Zwischen Versorgungsauftrag und Selbstschutz: Wie heimische Apotheken die Corona-Krise erleben

Sicher habe es Bedenken gegeben – so ganz ohne Tests oder Abstriche, sagt Susanne Engelmann. Doch wie ihre Antonius-Apotheke so haben auch die anderen Gesundheitsdienstleister die Stellung gehalten und ihren Versorgungs- und Beratungsauftrag sehr ernst genommen.
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Sicher habe es Bedenken gegeben – so ganz ohne Tests oder Abstriche, sagt Susanne Engelmann. Doch wie ihre Antonius-Apotheke so haben auch die anderen Gesundheitsdienstleister die Stellung gehalten und ihren Versorgungs- und Beratungsauftrag sehr ernst genommen.

Sie waren und sind in der Corona-Krise besonders gefordert: die Apotheken um die Ecke. Grund genug, um zum Tag der Apotheke am 7. Juni einmal nachzufragen, wie die Gesundheitsdienstleister diese schwierigen Wochen und Monate erlebt haben.

Waldkraiburg/Kraiburg/Ampfing– Selten wird wohl der Wert der Apotheken um die Ecke so deutlich sichtbar wie in Krisen-Zeiten. Wo Schulen, andere Betriebe, selbst behördliche Einrichtungen geschlossen oder heruntergefahren wurden, standen sie ihren Mann oder ihre Frau – die Apotheker und ihre Teams. Auch in Waldkraiburg und der näheren Umgebung. Grund genug, zum Tag der Apotheke am 7. Juni nachzufragen, wie sie die Zeit des Shutdowns erlebt haben.

Statt Südafrika-Trip Schutzwände bestellt

Die Stellung gehalten hat Susanne Engelmann von der Antonius-Apotheke in Waldkraiburg. Eigentlich wollte sie mit ihrem Mann Willi ein paar unbeschwerte Tage in Südafrika verbringen, um dort einen runden Geburtstag zu feiern. Die aufziehende Pandemie ließ die Alarmglocken klingeln; am Flughafen – einen Tag vor dem Shutdown – machte sie kehrt und bestellte noch von dort aus die Spuckschutzwände für die Apotheke. „Natürlich sind es besonders die Apotheken, die in solchen Krisenzeiten ins Feld schießen müssen“, beteuert die Apothekerin, die mit ihrem Mann Willi und ihren 20 Mitarbeitern dafür sorgt, dass das Geschäft 60 Stunden in der Woche läuft.

Schwierige Lieferketten aus Fernost

Sicher habe es Bedenken gegeben – so ganz ohne Tests oder Abstriche. Aber was soll man machen? Die Apothekerin nimmt den Versorgungs- und Beratungsauftrag sehr ernst, ganz besonders dann, wenn sich auch die Arztpraxen Corona-bedingt etwas zurückzögen. „Andererseits waren wir natürlich heilfroh, dass die Arbeit weitergeht. Auch das war ein Ansporn!“

Und Engagement musste das Team um Susanne Engelmann besonders in den ersten Wochen des Shutdowns mitbringen, als sich die Kunden nicht nur mit Desinfektionsmittel und Mundschutzmasken eindecken wollten, sondern auch Medikamente auf Vorrat hamsterten – und das bei schwierigen Lieferketten aus Fernost. Eine belastende Phase für alle Mitarbeiter. Denen haben es die Engelmanns übrigens mit einer Covid-19-Prämie gedankt. Das haben nur neun Prozent der Apotheken deutschlandweit gemacht.

Bedarf war riesig, Verunsicherung groß

Die Kundschaft sei dankbar für den reibungslosen Betrieb – auch wenn eine diskrete Beratung durch das Plexiglas und Mundmasken freilich erschwert sei. Der Bedarf war riesig, die Verunsicherung groß.

