Der Mann ohne Maske

Es ist zum Verrücktwerden. Immer wenn man das Ding braucht, ist es nicht am Mann.

Was habe ich schon in den nicht vorhandenen Mundschutz geflucht, vor der Bäckerei, vorm Buchladen, beim Metzger... Wenn ich wieder eine Ehrenrunde drehen musste, um die verdammte Maske aus der Redaktion zu holen. Mittlerweile ist es zur Gemeinschaftsaufgabe der ganzen Geschäftsstelle der Waldkraiburger Nachrichten geworden, dem Mann ohne Maske zur Seite zu stehen. Kaum macht er Anstalten, das Büro zu verlassen, schallt aus irgendeiner Ecke ein Ruf: „Mundschutz nicht vergessen!“ „Achtung, Maske!“ Und? Ja, es hilft. Meistens jedenfalls.

Doch auch Kollegen können nicht überall sein. Neulich, an einem arbeitsfreien Samstag, wurde deshalb wieder mal ein Mann ohne Maske fluchend vor dem Wochenmarkt gesehen. Er stand am Stadtplatz. Der Mundschutz lag zu Hause. Zum Glück gibt es für Redakteure gleich neben dem Markt eine Basisstation in der Innenstadt, die Geschäftsstelle der Zeitung. Dort in der Schreibtisch-Schublade liegen frische Masken.

Das ist Corona. Ein großer, ein gnadenlos ehrlicher Enthüller. Der kleinen persönlichen Schwächen wie der großen Defizite im Land. Wir sollten dankbar dafür sein – wie könnten wir sonst wissen, dass wir ohne Pflegekräfte in Krankenhäusern und Altenheimen aufgeschmissen wären? Und dass sie mehr verdienen als sie verdienen. Nicht anders als die Kassiererinnen im Supermarkt, die in Notzeiten systemrelevanter sind als manche, die sich für superrelevant halten.

Wie hätten Politiker drauf kommen können, dass in Asylunterkünften ziemlich viele Menschen auf sehr engem Raum untergebracht sind. Keine Chance, ohne die Abstandsregeln wär das nie aufgedeckt worden. Endlich wissen wir, dass die Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen angenehmer sein könnten. Und dass viele rumänische Schlachter suboptimal wohnen.

Corona macht’s möglich. Auch, dass Waldkraiburg zum Hotspot wird. Zum Demo-Hotspot. So viel Protest war noch nie. Eine Kundgebung nach der anderen. Es begann in aller Stille mit der Mahnwache nach der bedrohlichen Anschlagsserie. Es folgten im Wochenrhythmus Anti-Corona-Aufläufe, bei denen eigenartige Welterklärungstheorien kursierten. Und nun die Demo von Linken, die Rassismus ankotzt und die sich mit der Protestbewegung aus den USA solidarisieren.

Und ob, Rassismus ist zum Kotzen. Wo immer er auftritt. Nur wird einigen vermutlich auch davon schlecht, dass die Demo-Veranstalter in ihrem Aufruf gleichzeitig die „lückenlose Aufklärung der rassistischen Anschlagsserie in Waldkraiburg“ fordern. Als habe das auch nur irgendwas miteinander zu tun. Als wollte man das widerliche Verhalten eines US-Polizisten irgendwie mit den Ermittlern im Waldkraiburger Fall in Verbindung bringen. So als stünde in Zweifel, dass Polizei und Justiz aufklären wollten. Gibt es denn dafür irgendwelche Anhaltspunkte? Was soll das?

„Mundschutz nicht vergessen!“ Ach ja, es ist besser geworden. Neulich stand ich wieder in der Schlange. Ohne Maske. Kein Problem! Natürlich hatte ich das gute Stück einstecken. In der rechten Jackentasche. Und in der linken. Im Büro stellte sich heraus, ein dritter Mundschutz hing zu meiner Überraschung am Hals. Beruhigend. Ich bin über dem Berg.

Vor allem ist die große Befürchtung, es könnte am Alter liegen, ausgeräumt. So ein Verdacht wächst sich jenseits der 55 rasch zur existenziellen Krise aus. Ist aber vom Tisch, seit mir ein neuer, deutlich jüngerer Kollege aus der Anzeigenabteilung gestanden hat, er habe kürzlich auf dem Handy ein Video geschaut. Da sei ihm plötzlich die Frage gekommen, wo eigentlich sein Handy abgeblieben sei.

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