Überdimensioniertes Gebäude?

„Nachverdichtung“ im Stifter-Weg in Waldkraiburg: Anlieger gehen auf die Barrikaden

Sie machen gegen die Pläne im Stifter-Weg mobil (von links): Andrea Schmischke, Michael Beckmann und Norbert Masarowitsch, die mit einigen anderen Anliegern 200 Unterschriften gesammelt haben.
+
Sie machen gegen die Pläne im Stifter-Weg mobil (von links): Andrea Schmischke, Michael Beckmann und Norbert Masarowitsch, die mit einigen anderen Anliegern 200 Unterschriften gesammelt haben.
  • Hans Grundner
    vonHans Grundner
    schließen

„Nachverdichtung“ – an diesem Fachbegriff der Städteplaner scheiden sich in Waldkraiburg die Geister. Auch im Adalbert-Stifter-Weg, wo sich Anlieger gegen den Bau zweier viergeschossiger Gebäude mit 60 Wohneinheiten wehren.

Waldkraiburg– Diese Verdichtung halten sie für völlig überdimensioniert. Rund 200 Bürger haben sich per Unterschrift mit den Beschwerdeführern solidarisiert. Am Dienstag behandelt der Bauausschuss das Thema.

Anlieger sprechen voin „Fremdkörpern“

Eine „behutsame Nachverdichtung“, von der im Rathaus oft die Rede sei, sei „das sicher nicht“, findet Sebastian Harrer. Und Norbert Masarowitsch verweist darauf, dass die Umgebungsbebauung in einem der ältesten Stadtviertel von zweigeschossigen Reihenhäusern mit maximaler Firsthöhe von 8,50 Metern geprägt sei. Er spricht von „baulichen Ungetümen“, „Fremdkörpern“. Die Planungen liefen fast auf eine Verdreifachung der Wohneinheiten hinaus, die früher auf den Grundstücken standen, so Harrer.

Bauamtsleiter: In Sichtweite auch höhere Gebäude

Bauamtsleiter Carsten Schwunck räumt ein, dass es um eine erhebliche Verdichtung gehe. „Aber wir sind hier mitten in der Stadt, da ist Verdichtung ein erklärtes Ziel des ISEK.“ Er verweist auf eine ausführliche Studie von 2019, die die Machbarkeit aufgezeigt habe. Nur in der nächsten Umgebung treffe der Befund der Kritiker hinsichtlich der Umgebungsbebauung zu. „Wer es weiter fasst, kommt zu einem anderen Ergebnis. In Sichtweite des Grundstücks haben wir auch höhere Gebäude.“ Mit der eigenwilligen Form der beiden Baukörper habe der Planer zudem Fluchten und Breiten der Nachbarschaftsbebauung aufgenommen.

Anlieger befürchtetn Verkehrschaos

Durch die geplanten Gebäude und den Zuzug werde sich die Verkehrssituation Weg massiv verschlechtern, fürchtet Masarowitsch. Die Straße sei sechs Meter breit, nur neun bis zehn oberirdische Stellplätze vorgesehen. Schwunck glaubt wegen der Tiefgaragen, die der Bebauungsplan vorgibt, nicht an dieses Szenario. Die Anlieger kann er damit nicht überzeugen. Masarowitsch: „Die Erfahrung zeigt, die Autos fahren nicht in die Tiefgarage. Es wird ohne Rücksicht auf andere Belange geparkt, wo es nur geht.“

Nachbar kritisiert: Naturnaher Charakter des Viertes geht verloren

Auch der naturnahe Charakter der Straße mit alten Alleebäumen und Gärten gehe verloren, kritisiert Harrer. Auf dem Grundstück des Privatinvestors sehe der Bebauungsplan nicht einen Baum oder Strauch vor.

Tatsächlich können auf dem kleineren Grundstück wegen der Tiefgarage keine Bäume gesetzt werden. „An der Straße sollen aber auch Alleebäume gepflanzt werden“, so Schwunck. Das neue Grün habe aber nicht die Qualität des Bestandes.

Bauamtsleiter: Bedarf an innenstadtnahem Wohnraum

Das entscheidende Argument für die Verdichtung sei der unveränderte Bedarf an innenstadtnahem Wohnraum. Die Mischung von Einzelhäusern und Geschosswohnungsbau, damit auch die soziale Durchmischung sei nicht selten in Waldkraiburg und historisch gewachsen.

2-Zimmer-Wohnungen nicht bedarfsgerecht

Den Einwand Sebastian Harrers, 19 2-Zimmer-Wohnungen auf dem Investoren-Grundstück, seien nicht bedarfsgerecht – Waldkraiburg brauche Wohnraum für junge Familien, weist er zurück. Bei der Stadtbau seien Einheiten in allen Größen vorgesehen. Und: Die Erfahrung zeige, dass 2-Zimmer-Wohnungen von Single-Haushalten oder Paaren nachgefragt werden.

