Symbol mit Alleinstellungsmerkmal

Die Amtskette des Bürgermeisters zeigt folgende Wappen: Waldkraiburg (Mitte), Euro-Motive am Kettenverschluss (Grünes E auf weißem Feld und zwölf goldene Sterne auf blauem Feld), linke Seite (von oben): Hirschberg am See (Oberland-Niederland), Mährisch Schönberg (Nordmähren), Stettin (Pommern), Königsberg (Ostpreußen), Breslau (Schlesien), Berlin, Prachatitz (Böhmerwald), Graslitz (Erzgebirge), Karlsbad (Egerland), Eger (Egerland); unten Mitte: kleines bayerisches Staatswappen und Wappen der Bundesrepublik Deutschland; rechte Seite (von unten): Reichenberg (Isergebirge), Aussig an der Elbe (Nordböhmen), Haida (Oberland-Niederland), Gablonz (Isergebirge), Znaim (Südmähren), Landeswappen Siebenbürgen, Braunau (Böhmen), Troppau (Sudeten-Schlesien) und Nikolsburg (Südmähren). Foto Stadtarchiv Waldkraiburg
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Die Amtskette des Bürgermeisters zeigt folgende Wappen: Waldkraiburg (Mitte), Euro-Motive am Kettenverschluss (Grünes E auf weißem Feld und zwölf goldene Sterne auf blauem Feld), linke Seite (von oben): Hirschberg am See (Oberland-Niederland), Mährisch Schönberg (Nordmähren), Stettin (Pommern), Königsberg (Ostpreußen), Breslau (Schlesien), Berlin, Prachatitz (Böhmerwald), Graslitz (Erzgebirge), Karlsbad (Egerland), Eger (Egerland); unten Mitte: kleines bayerisches Staatswappen und Wappen der Bundesrepublik Deutschland; rechte Seite (von unten): Reichenberg (Isergebirge), Aussig an der Elbe (Nordböhmen), Haida (Oberland-Niederland), Gablonz (Isergebirge), Znaim (Südmähren), Landeswappen Siebenbürgen, Braunau (Böhmen), Troppau (Sudeten-Schlesien) und Nikolsburg (Südmähren). Foto Stadtarchiv Waldkraiburg

Sie ist ein Zeichen der Macht, wie Krone und Bischofsstab für weltliche Herrscher und kirchliche Würdenträger. Sie steht für städtische Eigenständigkeit und weist den Träger als ersten Repräsentanten aus: die Amtskette des Bürgermeisters.

Vor 50 Jahren hat erstmals ein Waldkraiburger Stadtoberhaupt die silberne Kette angelegt. Sie ziert nicht nur das eigene Stadtwappen, sondern - das unterscheidet sie von vielen anderen Amtsketten - 20 weitere Wappen deutscher Städte und Regionen.

Waldkraiburg - Waldkraiburg im Sommer 1965 - mit einer Festwoche feiert die Stadt ihr 15-jähriges Bestehen. Einer der Höhepunkte der Feierlichkeiten ist die Festsitzung des Stadtrates, in der Bürgermeister Hubert Rösler und seinen beiden Stellvertreter Anton Köhler und Herbert Kunz die neuen Amtsketten übergeben werden. Drei Jugendliche, die nach der Gemeindegründung 1950 als erste ins Geburtsregister eingetragen wurden, überbringen die Amtsinsignien.

Das Resultat einer Bürgerinitiative

Es ist ein Geschenk der Waldkraiburger Bevölkerung und das Ergebnis einer Bürgerinitiative: Eduard Bencker, Hans Reisegast und Franz Hüller, Waldkraiburger der ersten Stunde, waren 1964 mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit gegangen. Jeder Haushalt, so ihre Idee, sollte zwei D-Mark spenden, um die Kette zu finanzieren. Bald wurden Haussammlungen organisiert, auch einige Firmen beteiligten sich mit Spenden.

In der Festsitzung vor 50 Jahren legte Bürgermeister Hubert Rösler die Kette erstmals an. Bei vielen weiteren festlichen Anlässen trugen er und seine Nachfolger Dr. Josef Kriegisch, Jochen Fischer, Siegfried Klika und Robert Pötzsch die silberne Kette: beim Ablegen des Amtseides, bei Festakten und großen Jubiläen, an hohen kirchlichen Festtagen wie Fronleichnam, bei Empfängen oder bei Besuchen namhafter Persönlichkeiten.

