Nach 14 Jahren

Warum das AWO-Projektehaus in Waldkraiburg keine Jugendlichen mehr zu Friseuren ausbildet

Monika Radovanovic hat seit 2006 die Auszubildenden im Friseurberuf bei Jagus betreut.
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Monika Radovanovic hat seit 2006 die Auszubildenden im Friseurberuf bei Jagus betreut.
  • Frank Bartschies
    vonFrank Bartschies
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14 Jahre hat es die Friseur-Ausbildung im AWO-Projektehaus Jagus in Waldkriaburg gegeben. Jetzt ist Schluss damit, es fehlen jugendliche Interessenten.

Waldkraiburg – Der Friseursalon im Haus der Arbeiterwohlfahrt (AWO), die Träger der berufsbezogenen Jugendhilfe-Einrichtung ist, wurde mittlerweile vermietet. Sie wird nun von privat eigenwirtschaftlich betrieben.

2019 keine einzige Bewerbung

Die AWO widmet sich mit Jagus (Jugendarbeitsgemeinschaft Umwelt-Soziales) der Ausbildung sozial benachteiligter Jugendlicher. Gefördert wird die Maßnahme vom Jobcenter Mühldorf und der Agentur für Arbeit, die die Jugendlichen Jagus auch zuweisen. Heuer wurde die Maßnahme jedoch nicht mehr ausgeschrieben.

Kein Bedarf wegen guter Arbeitsmarktlage

„Durch die gute Arbeitsmarktlage gibt es keinen Bedarf mehr für dieses Projekt“, sagt AWO-Kreisvorsitzende Klara Maria Seeberger.

Die Agentur für Arbeit in Traunstein bestätigt dies: „Für das Jahr 2020 wurde die Maßnahme nicht angeboten, weil der Ausbildungsmarkt sehr aufnahmebereit war und Arbeitgeber durch verschiedene Fördermöglichkeiten, zum Beispiel ‚Assistierte Ausbildung‘, auch schwächeren Jugendlichen in ihrem Betrieb eine Chance gaben, eine betriebliche Ausbildung zu absolvieren.“

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Die Agentur fügt aber an: „Corona hat auch den Ausbildungsmarkt erreicht, weshalb wir für das kommende Jahr ein Angebot BaE geplant haben.“ BaE bedeutet: Berufsbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen.

Seit 2006: 35 Azubis zur Prüfung geführt

Im vergangenen Jahr habe es bei Jagus keine einzige neue Auszubildende im ersten Lehrjahr für den Friseurbereich gegeben, erklärt Angelika Kölbl, designierte AWO-Kreisvorsitzende. Die letzte Auszubildende habe heuer im Februar die Gesellenprüfung abgelegt, ergänzt Klara Maria Seeberger. 35 Jugendliche hätten seit 2006 ihre Friseur-Ausbildung bei Jagus absolviert, bilanziert Marlene Heinemann-Nützl, stellvertretende Einrichtungsleiterin.

Abbrecherquote liegt bei 30 Prozent

Die Quote derjenigen, die die Ausbildung bei Jagus abbrechen, beziffert sie mit etwa 30 Pozent. Von den übrigen Jugendlichen hätten etwa 90 Prozent die Gesellenprüfung auf Anhieb geschafft und seien über kurz oder lang in Arbeit gekommen. Die AWO habe bei der Vermittlung eines Arbeitsplatzes teilweise geholfen. Eine Weiterbeschäftigung im AWO-Salon sei für Friseure nicht möglich gewesen, da das Förderprogramm speziell für die Ausbildung aufgelegt worden sei.

Berufsausbildung, Nachhilfeunterricht und sozialpädagogische Betreuung habe Jagus im Paket angeboten, da die Jugendlichen einen erhöhten Förderbedarf gehabt hätten, so Heinemann-Nützl. „Das, was wir hier geleistet haben, kann ein anderer Betrieb in dieser Form nicht leisten“, sagt sie. „Wir hätten jederzeit mehr genommen“, erklärt sie zum Friseurbereich und fügt an: In der besten Zeit seien zehn Friseur-Auszubildende gleichzeitig bei Jagus betreut worden. Gelegentlich habe es auch Wechsel von Jugendlichen aus einer „regulären“ Ausbildung zu Jagus gegeben.

Auch früher fielen einige Ausbildungsberufe weg

Alle drei Jahre sei die Maßnahme von der Agentur für Arbeit ausgeschrieben worden und die Agentur habe aus den Bewerbungen die Organisationen für das Förderprogramm ausgewählt. Seit 1996 habe die AWO im Landkreis Mühldorf am Jagus-Ausbildungsprogramm mitgewirkt, damals für Schreiner, Maler, Raumausstatter, Fliesenleger, Friseure, Fachkräfte für Umzugsservice, Gärtner und Verkäufer.

Fünf dieser Berufe seien im Laufe der Jahre für Jagus weggefallen: Schreiner und Fachkräfte für Umzugsservice würden mittlerweile in einem vom Europäischen Sozialfonds (ESF) finanzierten Projekt ausgebildet. Diese Ausbildung finde weiterhin im Jagus-Projektehaus durch den AWO-Kreisverband statt. Für Raumausstatter stehe bei Jagus seit 2018 kein Meister mehr zur Verfügung und auch Fliesenleger und Gärtner würden nicht mehr ausgebildet.

Zuletzt acht neue Lehrplätze bei Jagus

Acht neue Lehrplätze pro Jahr habe Jagus zuletzt anbieten können. Dass die Maßnahme für Friseure nun ausgelaufen ist, muss aber nicht das Ende der Ausbildung bei Jagus generell bedeuten: „Wenn es in 2021 die entsprechende Ausschreibung gibt, können sich alle Maßnahmeträger, die eine Berufsbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen anbieten, um das entsprechende Los bewerben“, so die Agentur für Arbeit. Sollte die Agentur diese Maßnahme im kommenden Jahr ausschreiben, „dann denke ich schon, dass wir uns wieder bewerben werden“, sagt Marlene Heinemann-Nützl.

Das AWO-Projektehaus Jagus

Das AWO-Projektehaus Jagus ist eine Einrichtung der berufsbezogenen Jugendhilfe. Träger der Einrichtung ist die Arbeiterwohlfahrt, Kreisverband Mühldorf. Seit mehr als 30 Jahren werden bei Jagus junge Menschen und Erwachsene bei ihrem Einstieg in die Arbeitswelt unterstützt.

In der Einrichtung befinden sich verschiedene Projekte zur beruflichen Qualifizierung und Ausbildung unter einem Dach. In enger Kooperation mit der Agentur für Arbeit, dem Jobcenter, der Stadt Waldkraiburg, dem Landratsamt Mühldorf und dem Europäischen Sozialfonds werden die Maßnahmen geplant, finanziert und durchgeführt.

Jugendliche und Erwachsene, die besondere Hilfen benötigen, um eine Ausbildung oder Arbeit zu finden, haben im Projektehaus die Möglichkeit, an Maßnahmen in folgenden Bereichen teilzunehmen:

• Berufsausbildung zum/zur Maler/in, Verkäufer/in, Schreiner/in, Fachkraft für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice.

• Beschäftigung und berufliche Qualifizierung in den Bereichen Gebraucht-Möbel, Umzüge/Räumungen, Second-Hand-Kleiderladen, Umweltpflege, Hauswirtschaft

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