Zum Zerreißen gut

Aus gegebenem Anlass wenden wir uns in der heutigen Folge der Wochenschau einem Kleidungsstück zu, das zu Unrecht im Alltag zu wenig Beachtung findet: der Hose. Das Beinkleid bereichert den deutschen Sprachschatz bekanntlich in vielen treffenden Redewendungen, geflügelten Worten und Bildern.

Da ist zum Beispiel die Rede von der "toten Hose", die für gähnende Langeweile steht. Und wenn etwas "voll in die Hosen geht", heißt das, dass es vermutlich ein bisschen besser hätte laufen können.

Uns drängt sich seit wenigen Tagen in diesem Zusammenhang ein weiteres, noch unverbrauchtes Sprachbild auf, das der "zerrissenen Hose" - als Symbol für eine ausgesprochen gelungene Veranstaltung. Wir sind beim Stadtball unter dem Motto "Go West", genauer beim Bullenreiten.

Nur wenige Hosenträger hielt es bei der Aussicht, bester Bullenreiter dieses Balls zu werden, auf dem Hosenboden. In der Black Box im Haus der Kultur herrschte Stimmung wie in der Eissporthalle, wenn der EHC spielt. Lange Schlangen bildeten sich vor dem mechanischen Monster, das kommunalpolitische Who is Who Waldkraiburgs vorneweg. Altbürgermeister Siegfried Klika und Zweiter Bürgermeister Richard Fischer, die als erste die Herausforderung suchten, schüttelte der Bulle ab wie Greenhorns. Neubürgermeister Robert Pötzsch hielt sich hartnäckiger, zwischenzeitlich sogar an der Spitze der Rangliste, war am nächsten Tag aber ganz froh, bei einem zweiten Anlauf gegen Mitternacht wegen des großen Andrangs nicht mehr dran gekommen zu sein.

Zu den Reitern, die besonders engagiert ans Werk gingen, zählte nicht überraschend Stadtrat Andreas Marksteiner. Der durchtrainierte Sportreferent, einst eine der Säulen der VfL-Fußballmannschaft, schonte weder sich noch seine Garderobe. Und so kam es, wie es kommen musste: Die Hose platzte.

Moderator Norbert Meindl hatte noch gewarnt: "Keine Sorgen, meine Damen, wir haben Nähzeug da. Meine Herren, auch die Hosen werden geflickt!" Mit Nähzeug war bei Marksteiner nichts mehr zu wollen. Ratzfatz wechselte er daheim das Beinkleid und stürzte sich wieder ins Vergnügen.

Ein solches war der Ball der Stadt für die vielen Besucher, ein Premium-Event. Zum Zerreißen gut. Ein Fest für alle Sinne. Sogar "geduftet" hat es nach Wildem Westen, Viehtrieb und kleiner Farm, gleich am Anfang für einen Moment, als ein echtes Pferd auf der Tanzfläche stand und sich nicht ganz an die Regie hielt. Sowas kann halt selbst die beste Organisation nicht verhindern.

Goldwaschen, Steckbriefe, Cancan-Vorführungen, Auftritte der Waldburgia, Western- und Indianertänze - so unterhaltsam, vielfältig und dicht war das Programm, dass eine Showeinlage weniger gar nicht geschadet hätte.

Der Ball blieb im Gespräch, noch weit in die Woche hinein. Bei der Jahreshauptversammlung von Handel und Handwerk verriet Vorsitzender Willi Engelmann, nimmermüder Trommler für die Einkaufsstadt und Animateur der Aktionsgemeinschaft, was ihm beim Tanzen auf dem Stadtball so alles durch den Kopf ging: "Ich liebe meine Frau und bin stolz auf Waldkraiburg."

Auch die Kommunalpolitik hatte sich zur Wochenmitte längst vom Bullenreiten erholt und machte die Mitglieder an diesem Abend zur Minderheit: Alle drei Bürgermeister waren da, die drei Fraktionsvorsitzenden und eine Handvoll Stadträte dazu. "Wir könnten heute ja fast eine Stadtratssitzung machen", freute sich Engelmann.

Einer, der den Eindruck erweckt, den Stier gleich bei den Hörnern packen zu wollen, stellte sich am Tag nach dem Stadtball beim Neujahrsempfang der Wirtschaftsverbände im Landkreis vor: Dr. Markus Söder, bayerischer Finanzminister, dem erst kürzlich die Demoskopie glänzende Aussichten auf eine Beförderung ausgestellt hatte. Das machte natürlich neugierig und lockte die Akteure aus Politik und Wirtschaft aus der Region in Scharen ins Haus der Kultur.

Sie mussten es nicht bereuen. Reden kann er, der Staatsminister, launig, witzig, unterhaltsam. Das muss man ihm lassen. Der größte Lacher aber gehörte dem Gastgeber dieses Abends: Ulli Maier, seines Zeichens Vorsitzender der Industriegemeinschaft Waldkraiburg-Aschau, der zur großen Freude seiner Zuhörer als Gastredner "ganz herzlich Dr. Marcel Huber" begrüßte.

Dabei lag natürlich kein Versprecher näher als dieser, nicht wahr? Auch deshalb, weil es im Saal regelrecht huberte. Markus Söder sprach wenig später vom "Huber-Nest, der politisch größten Ansammlung an Hubers in der Welt": Landrat Georg Huber, Landtagsabgeordneter Martin Huber und eben sein Kabinettskollege Marcel Huber.

Ulli Maier war vom Gastredner - Dr. Markus Söder (!) - begeistert. Wenn er jetzt auch noch schnelles Internet in den Waldkraiburger Ortsteil Ebing bringe, "dann sind Sie mein Freund fürs Leben", versprach er. Der Heimatminister stapelte ausnahmsweise tief. Ihm würde ein bisschen Lob schon reichen, meinte er. Hans Grundner

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