Während die ebenfalls in einer Berliner Werkstatt gefertigten silbernen Ketten der Bürgermeister-Stellvertreter relativ schlicht gestaltet sind und ausschließlich das Stadtwappen zeigen, ist die Amtskette des Ersten Bürgermeisters aufwändig verziert. Sie trägt - in Email gearbeitet - neben dem Stadtwappen auch die Wappen von 20 Städten und Regionen in den ehemaligen deutschen Ostgebieten im heutigen Polen und in Tschechien, aus denen Waldkraiburger geflüchtet waren und vertrieben wurden. Diese sollten die damalige Zusammensetzung der Bevölkerung repräsentieren, so Stadtarchivar Konrad Kern zu dem "Alleinstellungsmerkmal" der Amtskette.

Eine offene Frage

Nach welchen Kriterien die Auswahl der Städte und Regionen erfolgte, erschließt sich auch dem Archivar nur zum Teil. Städte wie Eger, Haida, Reichenberg, Gablonz oder Graslitz stehen tatsächlich für große landsmannschaftliche Gruppen in der Waldkraiburger Bevölkerung der 50er- und 60er-Jahre. Hirschberg am See hat wohl als Herkunftsort des Bürgermeisters Aufnahme gefunden. Doch andere Regionen wie das Altvatergebirge oder das Adlergebirge sind nicht vertreten, während Städte wie Znaim und Nikolsburg in Südmähren landsmannschaftlich in der Stadt nie eine Rolle gespielt hätten. Das Landeswappen von Siebenbürgen ist auf der Kette, das des Banat nicht. Vermutlich war es damals so schwer, die rechte Balance zu finden, wie es wohl auch heute wäre, glaubt Kern.

Schon damals mit Europa verbunden

Nicht nur die alte Heimat prägt die Gestaltung der Kette. Auch die Zugehörigkeit zu Bayern und zu Deutschland werden durch entsprechende Wappen deutlich gemacht. "Bemerkenswert" findet der Stadtarchivar, dass die Stadt mit dem Wappen am Kettenverschluss schon 1965, also zu einem sehr frühen Zeitpunkt des europäischen Einigungsprozesses, ihre Verbundenheit zur europäischen Ideen bekundet. Um all diese Einzelheiten mit der ausführenden Firma zu besprechen, hatte Bürgermeister Rösler eigens eine Dienstreise nach Berlin unternommen.

Mit der Übergabe der Amtsketten geht eine längere Vorgeschichte zu Ende, die Kern aus dem einschlägigen Akt im Archiv recherchiert hat. Demnach sollten schon 1960, zur Stadterhebungsfeier, Amtsketten beschafft werden. Vor allem wegen der Beschaffung der entsprechenden Wappen habe sich die Realisierung aber in die Länge gezogen. Dazu kam die schwierige Suche nach einer geeigneten Fachfirma und eine Diskussion um das Aussehen und den Preis der Ketten. 1962 hatte der Stadtrat den Auftrag bereits an eine Firma in Kaufbeuren vergeben und einen Entwurf der Waldkraiburger Künstlerin Christa Brunotte abgelehnt.

Als dem Stadtrat 1964 ein Angebot der Berliner Firma in Höhe von 6300 Mark zu teuer vorkam, schlug die Stunde der Bürgerinitiative um Eduard Bencker. Die 1500 Gramm schwere Amtskette des Bürgermeisters kostete schließlich 7650 Mark, das Lederetui 225 Mark. Weil die Originalschatulle fast auseinanderbrach, fertigte ein Bauhof-Schreiner viele Jahre später eine hölzerne Schatulle mit roter Samtverkleidung. Die Ketten für die beiden Bürgermeister-Stellvertreter kosteten 2460 Mark. Von der Idee, allen Stadtratsmitgliedern Ketten zu beschaffen, wie das zum Beispiel in München der Fall ist, hat die Stadt Abstand genommen. Vermutlich auch wegen der Kosten in Höhe von 14000 Mark.

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