Zehn Jahre Geothermie Waldkraiburg: Wie alles begann und wie es weitergeht

Drei Monate dauerte die erste Bohrung, bis man endlich auf heißes Wasser gestoßen ist.
+
Drei Monate dauerte die erste Bohrung, bis man endlich auf heißes Wasser gestoßen ist.

Ein neues Kapital haben vor zehn Jahren die Stadt und die Stadtwerke aufgeschlagen. Mit der Suche nach heißem Wasser schlug man einen Weg ein in Richtung regenerative und saubere Wärmeversorgung. Altbürgermeister Siegfried Klika und der ehemalige Stadtwerke-Geschäftsführer Norbert Weigl erinnern sich an die Anfänge der Waldkraiburger Geothermie.

Von Raphaela Lohmann

Waldkraiburg – Von einer „uralten Idee“ sprich Norbert Weigl. Denn als in 1950er Jahren im Landkreis nach Erdöl gebohrt wurde, war klar: Hier gibt es heißes Wasser. Doch erst rund 60 Jahre später sollte man diese heiße Quelle tatsächlich anzapfen. Zunächst war nicht einmal angedacht, das heiße Wasser für die Wärmeversorgung zu nutzen. „Es gab die Idee für ein Thermalbad, aber die Umsetzung war einfach zu schwierig und es gab keinen INvestor“, erinnert sich Klika.

Skeptiker waren schnell überzeugt

Als dann die Umweltdiskussionen immer mehr an Gewicht gewannen und Fragen nach regenerativen Energien immer öfter aufkamen, entstand die Idee für eine Geothermie in Waldkraiburg. „Ziel war es, dass die Stadt ihren ökologischen Beitrag leistet“, sagt Weigl. Entscheidend vorangetrieben hätte Siegfried Klika diese Idee. „Skeptiker und die Öffentlichkeit waren schnell überzeugt“, sagt Klika. Trotzdem gab es Anwohner, die sich wegen Lärms sorgten.

Ein Bohrprofil aus den 1950er Jahren gab Aufschluss über die Bohrung, Wirtschaftlichkeitsberechnungen wurden angestellt. Bedenken gab es kein und trotzdem war es ein „unternehmerisch großes Risiko“ laut Weigl, der vergangenes Jahr in Rente ging. Die Stadt hatte zwar bei einer erfolglosen ersten Bohrung mit der Bohrfirma eine Ausstiegsklausel ausgehandelt, dennoch lag das Risiko bei fünf Millionen Euro. Die geologischen Voraussetzungen stimmten und neben der Kläranlage hatte die Stadt einen „optimalen Bohrplatz“. Nicht nur aus geologischer Sicht, denn ein dortiges Blockheizkraftwerk lieferte bereits die Basis für ein Fernwärmenetz. Und doch die bangen Fragen bei allen Beteiligten: Stößt der Bohrer auf heißes Wasser? Wie hoch ist die Temperatur?

Lesen Sie auch:

Ab jetzt wird die Erde angebohrt

Die Beschwerdeführer kamen nicht

Heißes Wasser sprudelt

Kein Erdöl in Ampfing: Warum das Projekt geplatzt ist

Je weiter der Bohrer in die Tiefe vordrang, desto mehr verspürte Klika ein Muffensausen: „Ich wusste, wenn ich bei diesem Projekt fünf Millionen Euro in Sand setze, bin ich politisch erledigt.“ Am 11. November war die erste Bohrung am Ziel, doch es kam nichts. Ein Schock für alle Beteiligten, nach einer Krisensitzung stand fest: Es wird noch weitere 50 Meter tief gebohrt. Die richtige Entscheidung. Am darauffolgenden Tag sprudelte das heiße Wasser. „Mir ist ein Felsen von der Brust gefallen“, sagt Klika. Ein solches Risiko würde er ein zweites Mal eingehen – eine gute Vorarbeit natürlich vorausgesetzt.

