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AUS DER MUSIKSCHULE

Waldkraiburger Flötenlehrer warnt: Mit Zwang impft man Kids gegen Musik

„Es kommt auf die Bohrung an, wie eine Flöte klingt“, erklärt Blockflötenlehrer Guillermo Vélez. Er spielt auf einer verzierten Barockflöte. Fast schon ein wenig nüchtern und minimalistisch wirkt dagegen eine gotische Flöte, deren Bohrung konisch ist. Sie erzeugt einen sehr kräftigen Ton.
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„Es kommt auf die Bohrung an, wie eine Flöte klingt“, erklärt Blockflötenlehrer Guillermo Vélez. Er spielt auf einer verzierten Barockflöte. Fast schon ein wenig nüchtern und minimalistisch wirkt dagegen eine gotische Flöte, deren Bohrung konisch ist. Sie erzeugt einen sehr kräftigen Ton.
  • Andrea Klemm
    VonAndrea Klemm
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Waldkraiburg – Wenn Buben und Mädchen in der Schule sich gezwungen fühlen, Blockflöte zu lernen und zu spielen, kann sich das wie eine Impfung gegen Musik auswirken.

„So verhindert man Musik bei Kindern“, ist Blockflötenlehrer Guillermo Vélez überzeugt. Der Südamerikaner unterrichtet an der Sing- und Musikschule Waldkraiburg. Acht Jahre hat er das Instrument am Mozarteum studiert. Aber sicherlich nicht, um Kinder damit zu quälen. Sondern um sie für das Holzblasinstrument zu begeistern. Oder auch Erwachsene. Bei drei Damen hat er dies geschafft.

Pastorale Oper üben

Das Trio Claudia Kaleve aus dem Landkreis Traunstein, Dorothea Hartenstein aus Taufkirchen und Maria Tribus-Wild aus Jettenbach trifft sich alle zwei Wochen, um die Technik zu verbessern. Auf dem Notenständer liegt eine Partitur aus „Il Pastor fide“ von Georg Frierich Händel. Das Stück „Ballo“ aus dieser pastoralen Oper in seiner zweiten Fassung von 1734 beschäftigt die kleine Gruppe. Das Stück ist fröhlich, zum Tanzen gedacht. Mit Leidenschaft und Eifer sind die drei Frauen dabei. Bei Takt 39 bleiben sie immer wieder hängen.

Triller mit Atemtechnik

„Wir versuchen einen Triller, wir brauchen einen etwas längeren Vorhalt“, erklärt Vélez die Atemtechnik. Es geht um eine Verzierung der Musik. Für die Barockmusik gibt es ausführliche Literatur zu den Trillerschlägen auf der Blockflöte. Eine Wissenschaft für sich.

Kaleve, Hartenstein und Tribus-Wild – alles versierte Instrumentalisten – versuchen, synchron zu klingen. Ihr Lehrer Vélez erklärt, der Triller sei eine rhythmische Verzerrung, die nicht als Note geschrieben werde. Als Bild gibt er den Frauen mit auf den Weg, sich einen Pingpongball vorzustellen, der auf den Boden fällt und sich „aushüpft“.

Wenn sie gemeinsam spielen, klingt das nicht nach dem Blockflöten-Gedudel, das man eventuell aus Kindergärten und Grundschulen kennt. Es klingt nach echter Musik, nach Kunst.

Einzelunterricht ist besser

„Ja, es gibt diese großen Gruppen, wo Kinder Flöte lernen müssen. Auf diese Art zu unterrichten, ist falsch. In einer Gruppe kann man keine Technik vermitteln. So was klingt schrecklich, hinterher hat man keine Ohren mehr“, sagt Vélez halb lächelnd, halb mitleidig. Er setzt auf Einzelunterricht. Kinder zu zwingen, das Spiel mit der Flöte zu lernen, lehnt er strikt ab. Ein Lehrer müsse motivieren – und zuhören können.

Gute Lehrer wecken die Freude

„Und Freude wecken, es kommt eben auf den Lehrer an“, sagt Dorothea Hartenstein. Sie stammt aus Südafrika und ist seit ihrer frühesten Kindheit bei der Blockflöte geblieben. „Unser Lehrer zeigte damals mit einem Stock auf die Noten an der Tafel.“

Die 71-Jährige muss schmunzeln, wenn sie zurückdenkt. Das Instrument eigne sich für Kinder, weil die Anblastechnik einfach sei – im Gegensatz zur Querflöte beispielsweise. „Es ist leicht, einen Ton zu erzeugen“, so Hartenstein. Innerhalb Deutschlands sei sie öfter umgezogen – durch diverse Flötenquartette, denen sie sich anschloss, habe sie überall schnell Kontakte geknüpft. „Daheim spiel ich einstimmig, hier ist es vierstimmig“, bringt es Hartenstein auf den Punkt. „Mein Professor sagte immer, Musik ist ein kollektives Ereignis“, ergänzt Vélez das Bild vom Gemeinschaftserlebnis, das mehrere Sinne beschäftigt.

Verschiedene Stimmlagen vereinbar

„Ich schätze die Blockflöte, weil man miteinander musizieren und so viele Epochen bedienen kann. Von hoch bis tief – verschiedene Stimmlagen lassen sich hier vereinen“, sagt Claudia Kaleve, die die etwa 50 Kilometer Anfahrt in Kauf nimmt. „Man muss weit fahren, um einen guten Lehrer zu finden“, sagt die 65-Jährige. Der Dienstag alle zwei Wochen sei ein fester Termin in ihrem Terminkalender.

Gedämpft und elegant klingen die Barock-Blockflöten in den Tonlagen Bass und Tenor von (von links) Claudia Kaleve, Dorothea Hartenstein und Maria Tribus-Wild. Das erwachsene Blockflötentrio trifft sich 14-tägig in der Musikschule, um zu musizieren – und etwas Neues zu lernen. Kinder spielen meist auf Sopran-Flöten.

Entspannungseffekt wie beim Singen

„Gemeinsam zu spielen, das macht einfach Spaß“, sagt Maria Tribus-Wild. Die 60-Jährige mag es, sich auf das Spiel zu konzentrieren und nur darauf. Flöte spielen habe einen ähnlichen Entspannungseffekt wie Chorsingen. Durch die Atemführung, das Strömen beruhigen sich die Gedanken und der Puls – und damit der ganze Mensch.

Diesen Effekt kennt der Südamerikaner nur zu gut. Yoga brauche er dafür nicht. Das habe er auch seiner Frau schon mehrmals erklärt. „Wenn ich musizier, bin ich bei mir, ruhe in mir. Musiziere ich längere Zeit nicht, bin ich nicht in meiner Mitte.“ So meditativ ist die Wirkung des eigenen Tuns auf ihn.

Wir artikulieren uns mit der Blockflöte

„Mich motiviert es, dass die Damen so motiviert sind und etwas lernen wollen. Ich bin nicht ihr Unterhalter, ich zeige ihnen was Neues und das schätzen sie“, sagt Guillermo Vélez.

„Die Noten können wir ja schon. Wir wollen uns artikulieren mit der Blockflöte. Sie gut zu spielen, ist nämlich schwierig“, ergänzt Hartenstein. „Ja, und wenn die Technik nicht stimmt, klingt es nicht schön“, lacht er – meint damit aber bestimmt nicht seine drei Schülerinnen.

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