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Nurfünf neue Wörter pro Tag sind drin

Im Workshop "KIKUS
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Im Workshop "KIKUS

Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Das dürfte bekannt sein.

Wie sich aber Migranten und etwa Flüchtlinge fühlen, wenn sie noch kein Wort Deutsch können und im Unterricht oder beim Elternabend nur Bahnhof verstehen - einen Hauch dieser Erfahrung machten nun die Teilnehmer am Oberbayerischen Integrationsforum an der Franz-Liszt-Mittelschule. Für diesen Perspektivwechsel sorgten etwa Elena Djakovic von den Integrationslotsen am Landratsamt oder Dr. Edgardis Garlin vom Zentrum für kindliche Mehrsprachigkeit.

Waldkraiburg - Serbisch ist keine einfache Sprache und wenn man sie zum ersten Mal hört, kann man sie nicht gleich zuordnen. Von Verstehen kann keine Rede sein. Dies demonstrierte Elena Djakovic, die am Landratsamt zuständig ist für die Integrationslotsen. Sie entführte die Teilnehmer am Integrationsforum - Vertreter von der Regierung, aus der Kommunalpolitik, Sozialverbänden oder etwa Lehrer - an der Franz-Liszt-Mittelschule in einen serbischen Elternabend.

Ohne Punkt und Komma redete sie auf die Anwesenden in ihrer Muttersprache ein, zeigt hier ein Buch, da ein Formular. Die Fragezeichen waren allen ins Gesicht geschrieben. Nach vier oder fünf Minuten erklärte sie auf Deutsch: "So fühlen sich Eltern, die nicht am Elternabend teilnehmen, weil sie kein Deutsch verstehen."

Sie verstehen nicht nur die Sprache nicht, sondern auch das hiesige, komplizierte Schulsystem ist ihnen fremd. In vielen europäischen Ländern bleiben Schüler acht Jahre in der selben Klasse beim selben Lehrer. Die Eltern können zu ihm ein Vertrauensverhältnis aufbauen.

Muttersprache der Migrantenkinder in Unterricht einbeziehen

In Deutschland sei die Note 1 die beste, in anderen Ländern die schlechteste. "Da bringt das Kind eine 5 heim und die Mama sagt ,bravo'", so Djakovic. Oft gibt es keine Trennung in Haupt- und Nebenfächer, Mathe und Kunst seien gleich wichtig. In Albanien etwa gibt es in Mathe keine Textaufgaben. In Rumänien fängt man in der ersten Klasse gleich mit Schreibschrift an. Kommen die Kinder hierher, müssen sie neu umlernen auf Druckschrift.

"Eltern sind oft verwirrt und überfordert", sagt Djakovic. Sie und die Integrationslotsen helfen dann weiter - und zwar in der Muttersprache der Hilfesuchenden. Das Landratsamt hat 31 Lotsen aus 15 Nationen mit 22 Sprachen zur Stelle. "Die Lotsen kennen die unterschiedlichen Schulsysteme von zahlreichen Ländern und können vermitteln und Hemmnisse abbauen", erklärte Djakovic.

In Waldkraiburg leben mittlerweile 85 verschiedene Nationen. "Der Standort für das Integrationsforum könnte also nicht besser gewählt sein", sagte Regierungsvizepräsidentin Maria Els in ihrer Begrüßung. Durch die ankommenden Flüchtlinge und Asylbewerber stehe man vor einer neuen Herausforderung.

Heute dürfe man nicht mehr von der Notwendigkeit der Integration sprechen, sondern von den Chancen. Schulen leisten bei der Integration einen entscheidenden Beitrag, denn Sprachkompetenz sei eine Schlüsselkompetenz.

Die Regierung unterstütze verschiedene Initiativen, etwa die frühe Sprachförderung, die weiterführende Deutsch-Förderung und die interkulturelle Erziehung.