Apropos Beratung. „Da muss man als Apotheker einfach die Panik herausnehmen und aufklären, soweit es geht“, findet auch Judith Angstwurm von der Apotheke am Inn in Kraiburg. Wobei es einem die Medien, aber auch Verantwortlichen in der Politik manchmal schon schwer machen. Man denke nur an die Verwirrung um den Arzneistoff Ibuprofen, der angeblich den Krankheitsverlauf verschlimmern würde. Dann ein Zurückrudern von WHO. „So etwas macht die Leute verrückt!“

Angstwurm und ihre vier Mitarbeiter sind es gewohnt, sich Sorgen und Nöte der Kunden anzuhören. Auch wenn viele aufgrund der Situation auf Versandapotheken zurückgegriffen haben, so könne das den direkten Kontakt in der Apotheke nicht aufwiegen

Viele Patienten haben sich aufs Telefonieren verlegt

So sieht das auch Jürgen Roller von der Waldkraiburger Hubertus-Apotheke. Der 68-Jährige hat trotz angeschlagener Lungen den Betrieb nicht vernachlässigt. „Als Betroffener ist natürlich die Sensibilisierung für Schutzmaßnahmen groß“, so der Apotheker, der in Einzelgesprächen mit seinen zehn Mitarbeitern versucht hat, Sorgen zu mindern. Diese Sorgsamkeit nehme auch der Kunde wahr. „Angst ist doch immer ein schlechter Ratgeber!“ Dennoch: Die Laufkundschaft wird weniger. Viele Patienten haben sich aufs Telefonieren verlegt, Arztpraxen faxen Rezepte, Medikamente werden vermehrt ausgeliefert. Das sei natürlich ein großer Mehraufwand. Und ja, auch die Versandapotheken seien da nach Jürgen Rollers Ansicht ein Problem. Ein Problem, das die Politik fördere. Sei nicht in den Koalitionsvereinbarungen ein Verbot festgelegt worden, dass dieses Versandgeschäft den EU-Grundsätzen widerspreche? In der Hinsicht hinke Deutschland vielen EU-Nachbarn hinterher.

Apotheker und selbst Risikopatient

Aufgrund der Pandemie befassen sich vermehrt Menschen mit ihrer Gesundheit, fragen nach Medikamenten, die das Immunsystem stärken. Auch das fällt dieser Tage auf. Zum Beispiel Hans-Jürgen Geuer, Chef der Goethe-Apotheke in Waldkraiburg. Der 58-Jährige hat ein ausgewähltes Sortiment an homöopathischen Mitteln und Angeboten im alternativmedizinischen Bereich auf Lager. Absolute Sicherheit könne es natürlich nie geben. Ganz besonders schwierig sei da die aktuelle Lage in puncto Heilmittel. Am besten schützt man sich, indem man auf Distanz geht. Auch Geuer musste sich als Risikopatient während der Krise aus dem laufenden Betrieb zurücknehmen. Zwischen Versorgungsauftrag und Schutz steht eben auch der Apotheker selbst.

Dreimal so viele Anrufe als sonst

Es sei wichtig, die Schutzmaßnahmen, die ganze Situation offen zu kommunizieren. Nur dadurch schaffe man das Verständnis der Kunden, sagt Sebastian Lugmair, Leiter der Isen-Apotheke in Ampfing. Und wenn vielen Menschen der direkte Kontakt vor Ort – trotz Spuckwand, die er übrigens als erster hatte aufbauen lassen – Bauchschmerzen bereitet, gibt es eben auch andere Wege. Die nutzt der junge Apothekenbetriebswirt. „Unser Telefon glüht. Wir müssen sicher dreimal so viele Anrufe als sonst managen.“ Aber auch Angebote über Social Media, etwa die Bestell-App, werden sehr gut genutzt. Aktuelle Infos, nicht nur zu Corona, auch zu saisonalen Gesundheitsthemen wie Gräser -und Pollenflug, pflegt Lugmair selbst auf der Facebook-Seite ein.

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„Die Krise hat die Wertschätzung für den wichtigen Apotheker-Beruf geschärft.“ Notdienste, Botendienste, Beratung rund um die Uhr – und ja, auch das Herstellen von Arzneien gehören traditionell immer noch dazu. Gerade in Zeiten von Corona. Ganz abgesehen von den vielen Millionen Arzneimitteln, die deutschlandweit jedes Jahr von den Vor-Ort-Apotheken, zugeschnitten auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten, hergestellt werden. War es doch der Apotheker um die Ecke, der mithilfe einer WHO-Rezeptur Desinfektionsmittel bereitstellen konnte, wo man anderswo lang hätte suchen können.

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