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Ein Waldkraiburger über das Schicksal und die Liebe

Seit 20 Jahren schwerstbehindert: Warum sich Henrik Schmidt dennoch als „Glückspilz“ sieht

Henrik Schmidt braucht bei fast allem die Hilfe seiner Frau Stefanie Herbst. Glücklich sind sie trotzdem.
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Henrik Schmidt braucht bei fast allem die Hilfe seiner Frau Stefanie Herbst. Glücklich sind sie trotzdem.
  • Jörg Eschenfelder
    VonJörg Eschenfelder
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Henrik Schmidt sitzt seit 20 Jahren im Rollstuhl, ist er seit seinem Unfall schwerstbehindert. Dennoch sagen er und seine Frau: „Wir sind Glückspilze.“ Ein Gespräch über Schicksal und die Liebe.

Waldkraiburg – „Wenn Sie eine Geschichte ‚Armer Behinderter‘ wollen, bekommen Sie einen Kaffee und können wieder gehen“, sagt Stefanie Herbst (66) noch im Eingang. Sie ist freundlich, aber bestimmt. Es folgt ein offenes Gespräch mit ihr und ihrem schwerstbehinderten Mann Henrik Schmidt (69). Ein Gespräch, das anders verlief als ursprünglich gedacht. Ein Gespräch über Schicksal und die Liebe. Ein Gespräch, das Mut auf das Leben macht. Und ein Gespräch mit einem unerwarteten, aber umso enthusiastischeren Lob der beiden Ex-Münchner auf Waldkraiburg.

Henrik Schmidt kann nichts alleine

Am Anfang stand eine Stellenanzeige in den OVB-Heimatzheitungen, die Schmidt aufgegeben hatte: „Pflegehilfe gesucht!“ Für „Aufgaben mit geringem Aufwand“ bot er einen Stundenlohn von 23 Euro – aus der eigenen Tasche. Warum? Also hin und nachfragen.

Henrik Schmidt ist seit 20 Jahren vom vierten Halswirbel an gelähmt. Er steht – fest angeschnallt – in seinem verstellbaren elektrischen Rollstuhl vor einem eineinhalb Meter breiten Monitor. Voller Begeisterung zeigt er, wie er mit einer ursprünglich für Kampfpiloten entwickelten Steuerung den Computer mit Mund und Lippen bedient. Wie er im Internet surft, Programme öffnet und Texte schreibt.

Zu schnell mit dem Rad in die Kurve

„Ich kann nicht alleine ins Bett, ich kann nicht alleine auf die Toilette, ich kann nicht alleine essen, ich kann nichts alleine.“ Es gibt Hilfe bei der Pflege, vor allem aber umsorgt ihn sieben Tage die Woche seine Frau, reicht ihm das Essen und das Trinken, setzt ihm den Dauerkatheder. „Das ist überhaupt nicht schwer“, sagt sie. „Ich schaffe das inzwischen in fünf Minuten. Es braucht nur regelmäßige Übung.“

Ein-, zweimal im Jahr möchte Schmidt seiner Frau eine Auszeit gönnen. Dann soll sie wegfahren, ausspannen, wandern. Für diese Zeit braucht er eine private, verlässliche Hilfe, die eingearbeitet ist und Zeit hat.

Pause. Stefanie Herbst geht mit der Kaffeetasse zu ihrem Mann und hält ihm den Strohhalm an die Lippen, damit er trinken kann.

„Es war noch nicht alles erledigt“

Ende April 2001 hatte er seinen Unfall. Er fuhr in der Nähe von München seine gewohnte Radltour, war in seiner vertrauten Spitzkehre zu schnell dran, übersah ein Auto und bremste. Das Hinterrad blockierte, brach aus. „Ich hätte es sehen müssen. Ich bin unter das Auto gerutscht, und es war nicht klar, ob ich überlebe.“ Schmidt schwebte zwischen Leben und Tod und kam – vom Hals abwärts gelähmt – zurück ins Leben. „Es war noch nicht alles erledigt.“ Das erste Glück.