Mit einer Temperatur von 110 Grad Celsius erreicht das Wasser aus einer Tiefe von rund 2600 Metern die Oberfläche. Genug für die Wärmeversorgung, für eine Verstromung müsste das Wasser mindestens 120 Grad heiß sein. Enttäuscht ist man darüber weniger: „Die Stromversorgung ist weniger eine kommunale Aufgabe“, sagt Weigl. Eine Wärmeversorgung hingegen schon.

Projekt für den Umweltschutz

Bereits bei den Planungen war klar: Rentabel wird das Projekt nur, wenn möglichst viele Geschosswohnungsbauten anschließen. Davon gibt es reichlich in Waldkraiburg und WSGW wie auch die Stadtbau waren überzeugt von der Geothermie. „Fast jeder Neubau entlang der Trasse ist heute an das Fernwärmenetz angeschlossen“, sagt Weigl.

Doch reicht die Fördermenge für die ganze Stadt? Nicht erst zehn Jahre später weiß man, dass die Menge reicht. Weigl sah es bei der Eröffnung der Geothermie als realistisch an, dass bis 2030 die ganze Stadt erschlossen ist und sieht damit die Stadtwerke auf einem guten Weg. Kontinuierliche bauen die Stadtwerke noch immer das Netz weiter aus. „Die Geothermie ist ein Erfolgsmodell. Es ist das Projekt für Waldkraiburg in Sachen Umweltschutz“, ist Klika überzeugt.

Nachfrage wird noch deutlich steigen: Interview mit Stadtwerke-Chef Herbert Lechner

Herr Lechner, wie weit ist man bereits mit der Erschließung Waldkraiburgs mit Fernwärme?

Herbert Lechner: Derzeit umfasst das Fernwärmenetz eine Länge von 15,2 Kilometern an Hauptleitungen sowie 6,5 Kilometern an Hausanschlussleitungen. Von der Fläche der Stadt Waldkraiburg ist damit etwa ein Drittel erschlossen. Neben den öffentlichen Einrichtungen (Schulen, Kindergärten, Waldbad, Schwimmhalle), Alten- und Pflegeheime werden bereits 2700 Wohneinheiten mit unserer heimischen Wärme versorgt.

Welche Bereiche werden aktuell angeschlossen?

Lechner: In diesem Jahr angeschlossen werden die neuen Häuser auf dem ehemaligen Konenareal, die Häuser am Iserring, einige Mehrfamilienhäuser in Waldkraiburg-West, das kleine Neubaugebiet in Waldkraiburg-Süd, die neuen Gebäude auf dem ehemaligen Haldenwanger-Grundstück in der Reichenberger Straße sowie Gebäude in der Braunauer Straße. Die ab 2021 vorgesehene Einführung der CO2-Steuer auf Gas und Heizöl hat die Nachfrage nach Fernwärmeanschlüssen merklich erhöht. Die absehbare Verteuerung der fossilen Energieträger in den nächsten Jahren wird die geothermale Wärmeversorgung deutlich schneller voranbringen.

Was ist in naher Zukunft geplant?

Lechner: Im nächsten Jahr geplant ist der Ausbau im Bereich der Adlergebirgsstraße zum Anschluss des Hauses der Kultur. Der Hausanschluss wurde bereits vorbereitet. Dazu kommt die Verlängerung der Hauptleitungen in der Gablonzer Straße, der Troppauer Straße sowie der Riesengebirgsstraße.

Etwa 20 Prozent der Waldkraiburger sind schon am Netz

Wie viel Haushalte sind mittlerweile an das Netz angeschlossen? Wie viel Wärme wird dabei verbraucht?

Lechner: Die geothermale Wärmenutzung hat sich von anfänglich rund 13 200 000 kWh auf nunmehr rund 30 700 000 kWh mehr als verdoppelt. Aufgrund der hohen Mengensteigerung wird die bisherige Tiefenpumpe in der letzten Augustwoche durch eine leistungsstärkere Pumpe ersetzt. Die versorgten rund 2 700 Wohneinheiten entsprechen etwa 20 Prozent der Waldkraiburger Haushalte.

