Am 1. April 1950: „Wir wollen hier wirklich Wurzeln schlagen“ – Die Gründung Waldkraiburgs

Ein Glasgeschenküberreichte Bürgermeister Hubert Rösler (rechts) bei der Gemeindegründungsfeier im Mai 1950 an den Staatssekretär für das Flüchtlingswesen, Wolfgang Jaenicke (links), und Wirtschaftsminister Hanns Seidel.

Waldkraiburg 2020 – dort, wo nach dem Krieg ein ehemaliges Rüstungswerk samt Barackenlager im Wald stand, breitet sich heute eine Stadt mit über 25000 Einwohnern, erfolgreichen Unternehmen, einer entwickelten Infrastruktur, Schulen, Sozial-, Sport- und Kultureinrichtungen, aus. War das vor 70 Jahren vorstellbar?

Waldkraiburg – Vermutlich haben diese Entwicklung nur sehr wenige für möglich gehalten, Männer wie Hubert Rösler, Architekt aus Nordböhmen, der im Auftrag der Regierung schon im Jahr 1947 einen Siedlungs- und Wirtschaftsplan für eine Stadt mit 12 000 Einwohnern erarbeiten sollte.

Pioniergeist der Unternehmer und bestens ausgebildete Arbeitnehmer waren der Schlüssel zum Erfolg

Rösler, der später zum ersten Bürgermeister Waldkraiburgs gewählt wurde, zählte zu den treibenden Kräften der Gründung der neuen Gemeinde. Und mit ihm die Industriegemeinschaft, eine Vereinigung von Unternehmerpersönlichkeiten, die mit ihrem Knowhow und Pioniergeist zusammen mit vielen hervorragend ausgebildeten Arbeitskräften aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nach Bayern gekommen waren.

Lesen Sie auch:

Weg der Geschichte

Unsere Stadtgeschichte

Waldkraiburg

Seit 1946 fanden Flüchtlinge und Vertriebene im Werk Kraiburg und den dazugehörigen Barackenlagern eine neue Bleibe, die sie durch harte Arbeit zur neuen Heimat machen sollten.

Die Zuzügler nehmen ihre Geschicke selbst in die Hand, drängen bald und gegen manche Widerstände auf Eigenständigkeit, auf eine selbstständige Gemeinde. Mit ihrer Hartnäckigkeit und dem wirtschaftlichen Potenzial überzeugen sie schließlich die Politik und die Ministerialbürokratie in München.

Freistaat bewilligte 15 000 Mark Startkapital

Auf den 6. April 1950 ist die Entschließung des Bayerischen Innenministeriums über die Bildung der neuen Gemeinde Waldkraiburg, der ersten Vertriebenengemeinde Deutschlands, datiert. Mit Wirkung vom 1. April werden ihr Flächen der Nachbargemeinden Aschau, Fraham, Heldenstein und Pürten zugeschlagen sowie staatliche Forstflächen, insgesamt 619 Hektar.

Für die Einrichtung der Gemeindeverwaltung bewilligt der Freistaat 15 000 Mark. Waldkraiburg geht mit einer zweiklassigen Schule für 240 Kinder, einem Kindergarten, einem Notkirchenraum, einer Gaststätte, einem Lichtspieltheater an den Start. Wasserversorgung, Kanalisation, Elektrifizierung stammen noch aus der Kriegszeit. Sogar ein Friedhof ist angelegt, ein Zweigpostamt, eine Sparkassen-Zweigstelle, ein Landpolizeiposten vorhanden. Und 114 Handwerks-, Industrie- und Gewerbebetriebe, fast alles Flüchtlingsfirmen, mit 1200 Beschäftigten und einem Gesamtumsatz von 18 Millionen Mark.

+++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

Am 21. Mai 1950 ist Gemeinderatswahl. Rösler wird Bürgermeister und als solcher bei der Gemeindegründungsfeier zwei Tage später sagen: „Wir wollen hier wirklich Heimat finden, wollen wirklich Wurzeln schlagen. Wir lehnen es darum ab, eine Gemeinde fremder Menschen in Bayern genannt zu werden. weil wir wirklich eine bayerische Gemeinde sein wollen.“

Kommentare