Nachruf

Johanna Juppe verstorben: Sie gründete das erste Textilgeschäft Waldkraiburgs

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Sie gründete vor fast 70 Jahren das erste Textilgeschäft Waldkraiburgs, stand bis zu ihrem 80. Lebensjahr im Laden: Jetzt ist Johanna Juppe hundertjährig gestorben.

Waldkraiburg – „Langeweile kenne ich nicht!“ Das war ihr Spruch. Johanna Juppe, eine „Ur-Waldkraiburgerin“, die bis zum Alter von 80 Jahren in ihrem Textilgeschäft arbeitete und in ihrer Freizeit vielseitige Interessen und Hobbys pflegte. Vor wenigen Tagen ist die „Juppe-Oma“, die zuletzt schwerst pflegebedürftig war, gestorben.

Den ersten Mann bei Stalingard verloren

Wie so viele Waldkraiburger ihrer Generation stammte sie aus dem Sudetenland. In Morchenstern wurde Johanna Finke am 6. August 1920 geboren. Nach dem Besuch der Bürgerschule erlernte sie den Beruf der Kindergärtnerin und arbeitete später mit ihrer Mutter und Schwester in einem Reformhaus.

Am Heiligen Abend 1941 heiratete sie Rudi Steger, den sie auf einem Manöverball kennengelernt hatte. Nur ein Jahr später fiel ihr Ehemann bei Stalingrad.

Nach der Vertreibung ins Lager Pürten

Mit Erich Juppe, mit dem sie im Mai 1947 den Bund der Ehe schloss, kam sie durch die Vertreibung im Sommer desselben Jahres nach Bayern, ins Lager Pürten. Mit viel Fleiß, Engagement und kaufmännischer Leidenschaft gründete sie, zusammen mit ihrem Mann, 1952 das erste Textilgeschäft in Waldkraiburg, im Keller des damaligen Verwaltungsgebäudes, der heutigen Polizeiinspektion. 1973 zog Juppe in den eigenen Laden am Sartrouville-Platz.

Schwere Schicksalsschläge

Noch heute erinnert sich manche ältere Waldkraiburgerin daran, mit ihrer Oma das Handarbeitszubehör für die Schule bei Juppe eingekauft zu haben. Die Freude an der Arbeit und der Umgang mit den Kunden war für Johanna Juppe eine große Hilfe, um über den frühen Tod ihres Sohnes im Jahr 1971 und ihres Mannes im Jahr 1979 hinwegzukommen. Erst mit 80 Jahren ging sie in den Ruhestand und übergab das Geschäft ihrer Tochter Gerlinde.

In ihrer Freizeit beschäftigte sich die vielseitige Waldkraiburgerin mit vielen Dingen. Sie malte Ölbilder, pflegte ihre Briefmarkensammlung, schrieb ihre Memoiren in Form von Lebensepisoden in ihrer paurischen Mundart, las jeden Tag die Zeitung, häkelte Kissen und verbrachte viel Zeit im Garten.

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Bis zum Alter von 99 Jahren lebte Johanna Juppe weitgehend selbstständig im Haushalt ihres Enkels Michael und seiner Frau Lena, wo sie eine liebevolle Rundumverpflegung bekam. Doch dann verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand und eine Versorgung daheim war nicht mehr möglich. Das letzte Jahr verbrachte sie im Seniorenheim St. Mechthild. Es war ein Glück für sie, dass sie den Brandanschlag auf ein Nachbargeschäft, der heuer im April auch ihr Lebenswerk vernichtete, nicht mehr mitbekommen hat.

In Geschichten lebt sie weiter

Neben ihrer Tochter trauern drei Enkel und sieben Urenkel um die „Juppe-Oma“, die in der Erinnerung an ihre „Butterschnitten“, die Geschichten vom Rübezahl und aus der alten Heimat im Isergebirge weiterleben wird.

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