Die neuen 20er

Tempo, Glamour, rauschende Feste, überschäumende Lebenslust – dafür stehen die 1920er-Jahre, Berlin-Babylon, ein goldenes Zeitalter.

Ob die 2020er-Jahre als ähnlich schillernde Dekade in die Waldkraiburger Stadtgeschichte eingehen, ist noch nicht raus.

Aber: Es geht schon mal ziemlich vielversprechend los. Der Stadtball heute Abend feiert die 20er. Und wie! Die Organisatoren haben sich bestimmt wieder ein pfiffiges Programm einfallen lassen. Auch wenn’s im Haus der Kultur vermutlich nicht zur Neuauflage des frivolen Bananen-Tanzes der Josephine Baker kommen wird – das Programm ist ja noch top secret – , wollen (fast) alle mit dabei sein. Sogar die Flanierkarten sind längst ausverkauft. Das gab’s noch nie. Wer auf der Warteliste steht, kann nur darauf hoffen, dass die Grippewelle das ein oder andere Plätzchen kurzfristig freimacht.

Kundige wissen: Für den rekordverdächtigen Andrang sorgen nicht allein die 1920er-Jahre, sondern auch das 2020er-Jahr – der Kommunalwahl-Effekt. Gerade ist mit Valentin Clemente der vierte Bewerber fürs Bürgermeisteramt aufs Kandidatenkarussell aufgesprungen, steht mit der FDP die sechste Stadtratsliste fest. So viele Bewerber für kommunalpolitische Ämter in Stadt und Landkreis gab’s vermutlich noch nie. Da wird‘s natürlich eng in und vor den Ballsälen. Die Vereine und Veranstalter wird‘s freilich freuen.

Wer gern weggeht, aber nicht beim Stadtball zum Zug kommt, kann sich auf eine Alternative für die Freizeitgestaltung freuen, die bald wieder ihre Türen aufmacht. Das alte Brosch am Stadtplatz, das vor wenigen Monaten zugemacht hat, wird noch im Frühjahr mit neuem Eigentümer und unter neuem Namen auferstehen.

Gute Nachrichten gibt’s auch zum geplanten Forschungszentrum für biobasierte Materialien und Anwendungen in Waldkraiburg, das in der Hightech-Agenda aufscheint, die Ministerpräsident Söder in dieser Woche bekannt gegeben hat. Dass das Technologietransferzentrum, das ein Zukunftsthema mit möglicherweise enormem Potenzial besetzt, bis 2023 mit fünf Mitarbeitern an den Start gehen soll, ist zwar keine sensationelle Neuigkeit. Aber: eine Bekräftigung, dass es trotz großer Begehrlichkeiten, die es auch andernorts gibt, beim Standort Waldkraiburg bleiben soll.

Vor allem wurde bei dieser Gelegenheit aber deutlich, dass nun wirklich etwas vorangeht bei diesem Projekt, dass konkrete Standorte in der Stadt geprüft werden und erste Stellen ausgeschrieben sind. Um eine stärkere Beteiligung des Freistaats an der Finanzierung der Hochschul-Dependancen im Landkreis wird weiter hart gerungen werden.

Apropos: Auf zwei Stellen, von 18 auf 78 Stunden, kann der Verein „Frauen helfen Frauen“ dank steigender Förderung durch das Land hoffen. Das Beratungsangebot für Frauen, die vergewaltigt oder Opfer von Missbrauch, körperlicher oder seelischer Gewalt wurden, kann damit ab dem Frühjahr erheblich ausgebaut werden. Ein großer Gewinn für die Betroffenen, die Hilfe brauchen. Auch Jungs steht dann die Beratung offen. Hausbesuche und Beratungsstunden in weiteren Landkreiskommunen werden möglich.

Allerdings steigen damit die Sachkosten für den Verein, der auf Spender und Unterstützung der Kommunen angewiesen ist. Noch immer soll es Gemeinden im Landkreis geben, die sich da sehr zurückhalten. Einigen ist die Arbeit von „Frauen helfen Frauen“ keinen Cent wert. Die Erweiterung des Beratungsangebots könnte für manchen Kommunalpolitiker Anlass sein, sich noch einmal zu besinnen. Betroffene Frauen gibt es nämlich nicht nur in den Städten, sondern auch im kleinsten Dorf. Das sollte sich langsam he rumgesprochen haben.

Es wird viel geschimpft über die schlechten Zeiten. Darüber, dass die Menschen nicht mehr aufeinander achten, dass niemand mehr ein Ehrenamt oder einen Nachbarschaftsdienst übernehmen will, dass die Leute rücksichtlos, respektlos, unanständig miteinander umgehen. Dass einige sich gar am Leid der anderen voyeuristisch aufgeilen und nichts Besseres zu tun haben, als die ersten Bilder ins Netz zu stellen. Da mag ja was dran sein. Doch wir sollten uns den Blick nicht verstellen lassen, auf die vielen guten Gegenbeispiele.

Fast 40 neue ehrenamtliche Helfer, die sich für die nächsten zwei Jahre in der evangelischen Kirchengemeinde in vielerlei für Gottes Lohn engagieren. Das ist doch was.

Oder, in dieser Woche besonders beeindruckend: die Welle der Hilfsbereitschaft und Anteilnahme, die die Familie Oberbacher in Kraiburg nach dem verheerenden Brand erlebt hat. Feuerwehren, Nachbarn, Freunde und völlig Fremde, die nicht gaffen, sondern helfen.

Wenn‘s drauf ankommt, zusammenstehen! Mit dieser Mut machenden Erfahrung gehen wir ins Wochenende – und ins neue Jahrzehnt. Wenn‘s drauf ankommt, zusammenstehen! Das wäre doch ein gutes Programm für die neuen 20er, ein Slogan für eine gute Dekade.

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