„Wir sind hier das Zukunftsministerium“: Frischer Wind im Waldkraiburger Haus der Jugend

Sie sind die Neuen im Haus der Jugend: Philipp Schmid (Leiter) und Wagma Ansari, die an einem Konzept für die Wiedereröffnung im Herbst arbeiten.
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Sie sind die Neuen im Haus der Jugend: Philipp Schmid (Leiter) und Wagma Ansari, die an einem Konzept für die Wiedereröffnung im Herbst arbeiten.
  • Hans Grundner
    vonHans Grundner
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Für die Waldkraiburger Jugend gehen Wagma Ansari und Philipp Schmid auf die Straße – im wahrsten Sinne des Wortes. Als Streetworker schlagen die beiden Neuen im Team des städtischen Jugendzentrums neue Wege in der offenen Jugendarbeit ein.

Waldkraiburg – „Das Haus der Jugend ist nur die Basis“, sagt Schmid, „unsere Arbeit findet in ganz Waldkraiburg statt“.

Jugendzentrum seit Februar geschlossen

Seit ihrem Dienstantritt am 1. Mai verstärken Wagma Ansari und Philipp Schmid Cristina Martin im Team des städtischen Jugendzentrums. Die 33-Jährige und der 27-Jährige, der die Leitung des Hauses übernimmt, stehen für einen Neufang im Haus der Jugend. Seit Anfang Februar ist das Jugendzentrum zu, weil wegen einer Erkrankung und einer Kündigung die hauptamtlichen Kräfte fehlten, um den Betrieb aufrecht zu erhalten.

Von der Wiedereröffnung im Herbst erwarten sich die Verantwortlichen im Rathaus eine Neuausrichtung der offenen Jugendarbeit. Ganz bewusst setzen sie dabei auf zwei junge Hauptamtliche, die anders sind, von ihrer Ausbildung her keine klassischen Sozialarbeiter, keine Sozialpädagogen.

Streetworkerin mit Migrationshintergrund

Sie bringen andere wichtige Voraussetzungen für ihre Aufgabe mit: sie teilt den Migrationshintergrund mit vielen jungen Waldkraiburgern, er die Erfahrung, wie Jugendliche diese Stadt, ihre Chancen und Grenzen, erleben. „Wir zeigen den Jugendlichen, dass das Miteinander gut funktionieren kann“, sagt Wagma Ansari. Und: „Wir können die Kids auf ganz unterschiedliche Weise ansprechen.“

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Wer sich mit seiner Migrationsgeschichte so auseinander gesetzt habe wie seine Kollegin, kann junge Waldkraiburger mit ähnlichen Erfahrungen ganz anders ansprechen, ist Schmid überzeugt. Er denkt zum Beispiel an junge Russlanddeutsche, „die in Russland die Deutschen waren und hier die Russen sind“.

Und wer als Jugendlicher in Waldkraiburg was auf die Beine stellen wollte wie Philipp Schmid und dabei erfahren hat, wie schwer es sein kann, Räume zu bekommen, und welche Widerstände es gibt, der kann ein Advokat junger Leute sein, die was bewegen wollen.

Kernzielgruppe zwischen 15 und 21 Jahren

Ihre Kernzielgruppe sind junge Leute zwischen 15 und 21 Jahren, aus allen Schularten und Milieus. Die beiden wissen um die Schwierigkeiten, die das Haus in der Vergangenheit hatte. Da gab es Akzeptanzprobleme bei Gymnasiasten, die mit dem Jugendzentrum nichts zu tun haben wollten. Und es gab Zeiten, da Jugendliche bestimmter ethnischer Gruppen das Haus der Jugend exklusiv für sich reklamierten.