Ein Kurzfilm zeigte die verschiedenen Projekte im Landkreis, mit denen Flüchtlinge oder auch Zuwanderer eine Sprachbildung bekommen: Etwa Deutsch-Kurse im Kindergarten Maria Schutz, das Engagement von Steffi Rothkäppel bei der AWO, das türkisch-deutsche Bildungszentrum KuBiWa oder zum Beispiel die Integration der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (umF) im Berufsbildungswerk Waldwinkel.

Zu Letzterem sagte Landrat Georg Huber anerkennend, wie gut die umF nach einem Jahr intensiver Sprachförderung Deutsch können und lobte ihren Einsatz am vergangenen Wochenende. Die jungen Leute fungierten teilweise als Übersetzer und Vermittler, als die Flüchtlinge, die im Kingdom-Parc in Mühldorf in die Notunterkunft zogen, zu den medizinischen Checks ins Krankenhaus mussten. "Nur so konnten 100 Leute in 2,5 Stunden untersucht werden", so der Landrat.

Am Beispiel der umF aus Waldwinkel, die alle in berufsvorbereitenden Maßnahmen oder auch Ausbildungen sind, führte er an, wie sich aus intensivem Deutschlernen auch ein Interesse für eine berufliche Laufbahn entwickle. "Nur a bissl Deutsch reicht halt nicht - zumindest nicht für die Bildung", so der Landrat.

Bürgermeister Robert Pötzsch berichtete von seinen Erfahrungen von der Sartrouville-Fahrt. Er spreche kein Französisch. "Ich war schnell im Abseits und fühlte mich isoliert", so der Bürgermeister. Nur durchs Sprachelernen könne man die Menschen aus dem Abseits rausholen. "Aber allein ist diese Riesenaufgabe nicht zu schaffen."

Anschließend konnten die Besucher des Forums an verschiedenen Workshops teilnehmen. Etwa bei "KIKUS & Experimento". Hier paart sich Sprachförderung mit naturwissenschaftlichem Lernen. Dr. Edgardis Garlin vom Zentrum für kindliche Mehrsprachigkeit in München und Franziska von Einem, Siemens Stiftung, simulierten spielerisch eine Chemiestunde auf Spanisch. "KIKUS" (Kinder in Kulturen und Sprachen) ist eine Sprachfördermethode für Kinder unterschiedlicher Herkunft zwischen drei und zehn Jahren. Es geht um den Erwerb der deutschen Sprache und den Erhalt der Erstsprache der Kinder. Experimento ermöglicht Kindern und Jugendlichen, naturwissenschaftliche Zusammenhänge durch selbstständiges Experimentieren zu begreifen. Die Siemens-Stiftung bietet dazu die Lehrmaterialien.

Auch Lehrer können nur fünf neue Wörter pro Tag behalten

Auf vereinfachte Art stellte Dr. Garlin mit ihrer "Klasse" - alles Lehrer und Sozialpädagogen - den Zirkel des Wassers (Sonne, Wolken, Regen) mit ausladenden Gesten dar; und zwar auf Spanisch. Sie vermuteten, welche Kleingegenstände schwimmen, welche untergehen, etwa Büroklammer, Zapfen, Stift oder Muschel. Jeder sollte sich dazu passende Vokabeln merken.

Was nahmen die Workshop-Teilnehmer, die einen Riesen-Spaß hatten, mit? Wie verwirrend die unbekannte Fremdsprache anfangs ist. Dass man die Muttersprache einbeziehen soll, denn das gibt den Kindern Sicherheit. Beispiel: Das spanische Wort "aluminio", das auf Deutsch und vielen anderen Sprachen ähnlich klingt.

Dass es hilft, Gegenstände, die man mit den Vokabeln benennen soll, anzufassen und zu be-greifen. Und dass man sich an einem Tag tatsächlich nur fünf neue Wörter merken kann. Auch wenn man Lehrer ist. kla

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