Post aus Waldkraiburg

-
+
-
  • Hans Grundner
    vonHans Grundner
    schließen

Die Schulen sind wieder zu. Auf den Punkt genau vor der Ausgabe der Zwischenzeugnisse.

Petitionen laufen, um die Entscheidung rückgängig zu machen. Böse Mails werden geschrieben. Doch kein Erwachsener kann die Stimmung so auf den Punkt bringen wie Milena Hanisch. Die Erstklässlerin aus Waldkraiburg hat mithilfe ihrer Mama den ersten richtig langen Brief geschrieben und gleich an die „deutsche Regierung“ geschickt.

Also, liebe Frau Merkel, auch wenn Sie vermutlich viel Post bekommen. In einer ruhigen Minute sollten Sie sich für Milena Zeit nehmen. Denn die Post aus Waldkraiburg ist etwas Besonderes, schon deshalb, weil es tatsächlich noch Kids gibt, die Briefe schreiben.

Aber auch, weil viele Dinge drin stehen, die sie als Chefin von Deutschland freuen sollten. „Ich gehe gern in die Schule und vermisse meine Lehrerin“, schreibt die Siebenjährige. Tja, und weil das so ist, ist Milena fürchterlich traurig darüber, dass die Schulen wie die Kitas schon wieder zu sind. Auch das sollten Sie wissen, sehr geehrte Frau Merkel. Und über all den Zahlen, Inzidenz- und R-Werten der Wissenschaftler, die auch wichtig sind, nicht übersehen.

Langsam geht den Leuten nämlich die Puste aus. Und daran ist nicht nur das schreckliche Virus Schuld. Das macht auch die Art der Politiker in Berlin und München, wie sie mit der Pann-Demie umgehen. Und was sie versäumt haben. Viel zu lange haben Sie sich damit Zeit gelassen, den Bürgern zu sagen, dass Licht am Horizont ist, und wo. Mag sein, aus Sorge, dass viele Menschen die Gefahr unterschätzen.

Nur, in der Krise sitzen wir alle in einem Boot: die politischen Entscheider wie die, die die Entscheidungen ausbaden müssen. Und dieses Boot muss im Gleichgewicht bleiben zwischen Risiko und Zumutung, Öffnen und Aufpassen, Gesundheitsschutz und dem, was Leben aus- und lebenswert macht. Sonst nimmt sie Schaden, die Beziehung zwischen den Leuten und der Politik.

Landrat Max Heimerl sitzt gewissermaßen mit der kleinen Milena in einem Boot. Er hat auch einen Brief geschrieben, nach München an den Gesundheitsminister. Und in seinen Worten dafür geworben, dass die Kitas und Schulen im Landkreis aufbleiben dürfen. Damit nicht ein Wert, der nur knapp über der 100er-Inzidenz liegt, wie ein Fallbeil den sofortigen Schnitt und die Schließung bedeutet. Ohne dass es je einen größeren Ausbruch in Schulen gegeben hat. Es fühlt sich nicht mehr richtig an, wenn die Schulen und Kitas zu- und Baumärkte und Friseure aufmachen dürfen, auch das hat der Landrat sinngemäß geschrieben.

Josef Sahlstorfer hat keinen Brief geschrieben. Und es ist vermutlich auch besser so. Wer weiß, was drin stehen würde, in dem Schreiben. So sauer ist der Fotograf, der in Waldkraiburg ein Fotostudio und -geschäft betreibt. Das heißt, natürlich nicht betreiben darf im Lockdown. Weil niemand zum Fotografieren ins Geschäft kommen darf. Im Drogeriemarkt zwei Straßen weiter aber schon.

Regeln, die nicht mehr passen, und die kaum einer versteht. Warum dürfen Friseure aufmachen und Fotografen nicht, fragt Willi Engelmann, Vorsitzender der Waldkraiburger Kaufleute. Nicht deshalb weil er etwas gegen Friseure hätte, sondern weil er nicht begreift, dass ein kontaktloses Gewerbe wie das Fotografieren gefährlicher sein soll.

Und warum darf ein Discounter wie TEDI zeitgleich mit Gärtnereien und Baumärkten aufsperren? Weil er so systemrelevant ist? Jeder schüttelt da den Kopf. Auch wenn findige Juristen Wege aufzeigen, wie die Öffnung zur geltenden Infektionsschutzverordnung passt.

Kein Wunder, dass da Fotografen zu Anarchisten werden. Und auf die Idee kommen, sich ein paar Primeln und Blumenerde ins Geschäft zu stellen, um sich als Gartenmarkt mit Fotoservice verordnungskonform aufzustellen. Er wird nicht damit durchkommen, auch wenn man es ihm wünschen möchte...

Kommentare