AKTUELLES INTERVIEW

Vielleicht schreibe ich meine Biografie

Altbürgermeister und Ehrenbürger: Jochen Fischer feiert heute 85. Geburtstag. privat
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Altbürgermeister und Ehrenbürger: Jochen Fischer feiert heute 85. Geburtstag. privat

Waldkraiburg – Seit 2002 ist er in Ruhestand, nach 57 Jahren im Berufsleben, davon 18 als hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt Waldkraiburg.

Am heutigen Dienstag feiert Jochen Fischer, Altbürgermeister und Ehrenbürger, seinen 85. Geburtstag. Anlass für ein Gespräch mit dem ehemaligen Kommunalpolitiker, der seine Spuren in der Stadt hinterlassen hat und sich auch nach seiner Amtszeit in allerhand Ehrenämtern engagierte. Mittlerweile muss Jochen Fischer aus gesundheitlichen Gründen kürzertreten. Ein interessierter Beobachter der politischen Entwicklungen in der Welt ist er geblieben. Und manches macht ihm da große Sorgen, wie er im Interview sagt.

Herr Fischer, heute feiern Sie den 85. Geburtstag. Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Chronischer Schmerzpatient bis ich schon seit 17 Jahren. Mein Rücken. Nach meinen Beinoperationen vor einigen Jahren bin ich in meiner Mobilität doch sehr eingeschränkt. Ich kriege noch immer viele Einladungen, aber abends kann ich nicht mehr zu den Versammlungen gehen. Ich kann einfach nicht so lange sitzen und oft auch nicht mehr laufen. Aber ich habe immer noch Beschäftigung.

Was machen Sie denn zurzeit gerade?

Ich räume mein Büro auf und beschäftige mich mit dem Thema, meine Biografie aufzuschreiben. Unterlagen habe ich genug, aber Zeit habe ich nicht (lacht). In meinem Alter geht alles nur halb so schnell. Ach ja, und ich helfe meiner Frau in der Küche. (Dazu Gisela Fischer: Er stellt sich sehr gut an, nur kochen kann er nicht.)

Ganz haben Sie sich aber aus der Öffentlichkeit nicht zurückgezogen. Was macht denn der Förderverein Stadtmuseum?

Die meisten ehrenamtlichen Tätigkeiten habe ich aufgegeben. Der Förderverein Stadtmuseum wird in diesem Frühjahr bei der Hauptversammlung einen neuen Vorsitzenden bekommen. Es gibt einen guten Kandidaten, der zu unserer tüchtigen Mannschaft um Stadtarchivar Kern passt. Das Lektorenamt in der Johannes-Nepomuk-Kirche macht mir und meiner Frau noch immer Freude. Und bei den Schlesiern sind wir als Beisitzer und Kassier erst wieder bestätigt worden.

Sind Sie noch immer Frühaufsteher?

Spätestens um halb vier stehe ich auf. Ich brauche meine Zeit, um mich fertig zu machen. Mein erster Gang ist zur Zeitung. Dann mache ich Frühstück. Das genießt meine Frau sehr. Ein bisschen was muss ich ihr zurückgeben. Sie ist ja meine Krankenschwester. Schwester Gisela ist immer zur Stelle.

Apropos Zeitung. Sie waren immer ein politischer Mensch, der das Zeitgeschehen interessiert beobachtet hat. Was sagen Sie denn zu den aktuellen Entwicklungen in der großen Politik?

Wir hatten, jedenfalls nach dem Krieg, noch nie so eine Zwistigkeit und Unfreundlichkeit in der großen Politik wie heute. Das ist geradezu unerträglich. Manches erinnert an die Weimarer Zeit, wo es ja auch so zugegangen ist zwischen Kommunisten und Sozialisten und zwischendrin die Braunen. Manchesmal kommt es mir vor, als war alles schon mal da.

Was läuft schief?

Ich mache mir wirklich Sorgen. Es ist so ein Unfrieden in der Welt, und als einzelner Mensch kommt man sich so hilflos vor. Wenn ich die Trumps oder Erdogans höre, kommt es mir manchmal vor, als hörte ich den Adolf. Und schauen Sie sich die Parteien wie die AfD an. Die haben keine Zukunft, werden verschwinden wie die Republikaner. Aber sie bringen Unfrieden unter die Leute. Da wird gepoltert. Und wer am besten drauf haut, der bekommt den meisten Applaus. Der Respekt geht verloren.

Zurück nach Waldkraiburg. Wenn Sie mit dem Abstand von 15 Jahren auf Ihre Zeit als Bürgermeister zurückschauen; Auf welche Errungenschaft sind Sie heute noch stolz?

Stolz bin ich darauf, dass ich auch bei großen Widerständen Dinge, die ich für richtig und wichtig gehalten habe, durchsetzen und Mehrheiten gewinnen konnte. Stolz bin ich auf Entscheidungen, die wichtige Grundlagen für die positive Stadtentwicklung gelegt haben, zum Beispiel die Absiedlung der Unternehmen aus den Wohngebieten ins Industriegebiet, das Mittelzentrum oder die Übernahme der Stromversorgung, die wir gegen allergrößte Widerstände gemacht haben. Oder im Kulturbereich das Haus der Kultur. Da waren natürlich auch Risiken. Aber ich habe in der Kommunalpolitik gelernt: Man muss Verantwortung übernehmen, man muss Visionen haben und auch Risiken übernehmen, wenn etwas voran gehen soll. Ich glaube, sagen zu können, dass ich bei der Bevölkerung ganz gut angekommen bin.

Was wünschen Sie sich zum 85. Geburtstag?

Mein Wunsch, der aber nicht in Erfüllung gehen kann: Mehr Gesundheit, vor allen Dingen aber, dass es nicht schlechter wird.

Was wünschen Sie Waldkraiburg und den Waldkraiburgern?

Ich hätte gerne, dass sich die Menschen gerade hier in Waldkraiburg näher kommen. Dass das „Grüß Gott“-Sagen wieder mehr ins Gespräch kommt, das würde ich mir wünschen.hg

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