Bewohner traurig

Kein Weihnachten daheim: Waldkraiburger Brandhaus noch immer nicht bezugsfertig

Wochenlang dauerten die Arbeiten einer Spezialreinigungsfirma, die sich bis in den Frühsommer zogen, weil die Polizei den Tatort lange nicht freigeben konnte. Dass der Wiedereinzug sich bis ins neue Jahr verzögern könnte, damit haben die Einwohner damals wohl nicht gerechnet. Archiv/Grundner
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Wochenlang dauerten die Arbeiten einer Spezialreinigungsfirma, die sich bis in den Frühsommer zogen, weil die Polizei den Tatort lange nicht freigeben konnte. Dass der Wiedereinzug sich bis ins neue Jahr verzögern könnte, damit haben die Einwohner damals wohl nicht gerechnet. Archiv/Grundner
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Weihnachten unterm heimischen Christbaum. Für die Bewohner des Brandhauses in der Waldkraiburger Stadtmitte ist dieser Traum wenige Tage vor dem Fest geplatzt.

Waldkraiburg– Weihnachten wieder daheim? Bis zuletzt hatten Bewohner des Brandhauses am Stadtplatz 16 darauf gehofft. Die Arbeiten schienen tatsächlich auf der Zielgeraden zu sein. Am Montag kam dann die Hiobsbotschaft. Bei der Beprobung des Trinkwassers in den Leitungen hat ein Labor Verunreinigungen festgestellt. Es wird also nichts mit Weihnachten unterm heimischen Christbaum.

Birol Bostan kritisiert Hausverwaltung und Versicherung.

Mitte Januar werden neue Trinkwasserproben genommen

Jürgen Abrahamfi von der Hausverwaltung muss Eigentümer und Mieter aufs nächste Jahr vertrösten. Erst ab 11. Januar wird weiter gearbeitet. Dann werden die Leitungen, in denen das Wasser seit Monaten stand, wieder gespült und neue Proben genommen. Sollte es nach der chemischen Untersuchung grünes Licht geben, wird die Nutzung der Wohnungen und fast aller Gewerberäume wohl erlaubt werden.

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Abrahamfi rechnet fest damit. Denn Strom, Heizung, Abwasser funktionieren wieder. Auch der Brandschutz sei für die Wohnungen wieder in Ordnung. Sogar das Treppenhaus ist gereinigt. Jetzt soll das Haus noch von oben bis unten gestrichen werden.

Traurig, frustriert und vom Warten entnervt

Einige Mieter und Eigentümer wissen die Fortschritte zu würdigen. Traurig und vom langen Warten entnervt sind sie trotzdem. Im Sommer hatten sie noch lautstark protestiert. Heute sind die meisten nur noch frustriert. „Was bringt es zu schimpfen“, sagt eine Frau, die nicht zitiert werden will.

Die Arbeiten im völlig ausgebrannten Obst- und Gemüseladen, wo der Täter den Brandsatz entzündete stehen erst am Anfang.

Kritik an Hausverwaltung und Versicherung

Birol Bostan, dessen Zwillingsbruder und Mutter wieder einziehen werden und derzeit die beiden Eigentumswohnungen der Familie renovieren, will selbst nicht mehr ins Haus zurück. Bostan, der in der Brandnacht das Feuer zuerst bemerkte und andere Bewohner warnte, hat für sich und seine Familie eine Wohnung mit Garten gefunden. Er kann nicht verstehen, warum sich die Arbeiten so lange verzögern und macht Versicherung und Hausverwaltung verantwortlich.

Doch es gibt auch Stimmen, die darauf verweisen, dass die Entscheidungsprozesse aufgrund der komplizierten Situation naturgemäß länger dauern als bei anderen Sanierungsmaßnahmen. Vor der Vergabe eines Auftrags muss die Versicherung die Angebote prüfen und ihr Ok geben, ebenso die Hausverwaltung und oft braucht es auch noch die Zustimmung der Eigentümerversammlung.

