft zu tun.

In Coronazeiten sind Mitmenschen zurückhaltend

Dennoch: Durch das viele Trampen, auf das man als Wandergeselle, der kein Geld für Miete und Verkehrsmittel ausgeben darf, angewiesen ist, komme man oft in Kontakt mit anderen. Und die wolle man nicht anstecken, so Jascha. Im ‚worst case‘ wisse man Anlaufstellen. Krankenversichert muss ohnehin jeder Wandergeselle sein. Die Mitmenschen, die ansonsten neugierig und offen auf die Gesellen auf der Walz reagieren, seien aktuell eher zurückhaltend, ergänzt Elias, der im Februar von Norddeutschland in den Süden getrampt war.

Apropos trampen. Mit ihrer Kluft fühlt sich Zoë unterwegs sicherer. „Die Menschen haben einfach mehr Respekt vor mir!“ Da traue sich keiner, ihr einfach so die Hand auf die Knie zu legen. Und an Frauen auf der Walz müsse man sich verstärkt gewöhnen. Heute seien es bis zu 15 Prozent, auch wenn noch nicht alle Schächte weibliche Gesellen zulassen.

Zoë ist seit fast fünf Jahren auf der Walz und hat – genauso wie ihre Kollegen – viel von der Welt gesehen. Zuletzt war es Nepal. Die schönste Erfahrung habe sie allerdings in einem Wikinger-Freilichtmuseum in Dänemark erleben dürfen, in dem sie drei Monate lang gewohnt und gearbeitet hatte. Abenteuerlust ausleben, Erfahrungen sammeln und andere Kulturen kennenlernen – Gründe gibt es viele für die Walz. Ein Drittel Arbeit, ein Drittel Reisen und ein Drittel Warten, das mache die Walz aus.

Wandergesellen sind eine Attraktion

Während Elias noch ganz am Anfang des Abenteuers steht, stehen für Zoë und Jascha im Sommer die Zeichen auf ‚Heimkehr‘. Während die Holzbildhauerin im Juli noch einen Abstecher in die Schweiz machen möchte, geht der Weg für Jascha direkt heim, wo ihn eine Feier mit Freunden und Familie erwartet. „Das hängt natürlich von den Lockerungen ab“, so der Schreiner.

Dennoch haben es die fünf Gesellen bei den Schneiders im rund 30 Mann umfassenden Zimmerei-Betrieb gut getroffen. Sie haben Arbeit, sind in einer Wohnung direkt auf dem Arbeitsgelände untergebracht und alles inmitten einer Naturlandschaft, die viel Zeit zum Spazierengehen und Luftholen bietet. Es könnte schlimmer sein.

Auch die Schneiders, die zum ersten Mal Wandergesellen aufgenommen haben, sind mit dem Arrangement höchst zufrieden, auch wenn zu Beginn aufgrund der Quarantäne der Bauch schon etwas gegrummelt habe. „Die Fünf leisten gute Arbeit. Und sie sind bei vielen Kunden doch auch eine Attraktion“, schmunzelt der Zimmerermeister Clemens Schneider. Abgesehen davon lerne man voneinander, ergänzt sein Bruder Michael, Geschäftsführer der Firma.

Fast mit ein wenig Bedauern blicken die beiden auf Mitte Juli, wenn ihre temporären Mitarbeiter wieder weiterziehen werden. „Wenn es nach uns geht, können sie auch bleiben!“

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