2. Prozesstag um Horror-Tat in Waldkraiburg: "Ohne Operation hätte sie die Funktion ihrer Hände verloren"

Mit schwersten Verletzungen im Gesicht und am Arm war die Frau aus Waldkraiburg Ende 2018 gerettet worden. Zunächst schwebte sie in Lebensgefahr. 

Aus reiner Eifersucht soll im Dezember 2018 ein 38-Jähriger seiner Ex-Freundin aus Waldkraiburg mit einem Teppichmesser lebensgefährlich verletzt – und für ihr restliches Leben entstellt haben. Nun wurde der Prozess gegen ihn fortgesetzt. Im Mittelpunkt standen die Aussagen des Gutachters.

Update 18.11. 

Traunstein/Waldkraiburg – Das Damoklesschwert „Sicherungsverwahrung“ hängt über einem 13-fach, mehrmals einschlägig vorbestraften 38-jährigen Thüringer. Dieser hatte am 30. Dezember 2018 aus Eifersucht seine 43-jährige Freundin, die sich nur wenige Tage zuvor von ihm getrennt hatte, sowie deren 24 Jahre alte Untermieterin in einem Anwesen in Waldkraiburg mit einem Cuttermesser schwerst verletzt. In dem Traunsteiner Schwurgerichtsprozess unter Leitung von Vorsitzendem Richter Erich Fuchs werden am 28. November die Plädoyers erwartet. Das Urteil wird voraussichtlich am 29. November verkündet.

Die 43-Jährige hatte dem Angeklagten kurz vor der Tat wegen seiner Eifersucht den Laufpass gegeben. Hinzu kamen seine Alkoholprobleme und Gewaltausbrüche, wenn er getrunken hatte. Der 38-jährige verbrachte einige Tage in Inzell und fuhr am Tattag mit der Bahn zurück zum Anwesen seiner Ex nach Waldkraiburg. Auf sein Klingeln hin öffnete die ahnungslose 43-Jährige.

Sofort attackierte sie laut Anklageschrift der alkoholisierte Angeklagte mit einem Teppichmesser, zog die Klinge mehrfach von oben nach unten durch. Durch tiefe Schnitte in Gesicht und Arme verlor die Frau rund eineinhalb Liter Blut. Auf ihr Schreien hin eilte die 24-jährige Untermieterin vom ersten Stock herunter und wollte Hilfe holen. Der 38-Jährige erwischte laut Anklage auch sie und verletzte sie ebenfalls ganz massiv mit dem Cuttermesser. Beide Frauen konnten sich letztlich durch Flucht retten. Sie wurden in Kliniken eingeliefert und benötigten intensivmedizinische Maßnahmen.

Schnitt mit Nachdruck geführt 

Der rechtsmedizinische Sachverständige Dr. Fritz Priemer aus Wonneberg berichtete am 2. Prozesstag, die Frau sei noch immer körperlich schwer beeinträchtigt. Die psychischen Folgen für sie seien „noch gar nicht abzuschätzen“. Gegen die Jüngere seien mindestens zwei, wahrscheinlich drei „mit Nachdruck geführte“ Schnitte erfolgt.

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Der Gutachter gelangte zu einer „das Leben gefährdenden Behandlung“. Ohne ärztliche Hilfe hätte die Geschädigte ihre Hand verlieren können. Die 43-Jährige habe durch die wohl acht Schnitte „Hb-wirksame Blutverluste“ aus größeren Gefäßen erlitten.

Ein Schnitt durch den Arm sei bis auf den Knochen gedrungen und habe einen Knochenspan abgehoben. Dr. Priemer weiter: „Für so massive Verletzungen ist die Frau relativ glimpflich davon gekommen. Mehrere Sehnen wurden durchtrennt. Ohne Operation hätte sie die Funktion ihrer Hände verloren.“ Zu den Narben im Gesicht meinte der Sachverständige: „Man wird kosmetische Korrekturen machen können. Aber das Gesicht bleibt gezeichnet. Außerdem sind immer Komplikationen möglich.“

Auf Schmerzensgeld geeinigt 

Die Opferanwälte Inge Bazelt aus Altötting und Axel Reiter aus Mühldorf einigten sich gestern namens der Nebenklägerinnen mit dem Angeklagten und dessen Verteidiger, Jörg Zürner aus Mühldorf, auf Schmerzensgelder – allerdings in Kenntnis, dass der 38-Jährige derzeit mittellos ist. Wenn sich daran etwas ändert, könnte die 24-Jährige mit 18 000 Euro, die 44-Jährige mit 25 000 Euro rechnen. Hinzu käme jeweils die Übernahme aller Kosten für künftige materielle und immaterielle Schäden.

