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INTERVIEW MIT DER LEITERIN VON DONUM-VITAE MÜHLDORF

Sexuelle Gewalt an Kindern: „Tabuisierung ist der größte Fehler“

Die sexuelle Gewalt gegen Kinder nimmt immer mehr zu. In einem ersten Schritt versuchen Täter das Vertrauen eines Kinds zu gewinnen und testen aus, ob ein Geheimnis bei ihm sicher bleibt.
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Die sexuelle Gewalt gegen Kinder nimmt immer mehr zu. In einem ersten Schritt versuchen Täter das Vertrauen eines Kinds zu gewinnen und testen aus, ob ein Geheimnis bei ihm sicher bleibt.
  • Raphaela Lohmann
    VonRaphaela Lohmann
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Mühldorf – Die sexuelle Gewalt gegen Kinder nimmt laut Kriminalstatistik zu. Nicht zuletzt die Festnahme eines 49-Jährigen aus dem Landkreis, der Drahtzieher einer Kinderporno-Plattform sein soll, rückte das Thema stark in den Fokus. Karin Mußner, Leiterin der Beratungsstelle Donum Vitae, spricht darüber, was Eltern ihrem Nachwuchs mit auf den Weg geben können.

Dass im Landkreis einer der Köpfe eines weltweiten Kinderporno-Rings gelebt hat, hat viele Menschen erschreckt. Gibt es Zahlen, wie oft Kinder Opfer von sexualisierter Gewalt werden?

Man geht davon aus, dass 66 Prozent aller Mädchen und 33 Prozent aller Jungs sexuelle Gewalt erfahren. Die Dunkelziffer ist aber viel höher. Gerade jüngere Kinder haben ein Urvertrauen in Erwachsene. Sie wissen oft noch nicht, wo ihre Grenzen sind und wo sie sich helfen lassen können. Donum Vitae leistet Präventionsarbeit in den Schulen. Die Erfahrung zeigt, dass in jeder Klasse ein Kind dabei ist, das schon sexualisierte Gewalt erlebt hat. Man spürt, ob jemand belastet ist oder wer keinen normalen Umgang hat.

Wenn von sexualisierter Gewalt gesprochen wird, denkt man oft an das Schlimmste. Trifft das zu?

Man unterscheidet vier unterschiedliche Intimitätsgrade. Was dabei das Schlimmste ist, entscheidet das Opfer. Es geht los ohne Kontakt, wenn man Kindern zum Beispiel Pornos zeigt. Dann gibt es erste sexualisierte Körperkontakte wie Berührungen an Brust oder Gesäß, sowie Küsse. In einem weiteren Schritt geht es um genitale Manipulation oder um Masturbation vor Kindern. Das macht etwa 40 Prozent aus. In 30 Prozent aller Fälle geht es um orale, vaginale oder anale Vergewaltigung.

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Wie gehen Täter vor?

Verletzliche Kinder sind meist ein leichtes Opfer. Täter versuchen in einem ersten Schritt, dessen soziales Umfeld kennenzulernen und dessen Vertrauen zu gewinnen. Sie testen aus, ob eine Tat ein Geheimnis bleibt. Ist die erste Hürde geschafft, folgt der nächste Schritt. Das kann eine Berührung sein und dann wartet der Täter wieder ab, ob er darauf angesprochen wird. Passiert dies, verunsichert er sein Opfer oder streitet es den Eltern gegenüber ab und verdreht alles.

Wie können Eltern mit einer solchen Situation umgehen?

Ein Kind wird es nicht oft versuchen, sich über einen solchen Vorfall mitzuteilen. Deshalb sollten Eltern unbedingt darauf achten, Zeit zu haben, auch wenn man gerade im Stress ist. Durchschnaufen, Druck rausnehmen und gut zuhören – Eltern werden schnell erkennen, ob das Kind belastet ist oder in Fantasie abdriftet. Umso jünger ein Kind ist, desto weniger kann man davon ausgehen, dass solch ein Vorfall erfunden ist. Eltern sollten die Mediennutzung überprüfen und überlegen, wo das Kind etwas nicht altersgerechtes gesehen haben könnte. Eltern sollten ihrem Kind glauben.

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Wenn das eigene Kind belästigt worden ist: Was können Eltern tun?

Sobald man mit dem Täter spricht, ist die erste Stufe gebrochen. Man sollte den Täter damit konfrontieren, dabei aber nicht aggressiv werden. Eltern sollten weiterhin die Situation beobachten und ihre Kinder stärken. In der Realität passiert es leider zu oft, dass Eltern ihr Kinder aus dem Umfeld rausziehen. Für Kinder ist das aber ein falsches Signal. Es darf nämlich nicht mehr bei seinen Freunden sein, obwohl es nichts gemacht hat. Kinder könnten sich künftig verschließen, weil sie Konsequenzen befürchten. Wenn Eltern verunsichert sind, und Fragen zur Vorgehensweise in konkreten Situationen haben, sollten sie sich Hilfe von professionellen Stellen holen.

Wäre es nicht konsequenter, den Täter gleich anzuzeigen?

Eine Anzeige ist unbedingt notwendig, um auch weitere Übergriffe des Täters zu unterbinden. Trotzdem ist eine Anzeige mit einem anschließenden Verfahren eine enorme Belastung für Opfer. Es kann schwierig werden, ein Verfahren durchzustehen. Kinder können oft keine genauen Angaben machen und ein Gericht kann nur das beurteilen, was es hört.

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Wie werden Kinder gar nicht erst als leichtes Opfer wahrgenommen?

Kinder sollten von klein auf einen normalen Umgang mit ihrem Körper lernen. Schon Kleinkinder können lernen, Grenzen zu setzen, indem sie zum Beispiel selbst darüber entscheiden, ob sie oder die Eltern wunde Stellen am Körper eincremen. Eltern sind sich oft unsicher, wie sie die Geschlechtsteile ihren Kindern gegenüber benennen sollen. Dafür gibt es feste Begriffe und genauso sollten sie benannt werden.

Wie wichtig ist die Aufklärung der Kinder?

Die Kinder aufzuklären, wie der Körper funktioniert, kann ein großer Schutz sein, dass niemand zu nahe kommt. Die Tabuisierung ist der größte Fehler. Mit Kindern offen darüber zu reden, zwingt sie nicht in die Sexualität, sondern gibt ihnen die Infos zu ihrem Körper, die sie ohnehin wissen wollen. Darüber zu reden, ist das größte Gut. Mit der Sprache können sich Kinder selbst schützen und lassen sie selbstbewusster im Umgang mit anderen werden. Mehr Kinder könnten dadurch geschützt werden.

Karin Mußner, Leiterin von Donum Vitae in Mühldorf.

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