Krankenhaus. Koma. Reha. Stefanie Herbst war immer an seiner Seite. „Ohne sie hätte ich das wohl nicht überlebt. Sie hat gesagt: Du bleibst da!“ Drei Monate nach dem Unfall haben sie nach 14 Jahren Partnerschaft im Krankenhaus geheiratet. Herbst: „Fast hätten wir es geschafft, auf der Intensivstation zu heiraten.“ Aber das wäre dem Krankenhaus wohl zu viel Trubel gewesen – und so wurde er wenige Tage zuvor auf die normale Station verlegt. Glück Nummer 2.

Arbeitgeber holt ihn zurück

Es folgte Reha. „Nach meinem Unfall hatte ich einen Physiotherapeuten, der auf einer Fortbildung eben erst von der neuartigen Computersteuerung gehört hatte“, freut sich Schmidt, der bis dato bei einer Münchener Versicherung EDV-Projekte geleitet hat. Jetzt konnte er mit Mund und Lippen wieder am Computer arbeiten. „Ich habe jede Minute geübt. Am ersten Tag habe ich für fünf Wörter eineinhalb Stunden gebraucht.“ Glück Nummer 3.

„Er konnte zeigen, dass er weiterhin arbeiten kann“, freut sich seine Frau. Irgendwann besucht ihn sein Chef im Krankenhaus, „um zu schauen, was schafft er noch.“ Der Chef war überzeugt und holte ihn in die Firma zurück. Herbst: „Das ist Glück hoch fünf. Wir waren ganz knapp zwischen Sozialhilfeempfänger und gut situiert.“ Wenn er seine Arbeit verloren hätte, hätte auch sie mit der Arbeit aufgehört und ihn gepflegt. Schmidt bekam einen Heimarbeitsplatz und wurde zu einem Spezialisten für VBA-Programmierungen in Excel. „Das können nicht viele.“ Glück Nummer 4. „Wenn man ein zweites Leben bekommt, muss man das Geschenk annehmen“, findet Herbst. „Wenn man nur noch traurig ist, weil man das erste Leben nicht mehr hat, dann ist das Leben nicht mehr da.“

Es gab auch schwere Zeiten, mit vielen Tränen und Rückschlägen. „Die Frage ist, wie geht man mit seinem Leben um“, meint Schmidt heute. „Nutze ich mein Leben, wie ich es habe? Wenn man es annimmt und sich liebevoll arrangiert, dann ist es in Ordnung.“ Und ganz wichtig: Hilfen, die sich ergeben, annehmen!

Die Ex-Münchner feiern Waldkraiburg

Weil ein Urlaub immer extrem viel Aufwand bedeutet, haben sie sich vor drei Jahren in Waldkraiburg eine Ferienwohnung gekauft. Inzwischen leben sie ganz dort und kommen aus dem Schwärmen nicht mehr heraus: „Waldkraiburg ist schön und nahezu barrierefrei. „Die Menschen sind richtig nett.“ Wenn sie in der Stadt unterwegs sind, bekommen sie sofort Hilfe, bieten Geschäfte ihm Rampen an. Autofahrer nehmen Rücksicht, wenn Schmidt mit seinem Rollstuhl spazierenfährt. Er kann selber zum Einkaufen fahren: Tasche und Geldbeutel sind hinten und „im Geschäft findet sich immer jemand, der mir hilft.“ Schlechte Erfahrungen? Fehlanzeige. Wenn sie am Grünen Ring spazieren gehen, werden sie gegrüßt. Wenn sie Eis essen, wieder. „Hat man das sonst wo?“

Immer tat sich ein Weg auf

Doch zurück zur Stellenanzeige. „Ich habe jemanden gefunden“, freut sich Schmidt wenige Wochen später. Durch einen Kontakt in der Nachbarschaft fand sich eine Waldkraiburgerin. Auch das Problem ist jetzt gelöst. Kennenlernen, Unfall, Heirat, Beruf, Umzug nach Waldkraiburg. Im Leben von Henrik Schmidt und Stefanie Herbst hat sich einiges getan. Und immer waren Menschen da, die ihnen geholfen haben, immer tat sich ein Weg auf.

„Wir sind Glückspilze“, sagt Stefanie Herbst ganz ruhig, ganz sanft und aus tiefstem Inneren. Sie steht auf und geht mit der Kaffeetasse zu ihrem Mann. Während er wieder trinkt, schiebt sie hinterher: „Riesen-Glückspilze sind wir.“

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