Ein Vierteljahrhundert Frauenpower: Fünf Waldkraiburger Stadträtinnen ziehen Bilanz

Ehre, wemEhre gebührt: Eine fast wehmütige Abschiedsszene widmete sogar der Saftladen den Stadträtinnen. Das gibt’s bei der Waldkraiburger Kabarettgrupe sonst nur bei Bürgermeistern und Landräten. Grundner

Sie stehen für ein Vierteljahrhundert „Frauenpower“ in der Kommunalpolitik: Fünf Waldkraiburger Stadträtinnen, die in diesen Tagen ihre Amtszeit beenden. Annemarie Deschler, Eva Köhr, Margit Roller, Inge Schnabl (alle CSU) und Susanne Engelmann (SPD) bringen es zusammen auf 132 Jahre (!) im Stadtrat.

Hans Grundner

Waldkraiburg – Dass und wie sehr sie in dieser Zeit die Stadtpolitik mitgestaltet und -geprägt haben, hat der Saftladen mit einer fast wehmütigen Abschiedsszene im jüngsten Kabarettprogramm herausgestellt. Derlei satirische Ehrbezeugungen gibt‘s sonst nur für Bürgermeister und Landräte.

Susanne Engelmann: CSU hat uns die Aroganz der Macht spüren lassen

Susanne Engelmann (60), die einzige Kommunalpolitikerin, die es mit der Waldkraiburger CSU aufnehmen konnte, wäre fast Bürgermeisterin geworden. 2002 hat die umtriebige, parteifreie Apothekerin dem späteren Sieger Siegfried Klika einen harten Wahlkampf geliefert. „Mir hat das damals sehr viel Spaß gemacht“, erinnert sie sich an 8500 Hausbesuche.

Während sie an die erste Amtszeit, in der sie das Jugendparlament mitbegründete und den Anstoß zur zur Städtepartnerschaft mit Sartrouville gab, sehr positive Erinnerung hat, kamen nach 2002 konfliktreiche Jahre. Die SPD-Fraktion brach wegen eines Streits um die Wahl des Zweiten Bürgermeisters auseinander. Auch von CSU-Seite blies ihr ein rauer Wind entgegen. Mit ihrem Gegenüber, Anton Sterr, hat die SPD-Fraktionssprecherin (bis 2020) manche politische Auseinandersetzungen ausgefochten. Die Mehrheitsverhältnisse sprachen klar zugunsten der CSU. „Damals haben wir ein bisschen die Arroganz der Macht zu spüren bekommen“, sagt Engelmann, die durch die letzten sechs Jahre entschädigt wurde. Sie freut sich über „Fraktionssprechersitzungen auf Augenhöhe“ und lässt über Sterr im Übrigen kein schlechtes Wort kommen. „Ich schätze ihn inzwischen sehr.“

„Als Everybodys Draling kommt man in der Politik nicht weit“

Eigentlich sei sie sehr harmonieorientiert, findet Engelmann, die auch zwölf Jahre im Kreistag war. Doch eines habe sie gelernt: „Als Everybodys Darling kommt man nicht weit. Sonst darf man nicht in die Politik gehen.“ Persönlich immer wichtiger wurden ihr in den letzten Jahren die ökologischen Themen. Vom Stadtrat hat sie sich mit einem Plädoyer gegen Flächenversiegelung und für fantasievolle und ökologische neue Wohnformen verabschiedet. Ein Herzensanliegen ist ihr das neue Tierheim.

Sie erinnert sich an viele prägende Themen: die Übernahme der Stromversorgung, die Diskussionen um den großen Saal im Haus der Kultur, der – da hat sie ihre Meinung nicht geändert – „der Stadt auf die Füße gefallen ist“, der aufwühlende Streit um das Waldbad, „an dem Freundschaften zerbrochen sind“.

