Schullandheime funken SOS: Wie die Häuser in Waldkraiburg und Jettenbach überleben wollen

Mit vielen Plänen ist der Obermeierhof in Grafengars ins Jahr 2020 gegangen. Nach dem erfolgreichen Start eines Umweltbildungsprojekts (Foto) im Vorjahr sollte ein weiteres Angebot entwickelt werden. Grundner/RE/privat
  • Hans Grundner
    vonHans Grundner
    schließen

2020 hätte ein gutes Jahr werden können für die Schullandheime in Waldkraiburg und Jettenbach. Das Haus Sudetenland und der Obermeierhof der Pfadfinder waren mit den Vorbuchungen sehr zufrieden. Doch dann kam das Coronavirus.

Waldkraiburg/Jettenbach – Seit Mitte März stehen die Häuser leer. Wann mit den Schulklassen wieder Leben einkehrt, ist offen. „Planungsmäßig hängen wir völlig in der Luft“, sagt Jan Hoffmann, Vorsitzender des Trägervereins des Pfadfinderhofs.

Alle Klassenfahrten sind abgesagt

Während rundherum die Lockerungen greifen, sieht es in den Schullandheimen weiter zappenduster aus. Fast 60 Prozent der Gäste im Haus Sudetenland stellen Schulen. „Dieses Jahr ist für Schulfahrten gelaufen“, sagt Lars Discher, der Leiter des Hauses. Alle Klassenfahrten, die vorgebucht waren, auch die großen prüfungsvorbereitenden Kurse, die dem Haus jedes Jahr allein weit über tausend Übernachtungen bringen, sind abgesagt. Die Schulen sind vom Ministerium angehalten, für heuer keine Fahrten mehr zu vereinbaren.

An einem Freitag, den 13., kam die erste Corona-Absage

Das Haus ist seit Mitte März geschlossen. „Genau da geht es bei uns erfahrungsgemäß so richtig los mit dem Betrieb.“ Am 12. März hatte die Küche ein letztes Mal das Mittagessen für die Ganztagesschüler der Diesel-Mittelschule vorbereitet. Am Freitag, den 13., sagte ein Chor wegen Corona für das Wochenende ab.

„Seitdem wurde alles abgesagt bis Ende August.“ Zwei Gruppen aus der Ukraine stehen zwar noch im Sommer im Kalender, doch Discher rechnet nicht mit ihrem Kommen. „Vermutlich dürfen sie gar nicht einreisen.“

Sanitäranlagen erfüllen die Corona-Auflagen nicht

Ab 1. Juni dürfen Beherbergungsbetriebe unter Auflagen wieder öffnen. Doch das 100-Betten-Haus erfüllt dafür nicht die Voraussetzungen. Nur die zehn Zimmer im Seminarhaus haben eigene Duschen und WC, im Haupthaus sind die Gemeinschaftssanitäranlagen am Gang.

Alle Mitarbeiter in Kurzarbeit

Auf 11 000 Übernachtung kommt das Haus in einem normalen Jahr. „3800 könnten es heuer noch werden.“ Wenn alles gut läuft. Ab September stehen wieder einige Bildungsmaßnahmen von Verbänden und Vereinen im Kalender. Discher hofft, dann wieder aufmachen zu können. Nicht zuletzt wegen der Mitarbeiter. Wie Discher sind auch seine zehn Kolleginnen, die alle in Teilzeit arbeiten, seit 1. April in Kurzarbeit. Sicher ist er nicht, dass es im Herbst weitergehen kann. Denn: „Wenn nur noch zwei, drei Gruppen absagen, stellt sich die Frage, ob das wirtschaftlich wäre.“

