Nazi-Parolen verbreitet: Richter schickt Waldkraiburger (19) zum Nachhilfe-Unterricht in KZ-Gedenkstätte

Zu einer Geldauflage von 700 Euro und einer Einzelführung in der KZ-Gedenkstätte Dachau wurde ein 19-Jähriger verurteilt, der Videos mit Nazi-Parolen ins Netz gestellt hatte.
+
Zu einer Geldauflage von 700 Euro und einer Einzelführung in der KZ-Gedenkstätte Dachau wurde ein 19-Jähriger verurteilt, der Videos mit Nazi-Parolen ins Netz gestellt hatte.

Weil er über WhatsApp Privatvideos verbreitet hat, die ihn beim Grölen von Nazi-Parolen zeigen, und mit einer Schreckschusspistole auf offener Straße in der Stadt aufgegriffen wurde, musste sich ein 19-jähriger Waldkraiburger jetzt vor Amtsrichter Dr. Christopher Warga verantworten. Der verdonnerte ihn nicht nur zu einer Nachhilfestunde in Geschichte.

Waldkraiburg/Mühldorf – Am 5. Dezember 2019 hatte der Auszubildende nach eigenen Angaben „zum Shisha-Rauchen, Trinken und Quatschen“ in den Partykeller geladen. Wie viel Freunde und Bekannte da waren, weiß er selber nicht mehr. Betrunken waren sie wohl ebenso wie der 19-Jährige, der laut Anklage der Staatsanwaltschaft Traunstein im Verlauf der Feier Videos erstellte, auf denen er im Wechsel mit mehreren Personen „Sieg – Heil“ schreit und ein „Heil Hitler“ hinzusetzt.

Mit Schreckschusspistole aufgegriffen

Per WhatsApp habe der Angeklagte die Videos verbreitet und damit „mindestens billigend in Kauf genommen“, dass sie gesehen werden. Auch eine Reichsflagge und Messer wurden laut Staatsanwältin gefunden.

Drei Monate später ist er erneut aufgefallen. Die Polizei griff ihn an einem Frühlingsabend mit einer Schreckschusswaffe im Hosenbund auf, für die er keine Lizenz hat.

Geständiger Lehrling gibt sich reumütig

Der Azubi zeigte sich geständig und gab sich reumütig. Das sei „dumm und leichtsinnig“ gewesen, meinte er zu seinem Verhalten bei der Party. Die Partynächte seien schon lange vorbei, die Kellereinrichtung abgebaut. „Ich konzentriere mich mehr auf die Schule und meine Freundin.“ Die sei Polin. Er habe außerdem auch türkische und weitere polnische Freunde.

Waffe „für Silvester auf dem eigenen Grundstück gekauft“

Auf die Frage des Richters, wofür er die Waffe gekauft habe, sagte der junge Mann: „Für Silvester auf dem eigenen Grundstück.“ Eventuell habe er sich für die Schreckschusspistole auch einen Waffenschein besorgen und sie abends in der Stadt mitführen wollen. „Das lassen Sie lieber! So gefährlich ist Waldkraiburg in der Nacht auch wieder nicht“, so Warga.

Als 15-Jähriger gegen Betäubungsmittelgesetz verstoßen

Wie aus dem Erziehungsregister hervorgeht, war der Angeklagte als 15-Jähriger schon einmal auffällig geworden, mit dem Erwerb von Betäubungsmitteln in sechs und der Abgabe der Substanzen in vier Fällen. Weil bei dem Azubi, der zum Zeitpunkt der ersten Tat 18 Jahre und drei Monate alt war, Entwicklungsverzögerungen nicht auszuschließen sind, wurde er nach dem Jugendstrafrecht verurteilt.

Lesen Sie auch:

Tödlicher Unfall: 36-jährigen Waldkraiburger trifft nur ein Teil der Schuld

Untreuer Buchhalter verurteilt: Waldkraiburger zweigt 72.000 Euro ab

Armbrust, Säbel, Falknermesser: Vorbestrafter Waffennarr aus Waldkraiburg darf Sammlung behalten

Für den Angeklagten spricht nach Einschätzung des Gerichts sein Geständnis sowie dass alle sicher gestellten Gegenstände mit seinem Einverständnis eingezogen wurden.

Geldauflage: Angeklagter muss Netto-Monatslohn an Förderverein Jugendzentrum zahlen

Wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und des unerlaubten Führens der Schreckschusswaffe wurde der 19-Jährige dazu verurteilt, 700 Euro an den Förderverein des Jugendzentrums in Mühldorf zu zahlen. Das entspricht einem Netto-Monatslohn, Der Angeklagte trägt auch die Kosten des Verfahrens.

Außerdem muss er innerhalb von vier Wochen die KZ-Gedenkstätte Dachau besuchen und dort eine Einzelführung machen. Diese Erziehungsmaßregel hatte auch Verteidiger Simon Waxenberger in seinem Plädoyer angeregt, damit der junge Mann sich ein Bild davon mache, welches Unrecht damals geschehen ist.

Von Arrest diesmal noch abgesehen

Von einem mehrwöchigen Freizeitarrest, wie die Staatsanwältin gefordert hatte, sah das Gericht ab. Doch Warga gab dem Angeklagten mit auf den Weg: Wenn wieder was passiere, werde es mit vier Wochen Freizeitarrest nicht mehr getan sein.

Kommentare