Prävention spart Geld: Neue Caritas-Fachstelle im Landkreis Mühldorf gegen Wohnungslosigkeit

Solche Bildergibt es im Landkreis Mühldorf nicht. Doch Menschen, die keine Wohnung haben oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind, gibt es sehr wohl. Das Thema mag versteckt sein, Wohlfahrtsverbände wie die Caritas werden allerdings immer häufiger mit diesem Problem konfrontiert. Eine Fachstelle zur Prävention soll wirksame Hilfe leisten. DPA
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Solche Bildergibt es im Landkreis Mühldorf nicht. Doch Menschen, die keine Wohnung haben oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind, gibt es sehr wohl. Das Thema mag versteckt sein, Wohlfahrtsverbände wie die Caritas werden allerdings immer häufiger mit diesem Problem konfrontiert. Eine Fachstelle zur Prävention soll wirksame Hilfe leisten. DPA

Eine neue Fachstelle der Caritas soll im Landkreis Mühldorf präventiv gegen Wohnungslosigkeit wirken. Die Stadt Waldkraiburg, die als erste und einzige Kommune im Landkreis vor über zehn Jahren eine Anlaufstelle für Menschen eingerichtet hat, die von Obdachlosigkeit bedroht sind, hat damit gute Erfahrungen gemacht.

Hans Grundner

Waldkraiburg – Ausdrücklich begrüßt die Stadt Waldkraiburg die Schaffung der neuen Fachstelle, die die Caritas dank einer Anschubfinanzierung des bayerischen Sozialministeriums einrichten konnte. Doch weil sie selbst eine hauptamtliche Kraft für aufsuchende Sozialarbeit hat, will sich die Stadt an den Kosten der Fachstelle auf Landkreisebene nicht beteiligen.

Caritas: Wachsender Beratungsbedarf im Landkreis

Mit deutlicher Mehrheit bei einer Gegenstimme von Richard Fischer (SPD) lehnte der Haupt- und Finanzausschuss einen Zuschussantrag des Caritas-Zentrums Mühldorf ab. Dabei befürworten Stadtverwaltung und Kommunalpolitiker die Schaffung einer solchen Fachstelle im Landkreis. Insbesondere Kommunen, die dieses Beratungsangebot vor Ort bisher nicht anbieten, könnten davon profitieren, weil wirksame Prävention in diesem Bereich Unterbringungskosten für obdachlose Bürger spart.

Für Caritas-Geschäftsführer Richard Stefke ist das Thema Wohnungslosigkeit eine der großen Herausforderungen der Zeit. „Diese Problematik wird zunehmen.“ Der Beratungs- und Handlungsbedarf steigt. Dafür sprechen die Erfahrungen, die der katholische Wohlfahrtsverband auch im Landkreis in seinen Beratungseinrichtungen macht. Es gebe vor allem viel „versteckte Wohnungslosigkeit“, berichtet Stefke. Da kommen Menschen mal hier, mal dort unter, wandern von Freund zu Freund oder ziehen mit Ende 20 wieder daheim ein. Betroffen seien zunehmend auch Frauen, manche mit Kindern. „Diese Dinge wollen wir angehen“, sagt Stefke über die neue Fachstelle, die helfen soll, Wohnungslosigkeit zu verhindern.

Zuschussantrag abgelehnt: Der Kreis ist zuständig

Die Intensivierung der Wohnungsnothilfe ist ein Anliegen aller Wohlfahrtsverbände im Landkreis, auch Diakonie, Arbeiterwohlfahrt und BRK stehen dahinter. Die Caritas hat die Trägerschaft der Fachstelle übernommen, die sich seit Anfang des Jahres im Aufbau befindet. Möglich wird dies mit einer Anschubfinanzierung des bayerischen Sozialministeriums, das einen Großteil der Personalkosten übernimmt.