Haus im Dornröschenschlaf

Sogar auf 16 000 Übernachtungen hat es der Obermeierhof im Vorjahr gebracht, gut die Hälfte machen Schulklassen aus. „Wenn wir heuer noch 3000 Übernachtungen erreichen, haben wir Glück gehabt“, sagt Jan Hofmann. „Wir haben das Haus in Dornröschenschlaf versetzt und alle Ausgaben runtergefahren.“ Besonders schwer sei es gefallen, die sieben Mitarbeiter, die 4,93 Stellen entsprechen, in Kurzarbeit zu schicken. „Wir stocken auf. Wir haben ja eine soziale Verantwortung.“

Lesen Sie auch:

Im Schullandheim Haus Sudetenland: Grundschüler tauchten einen Tag lang ins Mittelalter ein

Im Jubiläumsjahr: Haus Sudetenland in Waldkraiburg kämpft mit sinkenden Belegungszahlen

40 Jahre: Obermeierhof feierte mit einem Tag der offenen Tür

Die Jugendbildungsstätte in Grafengars war mit so vielen Plänen in das Jahr gestartet. Nach der Wasserschule, einem Umweltbildungsangebot, das das Haus zusammen mit der Regierung von Oberbayern erfolgreich gestartet hatte, sollte 2020 ein neues Projekt etabliert werden: ein Angebot zur Stärkung der hauswirtschaftlichen Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen in Zusammenarbeit mit dem Bauernverband. Und im „Haus Anni“, in dem sich 30 der insgesamt 116 Betten befinden, sollten die Sanitäranlagen erneuert und erweitert werden. Hoffmann: „Das müssen wir verschieben. Den Eigenanteil von 70000 bis 80000 Euro können wir im Moment nicht aufbringen.“ Dabei sind die Zuschüsse schon bewilligt.

Ausfallversicherung will nicht zahlen

Noch macht sich der Vorsitzende des Trägervereins keine Sorgen um den Bestand des Hauses. „Wir haben in den vergangenen Jahren sehr nachhaltig gewirtschaftet. Wir kommen bis Anfang 2021 über die Runden.“ Eine schwerer Schlag wäre allerdings, wenn die Ausfallversicherung nicht in der erwarteten Höhe fließen würde. Die Versicherung weigert sich, wolle nur zehn bis 15 Prozent bezahlen, so Hoffmann. Die ganze Gastro- und Beherbergungsbranche sei davon betroffen. Auch Ausfallrechnungen für die abgesagten Kurse sind bei den Schulen gestellt. Hilfreich sei auch, „dass mittlerweile alle Schullandheime unter den Rettungsschirm fallen“. 5000 Euro hat der Obermeierhof bekommen.

Unbürokratische Soforthilfe

Auch Lars Discher hat mit der Corona-Soforthilfe bereits gute Erfahrungen gemacht. Das habe ganz einfach und unbürokratisch funktioniert, sagt er. Vier Wochen nach dem Antrag seien die 15 000 Euro auf dem Konto eingegangen. Seit Mitte Mai gibt es einen neuen Rettungsschirm, erneut habe er für das Haus Sudetenland einen Antrag gestellt. Der Leiter des Hauses baut auch auf die Stadt Waldkraiburg, die schon seit Längerem Jahr für Jahr 80 Prozent des Defizits ausgleicht, und bestrebt sei, das Haus zu erhalten.

Verbänden brechen Gruppenleiter weg

Die Schließung der Bildungshäuser und Schullandheime aufgrund der Corona-Pandemie hat auch für die Jugendverbände erhebliche negative Folgen. Darauf macht Jan Hoffmann vom Obermeierhof in Jettenbach aufmerksam und begründet damit auch, warum diese Häuser „systemrelevant sind“. Da gehe es ja nicht um Touristik, sondern um Jugendfreizeit und Jugendbildung. Vor allem die Jugendverbände bilden hier den Nachwuchs für Führungsaufgaben aus. „Da brechen viele Gruppenleiter weg. Das braucht ein ganzes Jahr, bis das wieder anläuft.“ hg

Mehr zum Thema

Kommentare