Täter stand unter offener Bewährung 

Tätliche Angriffe mit Körperverletzungen unter Einfluss von viel Alkohol, Bedrohungen, Beleidigungen, auch rassistischer Art, und Verkehrsdelikte zogen sich durch die vergangenen 20 Jahre im Leben des Angeklagten. Mehrfach verbüßte er Freiheitsstrafen, war auch wegen seiner Alkoholsucht einige Mal in Therapie. Bei den Taten in Waldkraiburg stand er unter offener Bewährung – nach einem Vorfall 2015 in Inzell, bei dem der betrunkene 38-Jährige – neben weiteren Delikten – seine damalige Freundin gewürgt, verletzt und beleidigt hatte. 

Erstbericht zum ersten Prozesstag am 15.11.

Traunstein/Waldkraiburg (kd)- „Er wollte mein Gesicht zerschneiden.“ Das sagte eine 43-jährige Frau aus Waldkraiburg, die – wie eine 24-Jährige Untermieterin, die ihr helfen wollte – am 30. Dezember 2018 Opfer einer Attacke mit einem Cuttermesser wurde. 

Der 38-jährige Täter, Ex-Freund der 43-Jährigen, muss sich aktuell vor dem Schwurgericht Traunstein verantworten. Der Prozess, in dem es um schwere Körperverletzungsdelikte, vielleicht sogar um versuchten Mord oder Totschlag geht, soll bis 29. November dauern.  

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Wie die 43-Jährige berichtet, sei der äußerst eifersüchtige Angeklagte nach ersten Auseinandersetzungen, in denen er schon mit einem Messer gedroht habe, für einige Tage nach Inzell gefahren. 

Auf der Rückreise mit dem Zug nach Waldkraiburg, von der die 43-Jährige nichts ahnte, soll er reichlich Alkohol getrunken haben. 

Laut Anklageschrift tauchte er dann bei seiner Ex-Freundin auf und beobachtete von der Straße aus in deren Bad einen 24-Jährigen. Er hielt den Mann, der mit seiner gleichaltrigen Freundin Untermieter in der Wohnung über zwei Etagen war, irrtümlich wohl für den neuen Freund der 43-Jährigen. 

Motiv der Tat: Eifersucht 

Diese öffnete auf das Klingeln des Angeklagten hin. Der 38-Jährige rief laut der Frau: „Du Schlampe, du hast mich betrogen.“ Dann sei er unvermittelt mit dem Teppichmesser auf den Kopf der Frau losgegangen, die schützend die Arme vor ihr Gesicht hielt. 

Mehrmals soll der Angreifer dann von oben nach unten das Gesicht der Frau zerschnitten haben. 

Die Zeugin erinnerte sich: „Ich hab was gespürt. Ich dachte an meine Augen, mein Gesicht und schrie um Hilfe. Er machte weiter und schnitt mich, auch als ich am Boden lag. Ich habe Gott um Vergebung gebeten, dachte, es sind meine letzten Sekunden.“ 

Dann habe sie irgendwie fliehen können. Bei Nachbarn sei sie mehrfach ohnmächtig geworden. Sie hörte, wie ein Polizist sagte: „Die Frau ist auch verletzt.“ 

Untermieterin wollte helfen

Was die 43-Jährige nicht wusste: Die 24-jährige Untermieterin war laut Anklage auf die Hilfeschreie hin vom ersten Stock hinuntergelaufen. Als sie an dem rasenden Mann vorbei wollte, wandte sich dieser von der 43-Jährigen ab, erwischte die jüngere Geschädigte und verletzte auch sie mit dem Cuttermesser. 