Obwohl Ärger dazu gehört – zuletzt hat es in der SPD-Fraktion wieder ordentlich geknirscht –, möchte sie Erfahrung nicht missen. „Das hat mir so viel gebracht für meine Persönlichkeitsbildung. Wenn jemand auch nur ein bisserl Interesse an der Stadt hat, kann ich es nur empfehlen.“

Annemarie Deschler: Vielen Menschen bei persönlichen Anliegen geholfen

Annemarie Deschler(72) sieht‘s ganz genauso. Für die Rentenansprüche bringt die Stadtratsarbeit nix, fürs Leben unglaublich wertvolle Erfahrungen. „Ich weiß noch, wie ich meine erste Rede gehalten habe, Ich habe gezittert und gebebt.“ Die Zeiten sind vorbei, seit sie vor 30 Jahren für die CSU in den Stadtrat einzog, als Zugereiste aus dem Schwäbischen. „Ich bin viermal in meinem Leben umgezogen. Immer habe ich über den Sport Heimat gefunden.“

+++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

Im VfL, dem sie später eine außerordentlich engagierte Vorsitzende war, und als Elternbeirätin im Kindergarten und in der Schule empfahl sie sich für die Kommunalpolitik. Ihr Schwiegervater, ein kleiner Dorfbürgermeister, habe ihr für den Stadtrat den guten Rat gegeben: „Jetzt halt mal zuerst deinen Mund und hör gut zu.“ Das habe sie auch beherzigen wollen – und doch schon bald die erste „Watschn“ gekriegt, als sie bei der Vorbereitung eines Basketball-Camps den Sportreferenten, Dietmar Heller, übergangen hatte. Dabei hatte der sie ebenso wie Eva Köhr und Inge Schnabl angeworben. „Der hat mir die Leviten gelesen“, lacht Deschler.

„Die größte Enttäuschung: Dass wir die Hochschule nicht bekommen haben“

Die Unterstützung des Sports, vor allem des Jugendsports, ist ihr ein Herzensanliegen geblieben. 18 Jahre war sie Sozialreferentin des Stadtrates. In ihre Zeit fällt die Gründung des Seniorenbeirats und die Bestellung einer Behindertenbeauftragten, Waldkraiburg war da Vorreiter im Landkreis. Als Ansprechpartnerin für die Senioren habe sie dank der Unterstützung aus dem Rathaus vielen Leuten bei persönlichen Anliegen helfen können, freut sie sich. „Die größte Enttäuschung war für mich, dass die Stadt die Hochschule nicht bekommen hat.“ Da hätte sie sich mehr Engagement vom Bürgermeister und vom Stadtrat gewünscht.

Eva Köhr: Ohne Netzwerke geht in der Politik nicht viel

Eva Köhr (74) war nicht nur im Stadtrat, sondern auch auf Kreisebene sehr präsent, unter anderem als stellvertretende Landrätin (2002-2014). Die Jugendarbeit hat die ehemalige Geschäftsführerin des Kreisjugendrings in die Kommunalpolitik getrieben. Bei ihrem ersten Projekt, einer großen Skateboardanlage, gab’s gleich einen Dämpfer. Sie hat keine Mehrheit bekommen. „Da habe ich schon gemerkt, wie es läuft. Nichts geht als Alleinkämpfer. Man muss immer schauen, dass man Netzwerke hat.

Niedrige Wahlbeteiligung besorgniserregend

Andere Projekte, die ihr wichtig waren, sind Realität geworden: die Schenkerhalle, die Jugendkulturhalle, oder das Haus der Vereine und das Industriemuseum „Bunker 29“, für die sie sich mit ihrem verstorbenen Mann stark gemacht hat. Als größte Errungenschaften sieht sie die Übernahme der Stromversorgung, die Geothermie sowie die Entscheidung für das Forschungszentrum für biobasierte Rohstoffe an.

Große Sorgen macht der scheidenden Stadträtin die geringe Beteiligung bei der Kommunalwahl (42,6 Prozent). „Das ist nicht gerade motivierend.“, sagt Köhr und mahnt eine Analyse des Ergebnisses an. „Die Menschen müssen erkennen, dass hier über ihre Zukunft entschieden wird.“

Das könnte Sie auch interessieren:

Warum in Waldkraiburg selbst CSU-Frauen allergisch auf die Frauenquote reagieren

Fast sechs von zehn Waldkraiburgern haben nicht gewählt: Das hat Folgen

Alle Stadträte auf einen Blick und erste Reaktionen auf das Ergebnis

Ein großes Anliegen bleibt der Neubau des Tierheims. „Da lasse ich nicht locker“, sagt die 74-Jährige, die sich darauf freut, „nicht mehr durch Termine gebunden zu sein“. Mit einer Ausnahme: Für die Arbeitsgruppe Tierheim wird sie sich Zeit nehmen.

