Stadtgeschichte - 140 Seiten stark

OVB
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Freuten sich über das große Interesse am neuen Heft der Schriftenreihe "Unser Waldkraiburg": die Autoren (von links) Christopher Martin, Konrad Kern und Erika Rahnsch (nicht auf dem Foto Dietrich Maurer).

Es ist 140 Seiten stark und beschäftigt sich mit vier Themen, in denen sich die besondere Geschichte Waldkraiburgs und seiner Ortsteile widerspiegelt:

Das reich bebilderte 14. Heft der Schriftenreihe "Unser Waldkraiburg", das der Förderverein Stadtmuseum jetzt im Haus der Kultur vorstellte.

Für die Entwicklung von einer Bunkersiedlung zu einer modernen Stadt steht das erste und lange Zeit einzige Architekturbüro auf dem Boden Waldkraiburgs: das Büro Rösler-Reilich-Rahnsch - RRR, das schon in den 40er-Jahren gegründet wurde. Erika Rahnsch, die als Bürokraft zu den Mitarbeiterinnen der ersten Stunde zählte, war bei der Auflösung des Unternehmens im Jahr 1995 noch immer dabei. "Eigentlich" habe sie die Geschichte des Büros nur für ihre Familie aufschreiben wollen, erzählt die Autorin bei der Präsentation des neuen Heftes im Haus der Kultur.

Konrad Kern, Stadtarchivar und Redakteur der Schriftenreihe, hat sie überzeugt, die persönlichen Erinnerungen öffentlich zu machen. Schließlich handle es sich um "ein ganz wichtiges Stück Stadtgeschichte". Nicht nur, aber auch weil mit Hubert Rösler einer der drei Partner seit 1950 der Gründungsbürgermeister der Gemeinde war, der bereits 1947-1948 die Grundlagen der Ortsplanung für die Siedlung erarbeitete. Auch Horst Rahnsch, verstorbener Ehemann der Autorin, engagierte sich als langjähriger Stadtrat in der Kommunalpolitik sowie in der Feuerwehr. Der Dritte im Bunde war Rudolf Reilich, ehemaliger Stadtbaumeister von Gablonz.

Wie bescheiden und schwierig die Anfänge des Unternehmens waren, schildert Rahnsch am Beispiel der Schreib- und Zeichentische: "Pulverkisten aus dem DSC-Werk dienten als Unterbau für einfache Bretter oder alte Türen", auf denen dann Schreibmaschine oder einfache Reißbretter standen. "Man kann heute mit Fug und Recht sagen, dass Waldkraiburg auf einer ausgehängten, alten Tür entstanden ist!"

Die große Bedeutung des Büros erschließt sich aus der im Beitrag zusammengetragenen Liste der Gebäude, die die Handschrift der drei Bauingenieure trägt. Nicht weniger als 2000 Wohnungen der Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft gehören dazu. Viele öffentliche Bauten wie die Joseph-von-Eichendorff-Schule, der erste Schulbau in der Stadt, die Staatliche Mittelschule, das Haus Sudetenland, die Turnhalle an der Dieselstraße, 1961 die erste Turnhalle im Landkreis, später das Haus des Buches oder das Feuerwehrzentrum sind von diesem Büro geplant und erstellt worden. Dazu kommen Projekte privater Unternehmen, wie die Sudetenglashütte, das Union-Theater am Goetheplatz oder das Hauptgebäude der Kreissparkasse und viele weitere Firmengebäude.

Auch die Gebäude, die seit 1971 am neuen Waldbad stehen, gehören in diese Liste. Ein Beitrag von Christopher Martin, der als Facharbeit am Gymnasium entstand, widmet sich der Geschichte der Freizeitanlage. Martin arbeitet dabei heraus, dass auch dieses Freizeitbad so wie die Stadt einen "einzigartigen Werdegang" hat. Zwei Speicherbecken, die im Rüstungswerk zum Abkühlen von Hochdruck-Wärmekraftwerken zur Stromversorgung dienten, wurden durch private Initiative von Josef Augsten und VfL-Mitgliedern zu Schwimmbecken umgerüstet. Das erste Freizeitbad nahm 1948 den Betrieb auf, wurde 1951 von der Gemeinde übernommen, 1955 offiziell als Waldbad eröffnet und zur Wettkampfstätte für die erfolgreichen Waldkraiburger Schwimmer erweitert und umgebaut. Bis 1969 war es in Betrieb.

Nach zweijähriger Bauzeit wurde 1971 das neue Waldbad mit sechs Becken eröffnet und war damals, so Martin, "das modernste Schwimmbad in ganz Süddeutschland", immerhin tauglich für die Vorbereitung von Olympia-Teams für die Spiele in München.

Zwei Beiträge behandeln schulgeschichtliche Themen. Der Kulturwissenschaftler Dietrich Maurer dokumentiert die kurze Geschichte der Glasfachklasse von 1953 bis 1960. Die Besonderheit: Diese Klasse der Mühldorfer Verbandsberufsschule war nach Waldkraiburg ausgelagert. In zähem Ringen konnten dies Industriegemeinschaft und Gemeinde durchsetzen. Ein Unterricht in der Kreisstadt war nicht möglich, weil die Lehrlinge nicht abkömmlich waren, sondern am Vormittag an den Öfen in der Glashütte gebraucht wurden, um nicht die Produktion zu gefährden. Bereits um 5 Uhr begann für sie die Arbeit, ab 14 Uhr wurden sie an zwei Nachmittagen unterrichtet. Fachunterricht erteilten Meister der Glashütte, beziehungsweise der glasverarbeitenden Unternehmen. In allgemeinen Fächern wie Deutsch oder Mathematik wurde die Klasse von Volksschullehrern unterrichtet.

Konrad Kern hat im umfangreichsten Artikel des Heftes die wechselvolle Geschichte der Volksschule Pürten dargestellt (wir berichteten ausführlich). Dazu eröffnete er im Anschluss an die Präsentation eine kleine Ausstellung über die 1880 erbaute Pürtener Schule. Originalbaupläne, Klassenfotos, Lehr- und Stundenpläne, vor allem aber die Bücher der hoch interessanten Schulchroniken, die das Schulleben von 1913 bis zur Schließung 1968 lückenlos widerspiegeln, sind noch bis zum Ende der Geschichtstage des Landkreises am 16. Oktober zu sehen.

Das Heft 14 der Reihe "Unser Waldkraiburg" ist im Rathaus sowie im örtlichen Buchhandel erhältlich.

hg/Mühldorfer-Anzeiger

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