Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Zwei Geschwister berichten von ihrem Martyrium

Nach Missbrauch im Kinderheim Ramsau: „Hier war meine Kindheit zu Ende!“

Mit der Kirche will Renate nach ihren Erlebnissen im Kinderheim nichts mehr zu tun haben. Den Glauben verloren hat sie allerdings nicht, hin und wieder zündet sie sogar in der Kirche eine Kerze an.
+
Mit der Kirche will Renate nach ihren Erlebnissen im Kinderheim nichts mehr zu tun haben. Den Glauben verloren hat sie allerdings nicht, hin und wieder zündet sie sogar in der Kirche eine Kerze an.
  • Raphaela Lohmann
    VonRaphaela Lohmann
    schließen

Vor mehr als zehn Jahren wurden die ersten Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche publik. Jahre später sind viele Fälle noch immer nicht aufgearbeitet. Opfer beklagen das schleppende Tempo. Wie die beiden Geschwister Renate und Manfred, die im damaligen Kinderheim in Ramsau untergebracht waren.

Waldkraiburg – „Hier war meine Kindheit zu Ende.“ Renate ist wütend und verbittert. Neun Jahre alt war sie, als sie ins Kloster Ramsau kommt, wo bis 1984 ein Kinderheim untergebracht war. Die Eltern kamen aus dem Sudetenland, waren arm und hatten in Deutschland nie wirklich Fuß gefasst. Über die Hintergründe, warum sie und ihre Geschwister Manfred, Eva und Lori im Oktober 1966 ins Kinderheim mussten, kann sie nichts sagen. Am Eingang musste sie sich von ihren Eltern trennen, dann „ging alles los“.

Die Erinnerungen quälen noch heute

Noch heute ist sie traumatisiert davon, was sie in den nächsten Jahren erleben sollte: Prügelstrafen, Demütigungen und sexueller Missbrauch von einzelnen Klosterschwestern. Das Heim und die Klosterschule leiteten damals die Franziskanerinnen von Au am Inn. Einmal hatte Renate versucht, sich der damaligen Oberin anzuvertrauen. „Ich wurde als Lügnerin abgestempelt.“ Als Strafe musste sie zwei Wochen lang Treppen schrubben.

Nach ihrem Schulabschluss kann sie zwar den Ort hinter sich lassen, nicht aber die Erinnerungen. Die quälen sie noch heute. „Es gibt Situationen, in denen mich die Erlebnisse schnell wieder einfangen“, sagt sie. Als Erwachsene macht sie Therapien, hat zwei Selbsttötungsversuche hinter sich. Ihrem Bruder Manfred geht es nicht besser. Auch er hat über Jahre therapeutische Hilfe in Anspruch genommen, hat es „sein Leben lang nicht leicht“. Die Monate im Kinderheim lassen ihn einfach nicht los: „Die Geschichte wühlt mich immer wieder auf.“

Nachdem die ersten Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bekannt werden, melden sich 2012 auch Renate und Manfred. „Ich hatte das Gefühl, jetzt hört man hin, es passiert etwas.“ Zwölf Jahre später ist davon nichts mehr übrig. „Seitdem hat sich nicht viel getan“, klagt Renate.

Bis 1984 war im Kloster Ramsau ein Kinderheim untergebracht. Der Ordensgemeinschaft ist es nach Bekanntwerden der Fälle wichtig, die Geschichte des Klosters aufzuarbeiten.

Die beiden Geschwister haben jeweils bislang in zwei Zahlungen insgesamt 14 000 Euro von der katholischen Kirche bekommen. Als Anzahlung für die endgültige Entschädigung. Doch wie hoch die sein und wann sie ausbezahlt werden soll, wissen die Geschwister nicht. „Ich erwarte eine Reaktion, eine Entschuldigung muss doch sein. Stattdessen muss ich um eine Entschädigung kämpfen“, sagt sie. Auch ihr Bruder kann kein Bemühen erkennen, dass die Kirche die Vorfälle im damaligen Kinderheim aufarbeiten will: „Das zieht sich alles in die Länge. Sind unsere Anträge überhaupt weitergegeben worden?“

Renate und Manfred hatten zwar bereits 2012 ihren Missbrauch angezeigt und eine Entschädigung in Höhe von 4000 Euro enthalten. Aber neue Regeln der Deutschen Bischofskonferenz hatten Anfang 2021 einen neuen Antrag möglich gemacht, der zu einer höheren Entschädigung führen kann. Aber wieso ist ihr Fall noch immer nicht abgeschlossen?

„Die Betroffene machte neue Angaben zu den Geschehnissen im Kloster Ramsau. Daher musste der Missbrauchsbeauftragte der Erzdiözese den Antrag von Grund auf neu bearbeiten“, erklärt Generaloberin Schwester Dominica vom Kloster Au am Inn auf Nachfrage. Eine unabhängige Kommission bei der Deutschen Bischofskonferenz bearbeitet bundesweit alle bekannten Fälle, der Orden könne die Bearbeitung einzelner nicht beschleunigen. Wegen der langen Bearbeitungsdauer und aus Rücksicht auf die Betroffene habe man sich im Oktober darauf verständigt, eine Abschlagszahlung von 10 000 Euro zu leisten.

„Im Kloster werden diese Anschuldigungen sehr ernst genommen, und uns Schwestern tut es aufrichtig leid für jedes Kind, dem in der Einrichtung in Ramsau damals Unrecht geschehen ist“, sagt die Generaloberin. Daher sei es dem Orden ein großes Anliegen, die Fälle aufzuarbeiten und damit „zur Herstellung von Gerechtigkeit beizutragen“. Neben den Anschuldigungen von Renate und Manfred sind noch zwei weitere Fälle bekannt.

Teil der Aufarbeitung ist es, dass die Vorfälle nicht länger hinter den Klostermauern versteckt bleiben: Ende Januar hat nach einer TV-Berichterstattung die Generaloberin beziehungsweise ihre Stellvertreterin in den Gottesdiensten in Ramsau und Au am Inn öffentlich zu den Fällen Stellung genommen. Eine persönliche Entschuldigung habe es bereits 2012 gegeben bei einem Gespräch der Betroffenen, der damaligen Missbrauchsbeauftragten der Erzdiözese und der Generaloberin des Ordens.

Aufarbeitung ein großes Anliegen

Das ist aber nicht alles: „Die Ordensgemeinschaft gibt eine unabhängige Aufarbeitung in Auftrag. Die Fälle im Kinderheim sind Teil der Geschichte des Klosters, mit der wir uns auseinandersetzen“, erklärt Schwester Dominica. Erste Gespräche würden bereits laufen, doch die Erfahrungen anderer Ordensgemeinschaften zeigen: Die Aufarbeitung kann dauern.

Renate und ihr Bruder wollen weiterkämpfen. „Die Öffentlichkeit muss davon erfahren, was in dem Kinderheim passiert ist. Vielleicht melden sich noch andere Betroffene, die bislang aus falscher Scham nichts gesagt haben“, hofft Renate.

Kommentare