Im Haus soll sich viel verändern

Das Jugendzentrum nur als Chill-Raum, wo es Fertigpizza gibt? So stellen sich Philipp Schmid und Wagma Ansari das nicht vor. Die beiden Jugendarbeiter, die seit Wochen an einem neuen Konzept basteln, das sie noch im Juni im Rathaus präsentieren, wollen auch Anlaufstelle sein, haben aber mehr vor. Einen Musik- und Bandraum soll es geben, einen Tanzraum, einen PC-Raum mit Angeboten zu E-Sports, einen Bewegungsraum mit Hanteln. Die Disco wollen sie beleben so wie die Kletterwand. Noch ein großes Anliegen: „Wir brauchen einen Jugendrat.“ Die jungen Leute sollen mitbestimmen. „Es geht um Mündigkeit.“

Da steckt viel Potenzial drin

Um die jungen Leute zu erreichen, um ihre Bedürfnisse und Erwartungen kennen zu lernen, ist vor allem Wagma Ansari seit Wochen unterwegs. Getroffen habe sie Jugendliche, „die Musik hören, mit sich beschäftigt sind, eine Baustelle im Kopf haben, so wie wir früher auch“. Als „super offen und super aufgeschlossen“, beschreibt sie „die Kids“. „Die freuen sich drauf, wenn sich mal was tut.“

Ja, auch schlimme Geschichten von Gewalterfahrungen habe sie gehört, Geschichten von sexueller Gewalt in Familien und von Konflikten untereinander, über die so alltäglich gesprochen werde „wie wir früher darüber, wenn wir jemandem Pokemon-Karten geklaut hat“, sagt Schmid. Wagma Ansari: „Beim Großteil habe ich aber das Leuchten in den Augen gesehen. Da steckt so viel Potenzial drin. Mir geht da das Herz auf.“

Keine klassischen Familien mehr

Wer der Jugend Räume geben will, braucht Partner. Die wollen sie gewinnen, in Schulen, bei Firmen, Vereinen, im Sport und in der Kultur, gerne auch Privatpersonen. Sie träumen davon, Jugendliche und Senioren zusammenzubringen. Beide würden profitieren, finden sie. Die klassische Familienstruktur wie früher gibt es nicht mehr.

Regelfreie Räume wird es nicht geben

„Wir gehen wahrscheinlich sehr idealistisch heran, aber wir müssen idealistisch sein“, sagt Philipp Schmid. „Wir sind hier das Zukunftsministerium.“

Bei allem Idealismus sollte sich niemand täuschen. Regelfreie Räume wird es auch im Jugendzentrum der Zukunft nicht geben. So respektoll sie mit den jungen Leuten umgehen, so erwarten sie das auch umgekehrt. „Respekt steht für uns ganz oben“, betont Ansari.

Die Neuen im Haus der Jugend

Philipp Schmid (27) – der Leiter – ist in Waldkraiburg aufgewachsen und hier in die Schule gegangen. „Ich kenne die Orte, wo man in Waldkraiburg abhängen konnte.“ Als Jugendlicher absolvierte er eine Ausbildung in Wasserburg zum Gesundheits- und Krankenpfleger in der Psychiatrie, arbeitete in Krankenhäusern und in der ambulanten Pflege. Später studierte er Philosophie, hat den Bachelor abgeschlossen. Bekannt ist Schmid in Waldkraiburg als Gründer und Vorsitzender einer Wrestling-Abteilung im VfL und Organisator von Wrestling-Events im Haus der Kultur. Einige Jahre war er in der Wrestler-Szene unterwegs, organisierte Veranstaltungen und stand auch im Ring.

Wagma Ansari (33) – die Streetworkerin – kam 1990 mit ihrer Familie aus dem afghanischen Kabul nach Deutschland, wuchs in Bremen mit fünf Geschwistern auf. Den Wechsel in diese neue Welt habe ihre Familie als „kulturellen Schock“ erlebt. „Um damit umgehen zu können, mussten wir erst unsere Identität klären und bewahren. Man muss sich fragen, wer bin ich und was macht mich aus.“ Heute sagt die zweifache Mutter, die seit 13 Jahren in Haag lebt: „Mein Heimatland ist Deutschland, Afghanistan ist mein Herkunftsland.“ Als 2015 die große Flüchtlingswelle kam, hat Ansari, die mehrere in Afghanistan und Persien verbreitete Sprachen spricht, Dolmetscheraufgaben für Behörden und Schulen übernommen. Sie hat mit Familien, schwer traumatisierten Menschen gearbeitet, engagiert sich ehrenamtlich im Helferkreis Haag, und steht vor der Abschlussprüfung als Heilpraktikerin für Psychotherapie. hg

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