Dreispänner nicht wirtschaftlich

Die Dreispänner, die die Anlieger als Bebauung favorisieren, sind laut Schwunck nur schwer realisierbar. Aus wirtschaftlichen Gründen, wegen der hohen Grundstückspreise brauche es eine entsprechende Bebauung. Für Einzel- oder Reihenhäusern seien die Grundstücke zu teuer. „Junge einheimische Familien können sich das meist nicht leisten.“

Lesen Sie auch:

Nachverdichtung in Waldkraiburg: Im Prinzip ja, aber behutsam

Spezielles Wohngebiet: Debatte um die Zukunft der Sonnenstraße in Waldkraiburg

Investor stimmt Stadtbau-Plänen zu

Die Anlieger hoffen unverändert, dass die Stadt von ihrer Linie abrückt. Harrer erwartet „einen Kompromiss“ zwischen dem Wunsch von Neubürgern nach Wohnraum und dem „berechtigten Wunsch der bereits ansässigen Bürger“. Er erinnert an einen Beschluss von 2017: Damals habe der Ausschuss eine Anfrage des Investors, ein viergeschossiges Gebäude mit zwölf bis 14 Wohneinheiten zu errichten, abgelehnt. Das Bauwerk füge sich nicht ein, Geschossflächenzahl und maximale Firsthöhe seien zu reduzieren. Weil das Vorhaben nicht über Paragraf 34 (Einfügegebot) zu bekommen sei, mache die Stadt das Ganze mit der Aufstellung eines Bebauungsplanes „passend“, kritisiert Masarowitsch. Darauf Schwunck: Dazu gebe es Bebauungspläne, um grundsätzliche städtebauliche Ziele nach einem aufwendigen Verfahren als Satzung festzugelegen.

Darum geht’s im Stifter-Weg

Im laufenden Bauleitplanverfahren stehen zwei Grundstücke im Stifter-Weg im MIttelpunkt, ein etwa 2000 Quadratmeter großes Areal, das der Stadtbau GmbH gehört, und ein rund 900 Quadratmeter großes Grundstück, das die Gesellschaft vor einigen Jahren einem privaten Investor verkauft hatte. Der Entwurf für den Bebauungsplan, gegen den viele Anlieger Sturm laufen, sieht zwei viergeschossige Gebäude mit einer Wandhöhe von 13 Metern vor. Für 20 Wohneinheiten würde nach dem aktuellen Verfahrensstand der Bauleitplanung auf dem kleineren Grundstück Baurecht geschaffen, für mindestens 40 auf dem größeren Stadtbau-Areal.

Grundsatzdiskussion über die städtebauliche Zielsetzung

Was heißt Nachverdichtung? Wie weit darf sie gehen, wie behutsam muss sie ausfallen? Diese Fragen führen in Waldkraiburg nicht erst mit den Plänen im Stifter-Weg zu hitzigen Diskussionen. Immer wieder flammten sie im Zusammenhang mit aktuellen Bauvorhaben auf, zuletzt etwain der Breslauer oder in der Komotauer Straße.

In der Ausschusssitzung am Dienstag um 18 Uhr im Haus der Kultur trägt die Stadt dieser Situation Rechnung und stellt die eigenen Nachverdichtungsvorhaben und die der städtischen Tochtergesellschaft Stadtbau noch einmal grundsätzlich auf den Prüfstand. „Sollen diese Vorhaben fortgesetzt oder verändert werden? Sind wir damit auf dem richtigen Weg?“ Diese Fragen sollen laut Bauamtsleiter Schwunck im Auschuss gestellt und beantwortet werden, für die folgenden vier laufenden Bauleitplanverfahren:

• die umstrittenenen Wohngebäude am Stifter-Weg (Bebauungsplan 131)

• die Entwicklung des Geländes zwischen Bayernbrücke und Gymnasium, auf dem früher das Gasthaus Weißer Hirsch stand (BP 65/Teil B)

• die Wohn- und Gewerbebebauung im Gebiet zwischen Haidaer Straße und Graslitzer Straße, insbesondere auf dem Gelände am Schweidnitzer Weg, wo heute die städtischen Kita-Container stehen, und auf der ehemaligen Tankstelle (BP 128)

• die Entwicklung eines Bereichs an der Prießnitzstraße nördlich der Feuerwehr, wo neben einer Wohnbebauung auch eine Nutzung für eine Kinderbetreuungseinrichtung im Gespräch war sowie ein Standort für das Forschungszentrum (BP 129) hg

Kommentare