Schatten und Licht

Was für ein Hass? Was für eine menschenverachtende Einstellung?

Wie kann eine solche Haltung, die Leib und Leben anderer so gering schätzt, entstehen? Fassungslos stehen wir vor diesen unbeantworteten, vielleicht selbst nach der juristischen Aufarbeitung unbeantwortbaren Fragen, die sich mit der Serie der Anschläge in Waldkraiburg und der Festnahme des mutmaßlichen Täters stellen.

So groß ist die Erschütterung – und die Angst. Auch eine Woche, nachdem Muharrem D. gefasst wurde, wirkt sie nach in der Stadt. Und das wird wohl noch lange so bleiben. Mindestens bis die Einzeltäterschaft erwiesen ist.

Ein Großteil der Verunsicherung kommt – abgesehen von der kriminellen Gewalt – daher, dass das Motiv, die Hintergründe noch immer undurchsichtig sind, vieles widersprüchlich scheint. Ist der Täter nun Teil eines extremistischen Netzwerks, hat er im Auftrag gehandelt? Oder hat sich da eher ein durchgeknallter Typ, psychisch schwerst angeschlagen, in der stillen Kammer eine verquere Weltsicht zusammengebastelt, aus dem üblen Fundus ideologischer Versatzstücke. Der Markt an kruden Ideen, das Angebot von religiös-fundamentalistisch über links außen bis ins rechte Abseits, das sich gegen Menschen und Demokratie richtet, scheint immer größer zu werden.

Der jüngste Fall ist eine neue Mahnung, wachsam zu sein. Hätten nicht auch bei Muharrem D. Familienangehörigen, Bekannten, Arbeitskollegen, Menschen, die beim Sport oder anderen Gelegenheiten mit ihm in Kontakt kamen, verstörende Anzeichen auf eine gefährliche Entwicklung des Mannes auffallen können?

Taten und Täter werfen einen so breiten Schatten, dass sie zu überdecken scheinen, was die Anschlagsserie von Waldkraiburg bei näherem Hinsehen auch ans Licht bringt: Da sind die Zugbegleiterin und die Bundespolizistinnen, die richtig reagiert haben auf Zufälle, auf Fehler des Täters.

Da waren – schon in der Nacht des Brandanschlags – Hausbewohner, die andere rechtzeitig gewarnt haben, und weit über 100 Feuerwehrleute aus Waldkraiburg und den Nachbargemeinden, die durch beherztes und effizientes Eingreifen das Schlimmste verhinderten.

Da ist eine Polizei, die seit Wochen professionelle, engagierte Arbeit leistet und in schwieriger Zeit bei den türkischstämmigen wie allen Bürgern Waldkraiburgs das Vertrauen in den Rechtsstaat gestärkt hat. Durch ein starkes personelles Aufgebot und nicht zuletzt durch die persönliche Präsenz von Polizeipräsident Kopp und Oberstaatsanwalt Freutsmiedl, die mit großer Sensibilität auftraten, um das angeschlagene Sicherheitsgefühl zu stärken.

Da ist eine Stadtverwaltung mit einem Bürgermeister an der Spitze, der manchen zu wenig emotional und schillernd erscheinen mag, der in Krisen, nicht zum ersten Mal, gerade das als Stärke ausspielt. Pötzsch war dort, wo er sein musste, und tat das, was für einen Bürgermeister in dieser Situation zu tun ist. Er trug so zur Beruhigung bei, dazu, dass diese Ausnahmesituation, in die Waldkraiburg hoffentlich nie wieder kommt, nicht den Zusammenhalt der Stadtgesellschaft sprengte.

Und da ist eine türkisch-islamische Gemeinde, deren Vorstand konstruktiver und verantwortungsvoller Partner der Behörden war. Das spricht dafür, dass das Miteinander der Nationen und Kulturen in Waldkraiburg auch schwere Belastungen aushält. Und es spricht für eine Normalität, für die sich andere Kommunen mit Integrationspreisen auszeichnen lassen.

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