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„Wenn ich zufrieden bin, darf es leben“

Im Atelier: Irene Karstens hat ihren Küchentisch umfunktioniert und arbeitet konzentriert an kleinen Wachsengeln, die man an den Christbaum hängen kann. Im Bild rechts oben zeigt sie ihre Riegelhaube, die sie 1985 gefertigt hat. Hunderte von Stunden habe sie in die Haube gesteckt, die Teil des „Münchner Gwands“ ist. Im Bild darunter sieht man ihre ruhige Hand: Sie schneidet an einem Wachsköpfchen die Augenhöhlen aus und setzt anschließend die Glasaugen ein. kla
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Im Atelier: Irene Karstens hat ihren Küchentisch umfunktioniert und arbeitet konzentriert an kleinen Wachsengeln, die man an den Christbaum hängen kann. Im Bild rechts oben zeigt sie ihre Riegelhaube, die sie 1985 gefertigt hat. Hunderte von Stunden habe sie in die Haube gesteckt, die Teil des „Münchner Gwands“ ist. Im Bild darunter sieht man ihre ruhige Hand: Sie schneidet an einem Wachsköpfchen die Augenhöhlen aus und setzt anschließend die Glasaugen ein. kla

Sie ist fast 80 Jahre alt und will ihr Wissen weitergeben: Irene Karstens. Die erfahrene Wachskünstlerin mit der außergewöhnlich ruhigen Hand verrät in ihrem Atelier, in dem Wachskindl und Engel entstehen, bisher gut gehütete Geheimnisse.

Aschau – Irene Karstens sitzt an ihrem Küchentisch, den sie als Atelier nutzt. Sie ist konzentriert auf die Miniatur-Engel aus Wachs, kleine Christbaumanhänger, die ein Gesichtchen, Haare und weiße Federn an den Flügeln bekommen. Die Details sind ihr wichtig.

Die Wachskünstlerin zeigt, wie sie einem Jesukindlein die Glasaugen einsetzt. Dazu schneidet sie den Hinterkopf mit einem Skalpell auf – wie bei einer Operation. Mit einem Butterlöffel kratzt sie die Augenpartie von hinten her vorsichtig aus. „Damit das Lid schön aussieht, muss das Wachs an dieser Stelle auf einen Millimeter ausgedünnt werden, ohne dass es bricht“, erklärt die Aschauerin. Sie setzt die Glasaugen ein und träufelt heißes flüssiges Wachs mit einer Art Lötkolben auf die kleinen Kügelchen, damit sie sitzen. Sie hebt das Gesichtchen des Rohlings gegen das Licht und betrachtet die Augen, sie müssen auf einer Höhe sein.

Ihr Wissen gibt sie seit den 60ern in Kursen weiter, bis aus Meran und Wien kamen die Teilnehmer zu ihrem letzten VHS-Kurs im Oktober in Waldkraiburg.

„Jetzt bin ich langsam zu alt, mein Rücken spielt nicht mehr mit, wenn ich so lange an einer Figur sitze“, sagt sie mit Bedauern. Allein zwei Tage tüftelt sie daran, den richtigen Hautton zu mischen. Wenn sie eine Wachsfigur restauriert, muss sie da besonders genau arbeiten. Das Mischen sei kompliziert, denn sobald die Farbe trocknet, verändert sich der Ton wieder. Sie sei Perfektionistin, wenn ihr was nicht passe, schmelze sie es auch fünfmal ein und mache es neu.

„Erst wenn ich zufrieden bin, darf es leben“, sagt sie schmunzelnd. Auch das Wachs mischt sie selbst. Sie nimmt „was besseres als Kerzenwachs“, in einem elfenbeinfarbenen Ton. „Mein Wachs hat eine bessere Konsistenz, ich tue noch gebleichtes Bienenwachs rein und eine Kirchenkerze, weil ich gläubig bin.“

Irene Karstens sagt von sich, sie arbeite noch wie die alten Meister. Arme, Beine oder Köpfe modelliert sie teilweise selbst oder macht Silikon-Abgüsse von antiken Figuren.

