Symbolcharakter

Er hat sich verabschiedet, nun wird er mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedet: Bundespräsident Horst Köhler. Er war in diesen Tagen überraschend zurückgetreten, wegen missverständlicher Äußerungen zum Afghanistan-Krieg. Viele Bürger rätseln noch, was der wahre Grund war.

Und viele oppositionelle Politiker flüstern hinter vorgehaltener Hand etwas vom Scheitern an der eigenen Unsicherheit. Als Nichtpolitiker kam er in dieses Amt und gab es nach sechs Jahren vorzeitig zurück. Nur ein weiterer Bundespräsident schied noch vorzeitig aus und das war Heinrich Lübke. Der Mann war allerdings krank. Umso mehr hinkt der Vergleich des Grünen-Bundestagfraktionschefs Jürgen Trittin zwischen den beiden.

"Man möchte zu seinen Gunsten annehmen, dass er sich bei diesen Worten auf den Pfaden seines Vorgängers Heinrich Lübke vergaloppiert hat", so Trittin. Denkt man an Lübke, kommt man unweigerlich auf seine unfreiwillig komischen Auftritte und rhetorischen Missgriffe. Zum Zeitpunkt seiner Schelte will Trittin noch nicht gewusst haben, dass Lübkes Aussetzer auf eine demenzielle Krankheit zurückzuführen waren. Ansonsten würde aus einer polemischen und wadlbeißerischen Flegelei pure Beleidigung unter der Gürtellinie werden, ob sich Köhler nun verkorkst ausgedrückt hat, spielt dabei keine Rolle.

Interessant ist, dass Lübke nun wieder in aller Munde ist. In der Jubiläumsbeilage der Heimatzeitung "50 Jahre Waldkraiburg" taucht er im "Waldkraiburg-Test" auf. Bundespräsident Dr. Heinrich Lübke stattete der Stadt im Mai 1969 einen Besuch ab. Damals lebten hier rund 8000 Einwohner - heute sind es über 24000. Viele, die die Anfänge der evolutionären Zelle bis heute zur größten Stadt im Landkreis begleitet haben, berichten uns.

So wie Antonie Schmidt. Die 85-Jährige hat ihre Erinnerungen aufgeschrieben. "Was waren die Flüchtlinge und Vertriebenen für eine Bereicherung für uns", schreibt die rüstige Dame. Ihr Dörfchen St. Erasmus sei damals aus dem Dornröschenschlaf erwacht, weil so viele Menschen nach dem Krieg von auswärts kamen. Ihr Vater war Bürgermeister von Fraham, der die Vertriebenen einzuquartieren hatte. Man hatte diesen Menschen alles genommen, nur nicht ihr handwerkliches Können und das hatten sie in ihre zweite Heimat mitgebracht.

Gründergeist und Gestaltungskraft prägten diese Jahre. Aus den Trümmern des ehemaligen Rüstungswerkes ist ein Industrie-, Kultur- und Schulzentrum geworden. Natürlich kann die Stadt ihre Geschichte nicht abschütteln, dass in dieser geheimen Anlage in dem geschlossenen Waldgebiet keine Stadt geplant war und ohne den Zweiten Weltkrieg nie entstanden wäre. Doch dieser Ort ist in 65 Jahren seit dem Kriegsende ein friedlicher und starker Ort geworden. Zwar hat in der Industriestadt die Wirtschafts- und Finanzkrise bitterböse zugeschlagen. Doch nun weht wieder ein bisschen Aufbruchsstimmung, zumindest durchs Industriegebiet. Die Baywa AG wird fünf Millionen Euro in den Standort investieren. Na, wenn das mal kein Spatenstich mit Symbolcharakter ist. Andrea Klemm

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