KULTUR UND GESCHICHTE

Seltene Standspieluhr ist das Prunkstück des Heimatmuseums Kraiburg

Franz Genzinger legt „La Paloma“ auf und hat als „DJ“ im Heimatmuseum offensichtlich seinen Spaß.
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Franz Genzinger legt „La Paloma“ auf und hat als „DJ“ im Heimatmuseum offensichtlich seinen Spaß.
  • vonUrsula Huckemeyer
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Wenn die Kalliope im Kraiburger Heimatmuseum nicht nur Musik machen, sondern auch sprechen könnte, würde sie allerhand Aufregendes in die Welt hinaus plaudern. Die historische Musikanlage hat es nämlich in sich.

Kraiburg– Das gute Stück, das gegen Ende des 19. Jahrhunderts von der Passauer Firma Krennbauer gebaut wurde, gelang über Umwege ins Heimatmuseum. Was man auf alle Fälle wissen muss: Die Standspieluhr beglückte unzählige Frauen und Männer, die im Rathaus den Bund fürs Leben schlossen. Bürgermeister Alois Schlagmann verbandelte viele Jahre die Heiratswilligen in der Marktgemeinde.

Ein Zuckerl für die Brautpaare

Quasi als Zuckerl obendrein für Brautpaar und Gäste steckte der einstige Rathauschef nach der Zeremonie ein Zehnerl in die Musikanlage und schon erklang klar und rein das legendäre „La Paloma“.

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Ortskundige erzählen sich, dass in „grauer Vorzeit“ und in bierseliger Laune unter den La Paloma-Klängen sogar mal ein Paar mitten in der Nacht vermählt worden sei, dessen Vermählung aber wieder zurückgenommen wurde..

Jedenfalls, so weiß Franz Genzinger vom Kulturkreis genau, hätte seiner Zeit diese Posse kein Geringerer als Georg Lohmeier aufgegriffen, um sie in seiner Fernsehserie „Das Königlich Bayerische Amtsgericht“ zu verbraten.

So kam die Musikanlage nach Kraiburg

Doch drehen wir das Rad der Zeit noch weiter zurück. Über die Eheleute Georg und Ottilie Haider kam die Musikanlage einst zur Kraiburger Familie Hardt. Und dort lösten die Schallplatten bereits ungetrübte Freude aus. Peter Hardt, der 1982 die Musikanlage der Marktgemeinde vermachte, vermerkte in der Schenkungsurkunde: „Aufgrund einer Krankheit während meiner Kinderzeit schenkte mir meine Mutter die Kalliope. Ich hatte viel Freude daran und behandelte sie stets pfleglich.“

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Das historische Teil fand im Sitzungssaal des Kraiburger Rathauses eine neue Heimat und die Aufgabe, Brautpaare in den Ehehimmel zu begleiten. Im Frühjahr 2002 rumpelte es allerdings im Rathaus, denn bei Amtsantritt von Bürgermeister Michael Loher war die Anlage auf mysteriöse Art und Weise plötzlich verschwunden. Sie kam später, verpackt in einer Kiste und mit etlichen Schäden wieder zum Vorschein.

Weltweit nur drei dieser Musikanlagen

Konrad Eckl, damaliger Leiter der örtlichen Volksbank sowie Personen aus dem Kulturkreis waren schnell der Meinung, dieses historische Gerät muss unbedingt repariert werden. In einer Werkstatt in Bad Schönborn bei Speyer wurde die Kalliope dann tatsächlich erneut zum Laufen gebracht.

Im Dezember 2004 holten Eckl und Loher das wertvolle Stück persönlich ab. Die Kalliope durfte in der Pfarrkirche bei der Christmette dabei sein, bevor sie an ihren jetzigen Standort transportiert wurde. Ein Experte am Technik-Museum in Speyer bescheinigte der Kraiburger Anlage sogar Seltenheitswert. Seiner Aussage nach soll es weltweit nur drei Anlagen dieser Art geben.

Die Rarität im Heimatmuseum Kraiburg

Franz Genzinger und Folker Cless vom Kulturkreis sind schon ein bisschen stolz solch eine Rarität im Heimatmuseum beherbergen zu dürfen.

„Coronabedingt sind die Türen unseres Museums momentan leider geschlossen“, bedauert Museumspfleger Genzinger, der auf Folgendes hinweist: „Selbstverständlich können unsere Besucher bei Normalbetrieb die Kalliope in Aktion erleben.

Allerdings darf nur geschultes Personal an das edle Exemplar.“ Und Folker Cless fügt hinzu: „Unsere Standspieluhr ist so wunderbar, sie bringt das ganze Haus zum Klingen.“

Folker Cless vom Kulturkreis „rudert“ in einem rund 150 Jahre alten Holzschiff über den Inn.

Bürgermeisterin Petra Jackl kann sich das Schmunzeln nicht verkneifen, wenn sie an die Kalliope denkt: „Die verbinde ich mit guten Assoziationen“, sagt sie. „Schließlich kamen mein Mann Johannes und ich im Jahre 1996 ebenfalls in den Genuss nach unserer Eheschließung La Paloma zu hören“.

Wie die Rathauschefin weiter berichtet sei es in dieser Zeit bei ihrem Vorgänger Alois Schlagmann üblich gewesen, dass sich das Brautpaar, behängt mit der Amtskette, den Klängen der Kalliope hingeben durfte. Petra Jackl sieht die historische Musikanlage als Schmuckstück des Museums an. „Die wird gehütet wie der sprichwörtliche Augapfel.“ Schließlich sei die Spieluhr recht empfindlich.

Petra Jackl gerät generell ins Schwärmen, wenn sie über Kraiburg erzählt und betont: „Wir haben hier sehr viel zu bieten. Das Heimatmuseum ist eine Perle für sich, aber auch unser Schlossberg, die Riedlkapelle oder unser Marktplatz sind einfach wunderschöne Örtlichkeiten, die wir in Zukunft noch besser der Öffentlichkeit vermitteln müssen.

Viele Themen von den Römern bis zur Inn-Schifffahrt

Das Heimatmuseum, das im historischen Salzstadel aus dem frühen 17. Jahrhundert untergebracht ist, ist nicht nur wegen des musikalischen Prachtstücks einen Ausflug wert.

Das Haus widmet sich anschaulich und ausführlich einer großen Themenvielfalt. Dazu zählen die Römerzeit, der Salzhandel, die Grafschaft Kraiburg, die Malerei, das Handwerk und die Inn-Schifffahrt. Franz Genzinger und sein Team können es schon gar nicht mehr erwarten, bis sie das Museum wieder für die Öffentlichkeit aufsperren dürfen.

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