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Spielen gegen den Coronablues: Was ein Experte für Weihnachten und den Lockdown empfiehlt

Wenn Wolfgang Wichmann, wie hier vor zwei Jahren in der Stadtbücherei Waldkraiburg, bei seinen Info-Veranstaltungen auf Kinder trifft, dann sind Spieleexperten unter sich.
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Wenn Wolfgang Wichmann, wie hier vor zwei Jahren in der Stadtbücherei Waldkraiburg, bei seinen Info-Veranstaltungen auf Kinder trifft, dann sind Spieleexperten unter sich.

Waldkraiburg/Grafing – Jedes Jahr vor Weihnachten kommt Spieleexperte Wolfgang Wichmann in die Stadtbücherei Waldkraiburg, um neue Spiele vorzustellen und Regeln zu erklären. Coronabedingt musste die Veranstaltung diesmal ausfallen. Dabei gibt es gerade heuer einen ungebrochenen Trend zu Gesellschaftsspielen.

von Sonja Hoffmann

Herr Wichmann, was sind die Trends beim Spielen im Corona-Jahr 2020?

Wolfgang Wichmann: Der Trend zu Gesellschaftsspielen hält an, es werden sehr viele Spiele gekauft, die Leute haben halt Zeit. Was fehlt, sind die Spielpartner. Viele Spiele sind mit nur einer anderen Person schwer zu spielen. Im Allgemeinen ging der Trend in den letzten Jahren zu kurzweiligen Spielen mit wenigen Regeln, wo man gleich loslegen kann.

Und heuer?

Wichmann: Gerade heuer werden auch Kellerspiele wieder mehr nachgefragt. Da muss man sich länger in die Regeln einlesen, der Aufbau ist komplizierter und es dauert mindestens zwei Stunden. Das ist etwas ab dem Erwachsenenalter. Bei Rentnern geht der Trend zu einfachen Spielen. Die hätten zwar Zeit, verlieren aber schnell die Lust. Die spielen lieber drei kurze Spiele als ein langes.

Wie sind Sie zum Spieleexperten geworden?

Wichmann: Mein Vater hat sich schon vor 50 Jahren Spiele für uns ausgedacht, weil wir kein Geld hatten, um welche zu kaufen. Es ist traurig zu sehen, dass manches Spielprinzip, das wir damals schon kannten, heute immer wieder aufgelegt und als „neu“ verkauft wird. Jedes Jahr gibt es 200, 300 „neue“ Spiele, von denen sich vielleicht 50 lohnen, sie sich anzuschauen.

Was haben Sie eigentlich beruflich gemacht?

Wichmann: Ich war in der Datenverarbeitung und Systemberatung bei Siemens beschäftigt, bis ich mit 53 in den Vorruhestand versetzt wurde. 1996 habe ich bei uns in Grafing ein Spielefachgeschäft aufgemacht. Aber bei 12 000 Einwohnern, da hatte irgendwann jeder zwei Spiele daheim, und dann war es auch gut. Ich habe auch Spiele verliehen, die konnte man zurückgeben oder dann kaufen. Manche Spiele haben sich dreimal bezahlt, aber bei einer Inventur 1999 habe ich festgestellt, dass ich 11 000 Mark an offenen Spielen herumliegen habe. 2001 habe ich wieder zugemacht.

„Ich hatte zeitweise 2900 Spiele“

Haben Sie alle Spiele schon einmal gespielt?

Wichmann: Ich hatte zeitweise 2900 Spiele bei mir herumliegen, im Keller, im Schuppen, das habe ich mittlerweile wieder abgebaut. Ich habe mir über die Jahre viel Knowhow angeeignet als Spieleerklärer in Kindergärten, Büchereien, in letzter Zeit auch immer mehr in Hotels, die zu mehrtägigen Spielevents einladen. Ich erkläre und präsentiere die Spiele aber nur, ich verkaufe nichts. Das war natürlich alles vor Corona.

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Wie geht es Ihnen im aktuellen Coronajahr?

Wichmann: Es geht mir gut, ich bin ja Rentner, meine Frau auch. Wir haben jetzt viel mehr Zeit, um jeden Abend zu kochen, vorher war ich viel mehr unterwegs. Aber zum Vergleich: Im letzten Jahr habe ich im November 5000 Euro Umsatz aus Honoraren gemacht. In diesem November habe ich eine einzige Veranstaltung gehabt, bei einer Ergotherapiepraxis. Und eine im Oktober, in einem Hotel in Österreich.

Was für Spiele interessieren eine Ergotherapiepraxis?

Wichmann:Das kam so: Meine Frau ist nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt und ich habe ihr ein paar Logikspiele beigebracht. Die Therapeuten, die zu ihr nach Hause kamen, haben die gesehen und waren sehr interessiert daran. Darum wurde ich eingeladen, das dort vorzustellen.

Wie hat sich die Spielelandschaft über die letzten Jahrzehnte entwickelt?

Wichmann: Es gibt heute keine neuen Spiele mehr, die man über Jahre hinweg immer wieder und wieder spielt. Früher gab es diese Klassiker, die jeder kannte, die werden heute noch modernisiert neu aufgelegt. „Obstgarten“, „ZickeZacke Hühnerkacke“, „Tempo, kleine Schnecke“. Ein tolles Spiel, das heute herauskommt, ist im nächsten Jahr wieder vergessen. Es kommen ja wieder so viele neue Spiele hinzu. Manche guten Spiele werden immer weiterentwickelt, zum Beispiel die Siedler von Catan, da kam jetzt Catan junior heraus.

Ein tolles Spiel für alle Generationen?

Wichmann: „Rush Hour“, das ist ein Einpersonen-Logikspiel. Perfekt auch für Kinder auf langen Autofahrten, wenn sie sich langweilen. Da gibt’s verschiedene Aufgabenstellungen, die immer schwieriger werden. Oder „Ubongo“, das ist auch ein Klassiker, der immer geht, mit diesen zwei- und dreidimensionalen Aufgaben.

Was ist Ihr persönliches Lieblingsspiel?

Wichmann: „Einfach genial“, ein Legespiel mit verschieden farbigen Steinen. Das ist schon 15 Jahre alt, aber das heißt nicht nur so, das ist einfach genial.

Sind so im Allgemeinen die „Spiele des Jahres“ auch ihre Favoriten?

Wichmann: Gar nicht, da ärgere ich mich sehr oft! Zum Beispiel über „Pictures“, das aktuelle Spiel des Jahres, das ist genau dasselbe Spielprinzip wie vor 50 Jahren bei „Just One“. Da werden altbekannte Spielmechanismen in neuer Aufmachung wieder rausgebracht.

Die besten Spiele für Kinder? Was der Experte rät

„Azul“ ist ein sehr schönes Spiel, da spielt man mit Kacheln und muss den Gegner genau beobachten. Oder die „Quacksalber von Quedlinburg“ aus 2018 oder „Grizzly“ von Amigo, da geht’s darum, dass Bären Forellen fangen wollen. „HeckMeck“ finde ich auch klasse, das ist ab acht Jahren und fördert das Kopfrechnen. Ein Klassiker, der gerade neu aufgelegt wurde und den ich immer noch toll finde, ist „Can’t stop“ von Sid Sackson.

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