Der 24-Jährigen gelang es demnach, zu entkommen, sich in einem Zimmer einzusperren und durch das Fenster zu retten. 

Beide Opfer bluteten massiv. Die 24-Jährige erlitt Schnittverletzungen im Gesicht sowie eine tiefen Schnitt in den Unterarm, der einen Muskel traf, dazu eine Arterie und einen wichtigen Nerv völlig durchtrennte. Bis heute ist sie nicht genesen. Ihr Unterarm ist nicht voll beweglich. Hinzu kommen die anhaltenden psychischen Folgen. 

"Alles war offen" 

Ähnlich schlimm ist die Situation der 43-Jährigen, wie sie vor dem Schwurgericht schilderte. Sie konnte unmittelbar nach dem Messerangriff ihre Hand nicht heben. Ein Unterarmknochen und eine Sehne lagen frei. Wörtlich meinte sie: „Alles war offen.“ Die Frau verlor bis zu eineinhalb Liter Blut. 

Mit einem Hubschrauber musste die heute 43-Jährige nach der Tag in eine Spezialklinik geflogen werden. Der Angeklagte hatte ihr mit einem Teppichmesser schwere Verletzungen zugefügt, die nie vollkommen ausheilen.

Nachbarn und Polizisten versuchten, die Blutungen notdürftig zu stillen, ehe das Opfer mit einem Rettungshubschrauber nach München geflogen wurde. Die Schwerverletzte hörte, wie jemand sagte, ins Klinikum Murnau hätte sie es „nicht geschafft“. Im Krankenhaus erfuhr sie, so erzählt sie, dass es ein Wunder sei, dass sie das Augenlicht nicht verloren habe. Denn sie hatte auch im Gesicht tiefverlaufende, senkrechte Schnitte – zwischen zehn und 20 Zentimeter lang. 

Die Narben zeichnen ihr Gesicht, werden wohl immer bleiben. 

Folgen des Angriffs werden immer bleiben

Eine Operation steht bevor. Teile der Haut sind taub. Der zerschnittene Arm – unter anderem wurden Blutgefäße und zwei Sehnen durchtrennt, das Handgelenk frei gelegt – ist wieder einigermaßen beweglich. 

Gefühlsstörungen und Schmerzen bei Kälte plagen die 43-Jährige bis dato. Eine Behinderung wird bleiben, prognostizieren die Ärzte. Hinzukommen Ängste, vor allem im Dunkeln, und Albträume. „Ich habe neben dem Bett einen Baseballschläger“, so die Zeugin. 

Wegen der psychischen Folgen ist sie nach wie vor in Behandlung. Ihren Arbeitsplatz in Waldkraiburg hat sie damals verloren. Bis auf weiteres ist sie krankgeschrieben. 

Täter soll gedroht haben, die Frau zu verunstalten

Auf Fragen berichtete die Nebenklägerin, der Angeklagte sei extrem eifersüchtig, habe mehrmals geäußert, sie werde „seine letzte Frau sein“. Sollte sie ihm untreu sein, werde er sie „umbringen“. Auch ihre Familie werde zu leiden haben.

Einmal habe er gedroht, er werde sie „verunstalten“, sollte sie fremdgehen. Die 43-Jährige betonte, sie versuche, „alles zu verdrängen, zu vergessen“. Früher habe man gemeinsame Pläne gehabt – die an seiner Eifersucht gescheitert seien: „Er war auf alles eifersüchtig – auf den Chef, auf Kollegen, auf die Untermieter.“ 

Seine Aggressionsattacken führte die von Opferanwältin Inge Bazelt aus Altötting begleitete Geschädigte auf übermäßigen Alkoholkonsum zurück. Sie habe ihn vom Alkohol abbringen wollen, habe an das Gute in ihm geglaubt. Nüchtern habe er stets versprochen, sich zu ändern. Der Ex-Freund auf der Anklagebank verfolgte die Aussage mit betroffener Miene. Fragen stellte er nicht.

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