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Megatrend Spazieren: Waldkraiburger pflegen in Corona-Zeiten die neue Lust auf Langsamkeit

Seit Corona sind sie noch mehr im Freien unterwegs: Melanie Breneizeris (32), Papa Angelo Härtel (38) und ihr Töchterchen Elisa (4) im Tannet. Meier
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Seit Corona sind sie noch mehr im Freien unterwegs: Melanie Breneizeris (32), Papa Angelo Härtel (38) und ihr Töchterchen Elisa (4) im Tannet. Meier
  • Kirsten Meier
    vonKirsten Meier
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Ein neuer Trend geht um: Spazierengehen. Was einst als langweilig verpönt war, scheinen in Corona-Zeiten auch junge Leute für sich zu entdecken. Ein Stimmungsbericht von den Fußgänger-Hotspots rund um Waldkraiburg.

Waldkraiburg – Spazierengehen oh je, in weiten Teilen der Bevölkerung hatte diese Freizeitbeschäftigung ein miserables Image. Wer geht schon spazieren, wenn er durch die Welt reisen oder sich im Fitnessstudio auspowern kann? Laaaangweilig, öde kam das vielen vor. Bis Corona. Im Lockdown scheint das Spazierengehen eine Renaissance zu erleben, auch bei jungen Leuten. Notgedrungen, mangels Alternativen. Auch in Waldkraiburg. Ob im Tannet oder am Innkanal, sind – nicht nur an Sonntagen – die Fußgänger in Scharen unterwegs. Wächst da eine neue Lust auf Langsamkeit?

Fast jeden Tag in der Natur

Ein kalter Wintertag. Herrlicher Sonnenschein lockt die Menschen ins Freie. Raus in die Natur. Zum Beispiel Melanie Breneizeris (32) und Angelo Härtel (38) mit ihrem Töchterchen Elisa. Die Vierjährige im blauen Schneeanzug mit rosa Bommelmütze sitzt fröhlich auf ihrem Schlitten. Die junge Waldkraiburger Familie liebt die Natur und geht deshalb fast täglich spazieren. „Vor allem für Kinder ist Bewegung wichtig“, sagt Mama Melanie. Und nicht nur für sie: „Egal ob man gut oder schlecht drauf ist, sobald man draußen ist, fühlt man sich automatisch besser.“ Seit Corona ist das Mutter-Vater-Kind-Gespann noch viel mehr im Freien unterwegs. Oft streifen sie durch den Tannet.

Alternative zur Hundeschule

So wie Petra Gospodnetic (23) aus Waldkraiburg, die mit ihrem zehn Monate alten Schäferhund Aris sonst an solchen Tagen auf dem Hundeplatz in Neuötting trainiert. „Jetzt haben die Hundeschulen leider geschlossen“, bedauert sie, um gleich hinzu zusetzen: „Wir genießen diese Spaziergänge.“

Petra Gospodnetic (23) mit Schäferhund Aris13.

Musiker Benoby schwört auf Spaziergänge mit Hund Toby

Auch Robert Wroblewski schwört darauf. Der 32-Jährige ist oft mit seinem Labrador Toby unterwegs. Er finde in der Natur viele Inspirationen für seine Musik, ein neuer Song sei im Wald entstanden, erzählt der Waldkraiburger, der unter seinem Künstlernamen „Benoby“ bekannt ist. Weil wegen Corona alle Konzerte ins Wasser fielen, hat der Singer-Songwriter seine Zelte in Berlin vorerst abgebrochen und in Waldkraiburg eine eigene Physiotherapie-Praxis aufgemacht. Nach der Großstadt-Erfahrung schätzt er es umso mehr, in wenigen Minuten in der Natur zu sein. „Das habe ich sehr vermisst.“

In wenigen Minuten ist er in der Natur: Musiker Benoby, Robert Wroblewski (32) mit seinem Hund Toby. „In Berlin habe ich das sehr vermisst.“

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Längst sind nicht mehr nur die Senioren unterwegs, sondern auch junge Leute, zu zweit, mit Hund, allein. „Wir erleben eine Renaissance der Naherholung“, sagt Martin Schmitz, Professor an der Kunsthochschule in Kassel, der sich wissenschaftlich mit dem Thema Spaziergang beschäftigt (siehe Interview) .

Experte: Spaziergänge stärken die Sinne

Corona führe zur Verlangsamung der Mobilität. Radfahren, Joggen, Spazierengehen vor der Haustür ist angesagt. Das präge die Wahrnehmung der Umwelt. Spazierengehen stärke die Sinne und schaffe Schönheit.

