DER ERSTE UND DER LETZTE „SEX-BALL“

Vor 50 Jahren: Pfeifkonzert nach Mitternacht – Riesenwirbel um Miss Busen-Wahl in Waldkraiburg

Die Kreuzung Graslitzer-/Aussiger Straße war vor 50 Jahren mit 13 Unfällen ein Unfallschwerpunkt. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis er entschärft war.
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Die Kreuzung Graslitzer-/Aussiger Straße war vor 50 Jahren mit 13 Unfällen ein Unfallschwerpunkt. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis er entschärft war.

Über tausend neugierige Gäste wollten beim „1. Inntaler Sex-Ball“ im Zappe-Saal dabei sein und warteten bis eine Stunde nach Mitternacht auf die Wahl zur „Miss Busen“. Doch der groß proklamierte Höhepunkt des Abends fiel aus, zum Unmut der vorwiegend männlichen Besucher. Der Sex-Ball war Stadtgespräch in der Woche vor 50 Jahren.

Waldkraiburg und die Welt – Es habe sich niemand für die Wahl gemeldet, begründet der Veranstalter die Pleite, die massiven Unmut bei den Besuchern hervorruft. Immerhin hatten sie den für damalige Verhältnisse offenbar sehr teueren Eintritt von sechs Mark bezahlt. Das Pfeifkonzert habe die Verstärkeranlage der Band übertönt, berichtet die Zeitung.

Damen-Band spielte und tanzte oben ohne

Selbst die Oben-ohne-Music-Tanz-Show der „Sweet-Hearts“, so hieß die fünfköpfige freizügige Damenband aus Dänemark, konnte das erwartungsvolle Publikum nicht zufriedenstellen.

Noch höher als am Abend im Saal hatten im Vorfeld der Veranstaltung die Wellen geschlagen. Tagelang seien die Telefone nicht mehr still gestanden, heißt es in dem Bericht.

Gastwirt und Bürgermeister bedroht

Der Wirt sei ebenso bedroht worden wie der Bürgermeister, der von Gesetzes wegen nicht über die Genehmigung zu entscheiden hatte. Die Vertreter der Kirchen wurden aufgefordert, etwas gegen die Veranstaltung zu unternehmen, und auch bei der Polizei meldeten sich böse Stimmen. Der Artikel schließt mit den Worten: „Es nützte alles nichts – die Mädchen tanzten doch. Und der Zappe-Saal steht auch noch. Und das Leben in Waldkraiburg geht weiter.“

Statistisch ist Waldkraiburg wohl eines der geburtenärmsten Städte der Republik. Das stellt die Zeitung in einem Bericht zur Bevölkerungsentwicklung vor. Bei fast 18 000 Einwohnern wurden 1970 nur zwei Geburten, die beiden Hausgeburten, im städtischen Standesamt beurkundet. Das kommt daher, dass es in der Stadt weder ein Krankenhaus noch eine Entbindungsstation gibt und die Waldkraiburger Kinder in Mühldorf und Kraiburg zur Welt kommen.

Überschaubare Mittelstadt als Ziel

Die Diskussionen um die Eingemeindung von Teilen des Mühldorfer Harts nehmen kein Ende. Auf Kritik durch den Bund Naturschutz, der sich gegen den Kahlschlag des 730 Hektar großen Staatswalds wendet, erklärt der Waldkraiburger Bürgermeister Josef Kriegisch, die Stadt habe keinesfalls die vollständige Bebauung des Forstes vor. Waldkraiburg solle eine „überschaubare Mittelstadt mit 25 000 bis 30 000 Einwohnern“ werden, formuliert er als Ziel für die Entwicklung der Stadt.

„Miss Busen“-Wahl und Go-Go-Girls: Vor 50 Jahren sorgt Sex-Ball in Waldkraiburg für Aufregung

Bei chemischen Versuchen kommt eine 34-jährige Waldkraiburgerin, die bei einem Aschauer Unternehmen arbeitet, ums Leben.

Für einen brutalen Raubüberfall, bei dem das Opfer, ein Waldkraiburger Rentner, sein Auge verliert, wird der 22-jährige Angeklagte zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Der VfL, der größte Sportverein im Landkreis, stellt sich neu auf und richtet eine Geschäftsstelle ein.

Die Faschingsbegeisterung schlägt hohe Wellen in Waldkraiburg. Die Zeitung berichtet über fünf Bälle und Faschingsfeiern von Vereinen sowie vier Kinderbällen an einem Wochenende.

Unfallschwerpunkt an Kreuzung Aussiger-/Garslitzer Straße

Die Kreuzung Graslitzer-/ Aussiger Straße gehörte zuletzt nicht mehr zu den Unfallschwerpunkten im Stadtgebiet. Doch schon vor 50 Jahren musste sich der Bauausschuss mit der Frage der Verkehrssicherheit an dieser Stelle beschäftigen. Nach 13 Unfällen mit neun Verletzten in einem Jahr war dies unumgänglich, auch deshalb weil die Kreuzung auf dem Schulweg zur Graslitzer Grundschule lag. Auf Vorschlag des Stadtbaumeisters einigt sich der Ausschuss darauf, den Schulweg mit einem mit Druckampeln versehenen Fußgängerüberweg vor der Grundschule zu sichern. (Den Überweg gibt es noch heute; Anm. d. Red.) An der Kreuzung, die eigentlich sehr übersichtlich und eindeutig geregelt ist, sollen zwei neue, reflektierende Halteschilder in der Aussiger Straße aufgestellt werden.

Gebietsreform: Erste Pläne werden bekannt

Wird im Zuge der anstehenden kommunalen Gebietsreform die Stadt Töging dem Landkreis Mühldorf zugeschlagen? Das ist jedenfalls eine der Varianten, die zum Tragen kommen könnten, wenn in Oberbayern aus 26 Landkreisen 16 werden sollen.

Eine andere Möglichkeit sieht die Zerschlagung des Landkreises Wasserburg vor. Dann kämen neben Töging auch noch neun Gemeinden im Westen des Landkreises zu Mühldorf: darunter neben Gars und Reichertsheim auch Schnaitsee. hg

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