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Läuft etwas schief im Sozialstaat?

„Mittagessen fällt aus“: Wie hart Menschen aus Waldkraiburg von steigenden Preisen getroffen werden

Betroffene aus Waldkraiburg, die ein Leben lang gearbeitet haben, berichten, wie sie steigende Preise treffen.
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Menschen aus Waldkraiburg, die ein Leben lang gearbeitet haben, berichten, wie sie die steigenden Preise treffen.
  • Jörg Eschenfelder
    VonJörg Eschenfelder
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Sie verzichten auf die zweite Tasse Kaffee am Morgen und auf das Mittagessen. Sie kommen schon jetzt nicht über die Runden, kratzen das Geld zusammen. Betroffene aus Waldkraiburg, die ein Leben lang gearbeitet haben, berichten, wie sie steigende Preise treffen und was sie noch vom Sozialstaat halten.

Waldkraiburg – Was habe er denn so an Einnahmen und Ausgaben? „Einen Moment.“ Luitpold Brandl (90) geht konzentriert seine Kontoauszüge durch, die er fein säuberlich in zwei Zigarrenkisten sammelt.

Knapp 1600 Euro bekommt der frühere Bauarbeiter monatlich Rente. Rund 750 Euro braucht er davon alleine fürs Wohnen: Miete, Nebenkosten, Strom und Gas. „Zum 1. Juli wurde mein Abschlag von 88 Euro auf 191 Euro angehoben.“ Monatlich. In seiner kleinen Wohnung stehen Gaseinzelöfen und ein Gasherd.

Den Rest braucht er für Versicherungen, GEZ, Lebensmittel und Benzin für sein kleines Auto. Ohne geht es nicht. Die Geschäfte und Ärzte sind einfach zu weit weg. Kürzlich waren Ölwechsel, Ölfilter, Innenfilter und Zündkerzen fällig. Das tat weh.

Schmankerl sind nicht mehr möglich

„Sparen kann ich nichts mehr. Das ist vorbei. Eine Extrawurst, ein Bier oder ein Schmankerl gibt es nicht mehr“, stellt er nüchtern fest. Er jammert nicht, aber die Inflation trifft ihn. Trifft ihn hart. Sehr hart.

Appelle, auf energiesparende Geräte umzusteigen, klingen hier wie Hohn. Geld für einen Elektroherd hat er nicht – nach einem normalen Leben voller Arbeit.

Luitpold Brandl ist nicht allein. Wer arm ist, hat kaum Möglichkeiten, weiter zu sparen. „Das stimmt mit hundertprozentiger Sicherheit“, unterstreicht Wolfgang Mikolajetz, Vorsitzender der Waldkraiburger Ortsgruppe des Sozialverbandes VdK. Sie können sich keine sparsamen Kühlschränke, Wasch- oder Spülmaschinen leisten. Sie leben günstig, dafür aber oft in alten, schlecht oder gar nicht isolierten Wohnungen.

Luitpold Brandl spart, wo es nur geht: Im Juli stiegen die monatlichen Abschläge für Gas, das er zum Heizen und Kochen braucht, von 88 Euro auf 191 Euro.

Bei Krankheit wird es noch schlimmer. So, wie bei Denise Rösler (65). In ihrer penibel aufgeräumten Küche herrschen sommerliche Temperaturen. Jeder würde schwitzen, Rösler zieht eine Strickjacke über: „Mich friert.“ Sie ist nur Haut und Knochen. Wenn es ihr jetzt schon zu kalt ist, wie soll es dann im Winter werden?

Schieflage im Sozialsystem

Dabei knappst sie jetzt schon, wo es nur geht. „Das Mittagessen fällt aus. Das geht nicht mehr.“ In der Früh gibt es nur noch eine Tasse Kaffee statt zwei, und sie studiert alle Sonderangebote. „Zwei Euro hier, drei Euro da. Das läppert sich“, so die ehemalige Bankkauffrau. Sie ist fast blind, hat Probleme mit der Wirbelsäule. Seit Jahren kann sie deswegen nicht mehr arbeiten. Von der Erwerbsminderungsrente und der Versorgungskasse bleiben ihr monatlich weniger als 300 Euro zum Leben.

Denise Rösler ist seit Jahren krank, fast blind, kann deswegen nicht mehr arbeiten – und muss für die notwendigen Medikament zuzahlen.

