Heilige Schrift, die psychisch Kranke heilen sollte

Europaweit einzigartiger Wallfahrtskult: Pürtner Mirakelbuch wird 400 Jahre alt

Kirchenpfleger Franz Harrer mit dem Pürtener Mirakelbuch
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Während das wertvolle Evangeliar in der Staatsbibliothek aufbewahrt wird, ist das 400 Jahre alte Mirakelbuch, in dem hier Kirchenpfleger Franz Harrer blättert, bis heute in Pürten zurückgeblieben.
  • Hans Grundner
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Pilger, die seelisch krank waren, suchten vor Jahrhunderten bei der Wallfahrt nach Pürten Heilung. Ein Evangelienbuch, das sie nachts unter den Kopf legten, sollte sie bringen. Dieser europaweit wohl einzigartige Wallfahrtskult ist im Pürtner Mirakelbuch dokumentiert, das heuer 400 Jahre alt wird.

Waldkraiburg-Pürten – Wer heute krank wird, geht zum Arzt oder in die Klinik. Vor vielen Jahrhunderten gab es diese Möglichkeit für notleidende Menschen nicht. In ihrer Verzweiflung vertrauten sie auf göttlichen Beistand, hofften auf die wundersame Wirkkraft von Reliquien, Marien- und Heiligenbildern. Und fanden diese an Wallfahrtsorten wie dem geschichtsträchtigen Pürten am Inn.

Pilgerziel für seelisch kranke Menschen

Hier entwickelte sich ein ganz besonderer Kult, „einmalig in Europa“, nennt ihn der Waldkraiburger Stadtarchivar Konrad Kern. Vor allem Menschen, die seelische Probleme hatten oder geisteskrank waren, suchten in Pürten göttliche Hilfe. Und sie erhofften diese von einem Buch, einem uralten Evangeliar, das sie beim Schlafen unter den Kopf legten. Über die Pilger, ihre Herkunft, ihre Anliegen gibt ein sogenanntes Mirakelbuch Auskunft. Die erste Eintragung datiert aus dem Jahr 1621 – also vor genau 400 Jahren.

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Seit wann Pürten Ziel christlicher Pilger ist, bleibt im Dunklen. Vermutlich suchten schon seit dem Mittelalter Gläubige diesen Ort auf. Quellen gibt es dafür nicht. Erst relativ spät tritt die Wallfahrt nach Pürten ins Licht der Geschichte. In einem Bericht an den Landesherrn, den bayerischen Herzog Wilhelm IV, mit dem Beinamen „Der Fromme“, schildert Abraham Kronberger, 1592 ausführlich die Geschichte der Wallfahrt.

Alta-Legende von Chorherrn erfunden

Kronberger, damals Propst des Augustiner-Chorherrenstiftes in Au am Inn, zu dem die Pfarrei Pürten von 1177 bis 1803 gehörte, entfaltet die Legende von einer französischen Königstochter namens Alta, die nach einer Marien-Vision nach Pürten pilgert, während der Reise stirbt und in dem Wallfahrtsort begraben liegt. Sie soll ein wundertätiges Buch mitgebracht haben, das sich seither in der Pürtener Kirche befindet.

Auf die Fürsprache der seligen Alta mit dem Buch, auf dieser Votivtafel auf der rechten Seite, bei Jesus, Maria und Joseph vertrauten die Pilger.

Die Geschichte von der seligen Alta gehöre mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ins Reich der Legenden, weiß Konrad Kern. „Das ist eine Erfindung der Auer Chorherren.“ Das „wundertätige Buch“, das Evangeliar, gab und gibt es. Bis 1804 befand sich das liturgische Buch, das den vollständigen Text der Evangelien enthält, in der Pürtener Kirche.