Diese Förderung ist allerdings auf zwei Jahre beschränkt. Und sowohl für 2020 wie für 2021 muss ein Defizit von gut 26 000 Euro geschlossen werden. Fast 6000 Euro deckt davon die Caritas durch einen Eigenanteil ab. Um die verbleibende Lücke von gut 20 000 Euro zu schließen, hatte sich das Caritas-Zentrum mit Zuschussanträgen an die fünf größten Kommunen im Landkreis gewandt. Auf Waldkraiburg entfiele entsprechend der Einwohnerzahl ein Anteil von 7500 Euro in den ersten beiden Jahren, danach ein Anteil von 16 000 Euro.

Stadt macht gute Erfahrungen mit eigener Anlaufstelle

Die Stadt hat den Antrag abgelehnt. Begründet wird dies zum einen damit, dass die Fachstelle im Bereich der Wohnungsnothilfe eine Aufgabe des Landkreises als Träger der Sozialhilfe sei. Der Landkreis beteilige sich derzeit nicht an der Einrichtung der Fachstelle. Vor allem verweist die Stadt aber auf die Anlaufstelle im Rathaus. Seit 2009 ist eine Mitarbeiterin angestellt, die „aufsuchende Sozialarbeit“ leistet und damit auch Ansprechpartnerin für Menschen ist, die von Wohnungslosigkeit betroffen oder bedroht sind.

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Das Angebot werde rege angenommen, hieß es. „Wir haben in der Stadt keine Obdachlosigkeit“, so Bürgermeister Robert Pötzsch. Die Mitarbeiterin, Dagmar Greck, habe ein gutes Netzwerk mit Wohlfahrtsverbänden und Behörden aufgebaut. Ausdrücklich bietet die Stadt der Caritas Unterstützung bei Einrichtung und Vernetzung der Fachstelle an. „Wir haben den Bedarf vor Jahren erkannt“, so Bernd Sottek (CSU), „da wird hervorragende Arbeit geleistet“.

„Die Wohnungslosigkeit wird sich weiter verschärfen, da müssen wir alle Kräfte bündeln“, sagt Zweiter Bürgermeister Richard Fischer (SPD), der als einziger für den Zuschussantrag stimmte. Es solle nicht der Eindruck entstehen, dass da Konkurrenz zur Caritas bestehe.

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Susanne Engelmann (SPD) kritisierte das Sozialministerium, das die Wohlfahrtsverbände durch die Anschubfinanzierung anspitze, nach zwei Jahren aber den Zuschuss auslaufen lasse. „Das finde ich problematisch.“

Bei der Entscheidung über die Stelle habe alles sehr schnell gehen müssen, sagt Richard Stefke. Er äußert Verständnis für die Begründung der Stadt, ist aber überzeugt, dass zusätzliche Kapazitäten auch in Waldkraiburg in diesem Bereich „nicht schaden würden“.

Ab 2022 müssen die Kommunen allein für die Stelle aufkommen

Mit der Entscheidung des Haupt- und Finanzausschuss ist die Stelle nicht gefährdet. Die Stadt Mühldorf und der Markt Haag haben die Anträge laut Stefke positiv beschieden. In Neumarkt-St. Veit und Ampfing steht die Entscheidung noch aus.

Ab 2022 muss die Einrichtung, die laut der Kostenkalkulation für 2020 fast 78 000 Euro kostet, von den Kommunen finanziert werden. Da ist zunächst vor allem der Landkreis zuständig. Städte und Gemeinden haben aber den Vorteil, dass ihnen keine Kosten für eine Unterbringung entsteht, wenn es erst gar nicht zur Obdachlosigkeit kommt. Der Caritas-Kreisgeschäftsführer geht deshalb davon aus, dass es gelingt, die Entscheidungsträger in diesen zwei Jahren von der Notwendigkeit dieses präventiven Beratungsangebots zu überzeugen, „so dass wir die Stelle vernünftig finanziell absichern können“.

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