Prozess wegen versuchten Mordes: Waldkraiburger beruft sich auf Notwehr

Durch laute Hilferufe hatte das 42-jährige Opfer nach der Tat auf sich aufmerksam gemacht. Die Polizeibeamten sicherten anschließend die Spuren rund um das Kino-Gelände. Ein 40-Jähriger muss sich deshalb aktuell vor dem Schwurgericht Traunstein wegen versuchten Mordes verantworten. fib/Eß
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Durch laute Hilferufe hatte das 42-jährige Opfer nach der Tat auf sich aufmerksam gemacht. Die Polizeibeamten sicherten anschließend die Spuren rund um das Kino-Gelände. Ein 40-Jähriger muss sich deshalb aktuell vor dem Schwurgericht Traunstein wegen versuchten Mordes verantworten. fib/Eß

Auf berechtigte Notwehr beruft sich ein 40-jähriger Lagerist aus Waldkraiburg. Dieser hatte einem 42-jährigen Bekannten im. Oktober 2019 bei einer Schlägerei in Waldkraiburg wegen 700 Euro Schulden einen lebensbedrohlichen Stich in den Bauch versetzt. Der Angeklagte behauptete heute vor dem Schwurgericht Traunstein, der 42-Jährige habe ihn zuerst angegriffen.

Traunstein/Waldkraiburg – Staatsanwalt Thomas Krojer hat einen versuchten Mord aus Heimtücke und gefährliche Körperverletzung angeklagt. Der Lagerist äußerte sich gestern nicht selbst. Verteidiger Jörg Zürner aus Mühldorf sprach von einer Notwehrsituation seines Mandanten. Dieser habe den Nebenkläger mit dem Messer verletzt, um weitere Angriffe zu verhindern, und habe nicht in Tötungsabsicht gehandelt.

Die Beteiligten kannten sich schon lange, hatten im August 2019 laut einem Chat-Verkehr bereits Händel. Welche Art Geschäfte den Angeklagten und den Nebenkläger verbanden, aus denen die angeblichen Schulden des 40-Jährigen resultierten, wurde nicht klar. Andeutungen galten Drogengeschäften. Der Geschädigte verweigerte auf entsprechende Fragen die Aussage.

Mehrere Schläge mit der Faust ins Gesicht

An anderer Stelle gab er an, er habe damals einen Job gehabt. Der arbeitslose Angeklagte habe Geld gebraucht, in den Wochen zuvor habe er den 40-Jährigen mehrfach zur Zahlung aufgefordert. Der andere sei nie ans Handy gegangen. Am 19. Oktober 2019 habe dieser sich bei ihm gemeldet und um ein Treffen gebeten.

Beim Treffen gegen 23 Uhr nahe des Waldkraiburger Kinos waren beide Kontrahenten alkoholisiert. Ein heftiger Streit mit gegenseitigen Beleidigungen entbrannte. Dazu der Nebenkläger, dem Opferanwalt Andreas Knoll aus Waldkraiburg zur Seite steht: „Der Angeklagte fühlte sich durch meine Forderungen respektlos behandelt.“ Wer zuerst zugeschlagen habe, wisse er nicht. Er erinnere sich, dem 40-Jährigen mehrfach mit der Faust ins Gesicht geschlagen zu haben. Der sei „unterlegen“, die Sache für ihn damit „erledigt“ gewesen, schilderte der 42-Jährige. Um abgeholt zu werden, habe er sich zur Seite gedreht und seinen Schwager angerufen. Als er merkte, dass der andere mit einem Messer herumfuchtelte, versuchte er dem Angeklagten das Messer aus der Hand zu schlagen. Dabei habe er Schnittverletzungen erlitten und als letztes den Stich in den Bauch. Der 40-Jährige sei weggelaufen, er hinterher. „Ich wollte ihn erwischen. Er lief in den Wald. Ich hatte keine Kraft mehr und bin zurück. Dann weiß ich nichts mehr.“

Notoperation rettet Leben

Türsteher einer Diskothek entdeckten den Schwerverletzten am Kreisverkehr. Dank der schnellen Hilfe und einer Notoperation überlebte er. Der 42-Jährige kam nach seinen Worten erst am nächsten Tag im Krankenhaus wieder zu Bewusstsein. Zehn Tage mit Komplikationen der Bauchwunde musste er bleiben, danach täglich zum Hausarzt zur Wundversorgung. Zwei Monate war der Nebenkläger krankgeschrieben. Bis heute plagen ihn Bewegungs- und Narbenschmerzen.

Versteckt hinter einem Holzstapel

Einer der ersten an der Fundstelle des Opfers war ein Beamter der Polizeiinspektion Waldkraiburg. Ersthelfer versuchten, die starken Blutungen mit Kissen zu stillen. Der Polizist hatte damals den Eindruck, der 42-Jährige habe den Namen des Täters nicht nennen wollen. Der Sachbearbeiter der Kripo Mühldorf erfuhr den Namen des Angeklagten hingegen tags darauf in der Klinik sofort. Nach einer großen Fahndungsaktion mit Polizeihund konnte der mutmaßliche Messerstecher am Vormittag des 22. Oktobers in Aschau, versteckt hinter einem Holzstoß, verhaftet werden. Bei seiner Durchsuchung stieß die Polizei auf eine kleine Menge Rauschgift und einen gefälschten Führerschein.

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Rechtsmediziner Dr. Fritz Priemer erläuterte die Schnittverletzungen aufgrund von Abwehrbewegungen als auch die Folgen des Stichs in den Mittelbauch. Der Sachverständige konstatierte, der mit großer Wucht geführte Stich sei potenziell, aber nicht akut lebensgefährlich gewesen. Es sei nur eine Frage des Zufalls, welche der empfindlichen Strukturen im Bauchraum bei einem Messerstich getroffen werden. Der 42-Jährige habe trotz der noch vorhandenen Probleme „Glück gehabt“. Die Hauptverhandlung geht heute mit Zeugen und Sachverständigen weiter. Ein weiterer Termin ist am Dienstag, 15. September.

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