Ruhige Spaziergänge mag auch Christina Herre (55). Noch lieber läuft sie durch den Wald. Das ist ein guter Ausgleich zu ihrem Bürojob, mindestens dreimal in Woche joggt sie zwischen acht und zwölf Kilometer, am liebsten im Tannet. „Hier gibt es viele unterschiedliche Strecken. Man sieht immer wieder etwas anderes.“ Durch Corona sei ihre Begeisterung fürs Laufen noch gewachsen.

Ob beim Spazierengehen oder beim Joggen: Christina Herre nimmt viele Eindrücke mit.

„Eigentlich spiele ich am liebsten Badminton“, sagt Petra Bauer (45) aus Waldkraiburg. Doch die Hallen sind zu. Inzwischen ist der Sport im Freien für sie zur Leidenschaft geworden. Radl fahren, Spaziergänge und Joggen halten sie fit, bei jedem Wetter.

Petra Bauer.

Verändert sich das Freizeitverhalten nachhaltig?

„Sonst ist das Fitness-Studio mein Ding“, sagt Raul Dreghiciu. Seit Corona hat sich das Freizeitverhalten des 21-jährigen Elektrikers aus Waldkraiburg jedoch verändert. „Ich bin eindeutig mehr in der Natur unterwegs. Ich fahre jetzt mehr Radl und gehe öfters Spazieren.“ Vor allem die entspannten Spaziergänge mit seiner Freundin genießt er.

Raul Dreghiciu steht eigentlich auf Fitnesstudios, ist jetzt aber viel mehr in der Natur.

Ob die guten Erfahrungen mit dem Gehen in der Natur das Freizeitverhalten nachhaltig verändern, ob die Spaziergänger auch nach Corona die Weg um Waldkraiburg bevölkern, wird sich zeigen müssen. Professor Schmitz hofft, dass Corona eine Wende in der Mobilität einleiten kann, die längst an ihre Grenzen gestoßen sei. „Vielleicht lernen die Menschen, die Dinge wieder besser wahrzunehmen.“

Interview: Mit Corona erlebt die Naherholung eine Renaissance

Diplom-Ingenieur Martin Schmitz (64) aus Berlin unterrichtet an der Kunsthochschule Kassel als Professor für Theorie und Praxis der Gestaltung „Promenadologie“, Spaziergangswissenschaft. Der 64-Jährige setzt sich also wissenschaftlich mit dem Spazierengehen auseinander. Was sagt der Experte zur neuen Lust an der Langsamkeit in diesen Corona-Zeiten.

Kam die Wissenschaft des Spazierengehens erst jetzt durch Corona auf?

Martin Schmitz.

Martin Schmitz: Die Spaziergangswissenschaft wurde in den 1980er-Jahren von dem Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt erfunden. Ich war damals bei ihm Student. Heute unterrichte ich es selbst. Burckhardt war der Begründer der These, dass die Umwelt nicht wahrnehmbar sei, und wenn doch, dann aufgrund von Bildvorstellungen, die sich im Kopf des Beobachters bilden und schon gebildet haben. Die Wahrnehmung beruht auf dem kinematografischen Effekt des Spazierengehens. Burckhardt sagte immer, wir nennen solche Forschung, mangels eines besseren Ausdrucks, „Kunst“.

Wie hat sich das Spazierengehen im Laufe der Jahre verändert?

Schmitz: Die Mobilität hat im Laufe der Jahrzehnte rasant zugenommen. Die Menschen bevorzugen das Autofahren. Reisen ist sehr günstig geworden, Fliegen ist sehr beliebt. Das beeinflusst unsere Wahrnehmung sehr stark. Sind wir zum Beispiel mobil, sehen wir die Welt im Schnelldurchlauf. Entsprechend unscharf sind die Bilder und Vorstellungen in unseren Köpfen. Man sieht jedoch immer mehr Veränderungen, was die Fortbewegung betrifft. Fahrradfahrer und Fußgänger haben inzwischen eine größere Lobby.

Hat sich das Interesse der Menschen am Spazierengehen aufgrund von Corona verändert?

Schmitz: Definitiv. Das ist jetzt die Renaissance der Naherholungsgebiete. So wie wir die Welt wahrnehmen, so gestalten wir sie. Spazierengehen schafft Schönheit. Dies wird den Menschen nun bewusster. Die Probleme, die wir heute haben, sind schon seit den 1980er-Jahren bekannt. Nur haben die Menschen nicht erkannt, dass die Mobilität nun an ihre Grenzen stößt. Ein großes Problem ist, dass sie sich zu sehr von Medien, Reklame, Film und Werbung beeinflussen lassen. Das prägt unsere Wahrnehmung. Durch die Verlangsamung, die in diesen Corona-Zeiten stattfindet, lernen die Menschen, Dinge vielleicht wieder besser wahrzunehmen. Spazierengehen ist perfekt dafür, seine eigenen Sinne wieder zu stärken.

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