Wie realistisch ist es, dass bis 2030 ein Großteil der Stadt mit Fernwärme versorgt ist?

Lechner: Der weitere Ausbau des Fernwärmenetzes hängt von der jeweiligen Wirtschaftlichkeit der einzelnen Bauabschnitte ab. Diese wird maßgeblich durch die Anschlussquoten sowie die Art der Bebauung, ob es sich um Mehrfamilienhäuser oder Einfamilienhäuser handelt, beeinflusst. Aufgrund der in den nächsten Jahren ansteigenden Erdgaspreise durch die CO2-Steuer gehen wir davon aus, dass sich die Nachfrage nach Fernwärmeanschlüssen weiter erhöhen wird. Damit kann auch der wirtschaftliche Ausbau des Netzes schneller vorangetrieben werden. Es ist zu erwarten, dass bis 2030 deutlich über 50 Prozent der Waldkraiburger Haushalte die Möglichkeit haben werden, an die Fernwärme anzuschließen. Wie bei anderen zentralen Versorgungseinrichtungen ist der Aufbau eines Fernwärmenetzes ein Generationenprojekt und wird bis 2030 nicht abgeschlossen sein.

Eine fast unerschöpfliche Energiequelle

Wie schätzen Sie es persönlich ein, dass die Stadt vor zehn Jahren die Geothermie auf den Weg gebracht hat?

Lechner: Die Aufnahme der Nutzung des Tiefenwassers im Jahr 2012 hat sich seitdem sehr positiv entwickelt. Die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen im Bereich Klima- und Ressourcenschutz zeigen die Weitsichtigkeit der damaligen Entscheidung, nach heißem Wasser zu bohren. Bereits Anfang der 2000er Jahre hatte der damalige Bürgermeister Fischer und der Geschäftsführer der Stadtwerke Rudolf Hauschild die ersten Schritte zur Nutzung der Geothermie in die Wege geleitet. Bürgermeister Klika und Geschäftsführer Weigl setzten die Vision der Nutzung unseres Bodenschatzes aktiv um. Seit der Amtsübernahme durch Bürgermeister Pötzsch wurde das Fernwärmenetz und damit die Nutzung der Geothermie weiter erheblich ausgebaut. Ich persönlich habe von Anfang an an der Planung, Vorbereitung, Umsetzung und der erfolgreichen Fortführung der Geotherme seit Anfang der 2000er Jahre sehr gerne mitgearbeitet. In der Rückschau bin ich allen beteiligten Personen dankbar, dass dieses Projekt für eine unabhängige und klimafreundliche Wärmeversorgung umgesetzt werden konnte. Die fast unerschöpfliche Energiequelle wird viele Generationen in Waldkraiburg sicher mit Wärme versorgen.

Wo sehen Sie die Vorteile der Geothermie?

Lechner: Als wichtigste Vorteile sehe ich vor allem die eigene kommunale, klimaschonende Energieversorgung vor Ort, bei der wir in Waldkraiburg von keinen anderen Ländern oder Regionen abhängig sind und unsere eigene Energieversorgung gestalten können. Unsere Fernwärmekunden müssen sich keine Sorgen über Ihre nachhaltige Wärmeversorgung mehr machen. Egal welche politischen Rahmenbedingungen in Richtung CO2-freier Energieversorgung national gesetzt werden, unsere Wärmekunden sind hier bereits bestens für die Zukunft aufgestellt.

Gibt es auch Nachteile?

Lechner: Die hohen Anfangsinvestitionen bereiten der geothermalen Fernwärmeversorgung vor allem im wirtschaftlichen Vergleich zu Erdgas derzeit noch einen Nachteil, der sich aber künftig durch die Einführung der CO2-Steuer und steigenden Erdgaspreisen auflösen wird.

nterview: Raphaela Lohmann

Vor zehn Jahren setzte der Bohrer an, Altbürgermeister Siegfried Klika (links) und der ehmalige Stadtwerke-Geschäftsführer Norbert Weigl sind dabei.

Kommentare