Margit Roller: Soziales und politisches Engagement seit der Jugendzeit selbstverständlich

Margit Roller(69) bleibt über ihre Amtszeit hinaus in der Projektgruppe Waldbad. „Ob Neubau oder Sanierung – mir ist der Standort Reichenberger Straße wichtig.“ Noch lieber hätte sie im Stadtrat weiter gemacht. Doch die CSU hat bei den Wahlen drei Sitze eingebüßt, Roller ist auf dem undankbaren zehnten Platz. Dass gleichzeitig drei AfD-Stadträte, die sich bisher nicht durch ehrenamtliches Engagement hervor getan hatten, ins Gremium einziehen, frustriert sie.

Schon seit ihrer Zeit als Schülersprecherin am Gymnasium Mainburg ist für die Tochter eines Stadtrats soziales und politisches Engagement selbstverständlich. Als Elternbeirätin hat sie sich über Jahrzehnte eingebracht.

Im Stadtrat hat sie sich vor allem in Bau- und Kulturangelegenheiten den Ruf erworben, kritisch und hartnäckig nachzufragen. „Ich weiß, das hat mir nicht nur Freunde gemacht“, sagt sie. Auch der Verwaltung oder Planern tritt sie regelmäßig auf die Füße. Das bringe wohl ihr Beruf mit sich, sagt die Apothekerin. „Da ist Korrektheit und präzises Arbeiten oberstes Gebot.“

Immer eine „Verfechterin der Kreisverkehre“

Zehn Jahre lang war sie Verkehrsreferentin und „immer eine Verfechterin von Kreisverkehren. Damals wurde ich belächelt.“ Die Entwicklung – auch in Waldkraiburg – gebe ihr Recht. 2012 wechselte sie für zwei Jahre zur Kultur und kämpfte seitdem für ein möglichst attraktives Programm im Haus der Kultur.

Inge Schnabl: Die erste „Bürgermeisterin“

Inge Schnabl (73) ist die erste Frau, die sich in Waldkraiburg „Bürgermeisterin“ nennen durfte. Schon seit in den 1990er-Jahren wurde sie „Faschingsbürgermeisterin“ ehrenhalber, weil sie mit Stadtratskollegin Köhr nach Jahrzehnten den Waldkraiburger Faschingszug wieder belebt hatte. Seit 2014 ist sie richtige – Dritte – Bürgermeisterin.

Noch heute kommen junge Leute, um sie nach Rat zu fragen

Sehr prägend war für sie die Zeit als Jugend- und Familienreferentin (2002 bis 2014). Der Name der Kletterwand im Haus der Jugend steht für ihr großes Engagement: „Schnabl-Ostwand. Stolz ist sie darauf, dass sie das Kinderferienprogramm auf ganz neue Beine gestellt und ausgebaut hat. Noch mehr freut sie sich darüber, dass bis heute junge Leute, um sie um Rat zu fragen.

Auch Inge Schnabl hat in ihrer langen Amtszeit einen weiten Weg zurück gelegt. Sie erinnere sich gut an eine Abstimmung über ein Krematorium in Waldkraiburg, die damals für heftige öffentliche Diskussionen sorgte. „Ich war als einzige dafür. Aber ich war zu feige, dazu zu stehen, und bin raus gegangen.“

Für Schnabl, die auch 18 Jahre für die CSU im Kreistag saß, stand nicht die Gremienarbeit im Vordergrund. „Ein Stadtrat muss immer unterwegs, präsent, ansprechbar sein.“ Diese Aufgabenbeschreibung hat die 73-Jährige, die in den 1970er-Jahren eine legendäre und erfolgreiche Damenfußballmannschaft begründete und später erste bayerische Fußball-Schiedsrichterin war, sehr ernst genommen. Jetzt freue sie sich auf mehr Zeit mit der Familie. Aber ganz kann sie’s natürlich noch nicht lassen. Ein bisserl mischt sie noch mit, als Vorsitzende des Vereins Sterntaler, 2. Vorsitzende des Tennisvereins, Kassenprüferin mehrerer Vereine und ehrenamtliche Betreuerin. (Insgesamt gehen zwölf Stadträte in Ruhestand, ein weiterer Bericht folgt.)

Kommentare