Ihre künstlerischen Talente konnte sie bereits in ihrer Kindheit ausprägen. „Im Unterricht hab ich dauernd gezeichnet, dafür hatte ich in Erdkunde einen Fünfer“, lacht sie. In ihrer Kindheit sei sie schwer krank gewesen, das Zeichnen und der Glaube an Gott haben ihr Kraft gegeben. Als junge Erwachsene belegte sie Mal- und Modellierkurse bei Professor Maximilian Hüttisch in München.

Die gelernte und geprüfte Zeichnerin für Elektrotechnik – „eine sehr trockene Materie“ – skizziert aus dem Kopf und ist handwerklich begabt, sogar das Schreinern hat sie sich selbst beigebracht. Und sie sang gern und viel, etwa im Opernchor von Immling.

„Ich bin eine künstlerische Seele“, sagt sie lächelnd. Und Autodidaktin. Die Wachskunst aber auch das Goldsticken, das man von den Fatschenkindln kennt, hat sie sich selbst beigebracht und so perfektioniert, dass sie Kurse für das Referat für Volkskultur gab – auch für Klosterarbeiten. Ihre Inspiration holte sie sich in Kirchen, Museen und Schlössern, oder „drückte sich bei Beck am Rathauseck die Nase am Schaufenster platt“. Stets bestärkt habe sie ihr inzwischen verstorbener Mann, Dr. Karsten Karstens, der als vorderasiatischer Archäologe arbeitete.

Stolz ist sie auch auf ihre handgefertigte Riegelhaube und holt sie aus der Vitrine. In den 80er-Jahren hat sie zwei Jahre an der richtigen Stickmethode getüftelt. Verwendet wird eine Kantille, ein ganz feiner Faden, der sich bei genauerem Hinsehen als noch feinere Drahtspirale entpuppt.

Um ihn überhaupt ins winzige Nadelöhr zu bringen, wird das Ende plattgedrückt und in flüssiges Wachs getaucht. „Der Faden ist tückisch und franselt gerne auseinander“, so Karstens. Die zierliche Arbeit damit sei eine „Fieselei, bei der man halbert wahnsinnig wird“.

Die ältere Dame hat vor rund 30 Jahren mit ihrem Können an der Trachtenausstellung im Rathaus in München mitgewirkt. Ihr Vorbild für die Riegelhaube war das Modell, das Helene Sedelmayer zu Zeiten Ludwigs I. trug. Deren Bildnis hängt in der Schönheitengalerie in Schloss Nymphenburg.

Kartens studierte das Häubchen, das die Frauen am Hinterkopf trugen – und auch die Kleidung, das „Münchner Gwand“ aus der Zeit 1800 bis 1850. Und es reifte die Idee, diese Tracht wieder hochleben zu lassen. Sie recherchierte, studierte alte Gemälde, ist mit der Volkskundlerin Dr. Gislind Ritz und dem Bezirksheimatpfleger Stefan Hirsch in Museen „rumgestiegen“, um die strengen Kriterien der Tracht herauszufinden. „Tracht soll aber keine Uniform sein. Jede Frau darf ihren eigenen Stoff tragen damit das Ganze lebendig bleibt.“

Sie rief den Verein „Die schöne Münchnerin“ ins Leben. Die Frauen trugen das „Münchner Gwand“, gingen damit in die Oper oder liefen beim Oktoberfesteinzug oder beim Münchner Stadtgründungsfest mit. Den Verein gibt es heute noch.

Heute macht sie nur noch Wachskindl. Für die Kirche von Aschau-Werk hat sie vor ein paar Jahren das kaputte Jesulein restauriert, das an Heiligabend in der Krippe liegt. Und eines ihrer liebevoll gestalteten Fatschenkindl hat sein Platzerl im erzbischöflichen Ordinariat gefunden. Wenn sie von ihrer Leidenschaft erzählt, strahlt sie. „Wichtig ist, dass man einen guten Geschmack hat, sonst haben die Stücke kein Gesicht.“

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