Buch beim Schlafen unter den Kopf gelegt

Die wertvolle Handschrift galt über Jahrhunderte Wallfahrern als letzter Anker der Hoffnung. Menschen, die unter „Betrübtheit“ litten, wie das damals hieß, die also schwere Depressionen oder eine andere seelische Erkrankung hatten oder unter einer Geisteskrankheit litten, die man weder erklären noch behandeln konnte. Pilgern, die im Mesnerhaus nächtigten, wurde das Evangeliar beim Schlafen unter den Kopf gelegt, jeweils vier Nächte lang eine der vier Anfangsseiten der Evangelien. Kern: „Die Vorstellung war, dass durch diese Berührung die Heilkraft, die man dem Buch zugeschrieben hat, auf den Kopf des gläubigen Pilgers überging.“

Manche „Patienten“ mussten sogar angebunden werden, weil sie nicht ruhig blieben, wie aus dem Mirakelbuch hervorgeht, das die Pürtner Pfarrvikare führten. Demnach konnten sich Kranke den heiligen Band auch gegen ein paar Kreuzer nach Hause ausleihen.

Votivtafeln und andere Gaben zum Dank hinterlassen

Zum Dank wurden für Genesungen Opfergaben wie Kerzen, Lebensmittel oder Geld für Messintentionen gespendet, die ebenfalls in dem großen, mit rotem Leder gebundenen Mirakelbuch festgehalten werden. Neben vielen Votivtafeln, die sich bis heute in der Kirche befinden, fallen drei Wachsfiguren besonders auf. Eine zeigt – lebensgroß – Georg Schweiberer aus Niederbergkirchen. Der fromme, stämmige Bauer dankt bis heute mit gefalteten Händen, dass er geheilt wurde.

Die Pilger kamen aus dem ganzen südbayerischen Raum, einfache Gläubige vom Land waren darunter, aber auch Geistliche, Bürgerliche, Adlige. Während die Pfarrvikare lange Zeit nur über die wundersame Wirkung des Evangeliars berichteten, gab es ab Mitte des 18. Jahrhunderts auch Eintragungen zu Pilgern, denen das Evangeliar nicht helfen konnte.

Die letzten Einträge im Jahr 1781

1781 reißen die Notizen ab. Warum, ist nicht überliefert. Möglicherweise sei es den Geistlichen im Zuge der Aufklärung peinlich geworden, solche Wunder festzuhalten, vermutet der Stadtarchivar. Möglich ist auch, dass zu diesem Zeitpunkt keine Pilger mehr nach Pürten kamen.

Die Anfangsseite des Markus-Evangeliums aus dem Evangeliar, wegen der intensiven Nutzung durch die Pilger stark zerschlissen.

Ein Evangeliar ist die Bezeichnung für einen Codex mit dem vollständigen Text der Evangelien des Neuen Testaments. Das Pürtener Evangeliar, eine außerordentlich wertvolle Handschrift, ist um 900 entstanden. Es handelt sich also um ein spätkarolingisches Werk von Mönchen der Domschreibschule im französischen Reims. Der Schreiber heißt mit Namen Framegaudus. 1804 wurde das Buch vom bayerischen Staat beschlagnahmt und liegt seither in der Staatsbibliothek in München in der Handschriftenabteilung. Ein weiteres Buch des Framegaudus befindet sich in der Pariser Nationalbibliothek.

Unerforschtes Mirakelbuch

Das 400 Jahre alte Mirakelbuch ist bis heute nicht gründlich erforscht. Stadtarchivar Konrad Kern möchte im Jubiläumsjahr einen erfahrenen Heimatforscher damit beauftragen, das ganze Buch zu lesen, abzuschreiben, aus zu werten und zu kommentieren. Kern erwartet sich davon interessante Erkenntnisse über die Wallfahrer und hofft dadurch auch Votivgaben in der Kirche Pilgern zuordnen zu können. Weil das Stadtarchiv die Kosten aber nicht alleine tragen kann, hofft er auf Unterstützer, Spender und Sponsoren, die sich im Rathaus unter Telefon 0 86 38/95 92 51 melden können.

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