Brandschäden sind eine langwierige Sache

Helga Rittersporn hat das Gefühl, Wohnungseigentümer und Mieter würden „dazwischen zerrieben“. Sie hat im Sommer einen Anwalt eingeschaltet, um ihre Interessen zu vertreten. Erreicht habe er bislang noch nichts.

„Brandschäden zu beheben, sind eine langwierige Sache“, sagt Jürgen Abrahamfi. Er verweist auf ein anderes Beispiel, das Großfeuer in einem Mehrfamilienhaus in der Adlergebirgsstraße im März 2018. Erst eineinhalb Jahre später seien die Wohnungen wieder bezugsfähig gewesen.

Eine Bewohnerin ist zur Tochter nach Gran Canaria geflüchtet

„Die Festtage in der Wohnung – ja, das wäre eine Weihnachtsgeschichte gewesen“, sagt Helga Rittersporn am Handy. Sie hatte nicht mehr damit gerechnet und ist deshalb vor dem Fest zur Tochter nach Gran Canaria geflüchtet. „Hier ist mit 20 auch die Inzidenz viel niedriger als daheim.“

Einige Eigentümer sind finanziell am Limit

Einzelne Bewohner der 19 Wohnungen können nirgendwo hin ausweichen. Sie sind finanziell am Limit oder darüber hinaus. Haben sich mit dem Wohnungskauf verschuldet, können keine Miete für die Ersatzwohnung zahlen. Nach Informationen unserer Zeitung sollen zwei oder drei Personen deshalb schon seit einiger Zeit wieder im Gebäude wohnen, ohne genießbares Wasser. Auf Anfrage teilt die Hausverwaltung mit: Davon wisse man nichts.

Ende Januar, so hofft Abrahamfi, könnte es klappen mit der Rückkehr in die Wohnungen. Dann sollten auch die Eingangselemente, Türen, Schaufenster da sein, die noch fehlen. Diesen Termin hält auch Helga Rittersporn für realistisch. Ihr Flieger nach Deutschland geht am 1. Februar.

Bei Läden und Zahnarztpraxis dauert es noch länger

Wie eine offene Wunde im Stadtbild wirkt die Ladenzeile am Sartrouville-Platz seit dem Brandanschlag Ende April. Unter den drei betroffenen Geschäften und Lokalen wurde der Obst- und Gemüseladen, in dem der Täter den Brandsatz gelegt hat, besonders schwer beschädigt. Es wird dauern, bis Familie Alus wieder als Mieter einziehen kann. „Keiner weiß etwas, vielleicht wird es Mai“, sagt Hazem Alus achselzuckend. Sobald der Laden fertig sei, wolle man zurückgehen. Denn das Geschäft laufe dort besser als im provisorischen Verkaufscontainer in der Berliner Straße, in den der Laden dank der Hilfe der Stadt und der Firma Nutz aus Ampfing umziehen konnte. „Wir müssen nicht jammern“, ist Alus dankbar dafür.

Schaufenster und Eingangselemente sind laut Jürgen Abrahamfi von der Hausverwaltung für die Läden bestellt. Sie sollen im Januar geliefert werden. Auf einen Termin für den Abschluss der Sanierung legt er sich nicht fest. Auch deshalb, weil in diesem Bereich der Brandschutz noch nicht allen Auflagen entspreche.

Während ein Großteil der Büros und Gewerberäume im 1. Stock wohl zeitgleich mit den Wohnungen bezugsfähig werden, verzögert sich auch die Sanierung der Zahnarztpraxis, die direkt über dem Gemüseladen liegt und durch den Rauch stärker als das Umfeld kontaminiert wurde. Laut Hausverwaltung musste die gesamte Einrichtung herausgerissen werden. Abrahamfi: „Das wird alles komplett erneuert.“

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