„Ich muss sehr oft in die Augenklinik.“ Da kommen schnell mal 300 Euro Fahrtkosten zusammen; ein Auto hat sie nicht. Vergangenes Jahr musste sie alleine für notwendige Medikamente 460 Euro zuzahlen; gut 40 Euro im Monat. Viel Geld, wenn man schon nichts hat. Dabei hat sie noch „Glück“. Eine kleine Erbschaft verschafft ihr noch etwas Luft; ihr eigener Spargroschen ist längst weg. Ein neues Polster anschaffen, „geht einfach nicht.“ Auch sie jammert nicht. Auch ihre Not ist nicht sichtbar. Sie fällt durch das Raster, liegt knapp über den Grenzen. Vom Amt kam die Ansage: „Kündigen sie ihre Versicherungen, dann reicht es.“

„Bei uns liegt die Rente im Schnitt bei 1200 Euro“, so der VdK-Vorsitzende Mikolajetz. „Gleichzeitig bereichern sich viele Betriebe ohne Ende. Das ist Wahnsinn.“ Läuft da im Sozialstaat Deutschland vielleicht etwas grundsätzlich schief? Mikolajetz bejaht.

Ohne die Kinder geht es gar nicht

Zu Besuch beim Ehepaar X. Sie wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Gute Wohnlage im Herzen der Stadt, Neubau, oberste Etage. Die Wohnung ist klein, aber fein. Im Schlafzimmer steht ein Krankenhausbett. Herr X trägt einen Katheter mit Beutel, hatte unter anderem Krebs und inzwischen Pflegestufe III. Zweimal in der Woche muss er zur Therapie, zum Arzt und regelmäßig in Spezialkliniken nach München und Rosenheim. Ohne Auto unmöglich.

Er war Musiker in verschiedenen klassischen Orchestern, sie hatte immer in Minijobs und halbtags gearbeitet. Trotzdem bleiben in der Rente monatlich nur 300 Euro zum Leben. Kürzlich musste das Auto zur Reparatur und durch den TÜV: 900 Euro. Die Warmwassertherme ist kaputt: 500 Euro. Der Strom wurde teurer. Frau X: „Mir graust es jetzt schon vor dem Winter.“

Auch sie haben „Glück“: „Wenn uns die Kinder nicht helfen könnten, wären wir ganz am Ende.“ Nach einem Leben voller Arbeit, teilweise mit Fernbeziehung, nur um niemandem zur Last zu fallen. „Wir haben alles gemacht, Kinder aufgezogen und immer gearbeitet“, sagt Frau X leise. Sehr leise. „Das ist einfach ungerecht.“

10 Tipps zum Energiesparen - nicht alle müssen etwas kosten

1. Thermostate nicht voll aufdrehen: Jedes Grad weniger Raumtemperatur spart bis zu sechs Prozent Heizkosten. Bei einem Standard-Thermostat entspricht Stufe 3 etwa 20 Grad; Stufe 2 16 Grad. 2. Richtig Lüften: Kippen ist ein Energieverschwender. Besser zwei oder drei Mal an Tag je nach Temperatur für fünf bis zehn Minuten Stoßlüften. 3. Heizung entlüften: Gerade zu Beginn der Heizperiode Luft aus dem Heizkörper lassen. 4. Fenster und Türen abdichten: Hier helfen schon Isolierklebebänder, Dichtungsbänder oder Zugluftstopper. Wenn ein eingeklemmtes Blatt Papier festsitzt, dann passt‘s. 5. Heizkörper freistellen: Keine Vorhänge oder Möbel vor die Heizkörper; sie sollten gut sichtbar sein. 6. LED-Lampen: LED-Lampen verbrauchen bis zu 90 Prozent weniger Strom und Licht wieder ausschalten. 7. Kühlschrank einstellen: Sieben Grad im oberen Kühlfach reichen normalerweise aus; im Gefrierfach sind minus 18 Grad optimal. Alles andere verbraucht nur mehr Strom. Gefrierfächer abtauen; jedes Millimeter Eis erhöht den Stromverbrauch um 30 Prozent. 8. Eco-Programme nutzen: Bei Wasch- und Spülmaschinen Eco-Programme nutzen, auch wenn es länger dauert. Auf Koch- oder Vorwäsche verzichten und niedrigere Temperaturen wählen. 9. Kochen und Backen: Nach Möglichkeit mit Umluft backen, beim Braten und Kochen den Deckel aufsetzen und den Wasserkocher auch zum Kochen nutzen. 10. Schluss mit Stand-by: Auch im Stand-by verbrauchen die Geräte Strom. Daher ganz abschalten und Steckerleisten ausschalten.

Weitere Spartipps gibt es unter www.verbraucherzentrale-bayern.de.

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