Schutzausrüstung fehlt: Die Waldkraiburger Seniorenheime sind wegen Corona im Alarmzustand

Pflege im Seniorenheim
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Pflege im Seniorenheim: Die Welt ist durch die strikten Kontaktbeschränkungen für die Bewohner noch kleiner geworden. 
  • Hans Grundner
    vonHans Grundner
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Die Sorge wächst von Tag zu Tag. So wie in vielen anderen Einrichtungen der stationären Altenpflege - und Seniorenbetreuung auch in den vier Häusern in Waldkraiburg, in denen fast 500 Senioren wohnen. Wie sich Heimleiter und Pflegekräfte aufstellen für den Ernstfall, den sie am liebsten vermeiden würden.

Waldkraiburg – Die Nachrichten aus Würzburg, wo in einem Seniorenheim zehn Menschen an den Folgen des Coronavirus gestorben sind, möchte Hubert Forster am liebsten ausblenden. „Schon der Gedanke daran treibt den Blutdruck in die Höhe.“ Dem Leiter des Adalbert Stifter Seniorenwohnens, der größten Senioreneinrichtung Waldkraiburgs, geht es wie vielen anderen, die in der stationären Altenpflege und -betreuung Verantwortung tragen. Dass das Virus in ihre Einrichtung einbricht, mögen sie sich nicht vorstellen. Schon deshalb, weil es für diesen Fall an der nötigen Schutzausrüstung fehlt. „Wir können unsere Mitarbeiter nicht so schützen, wie wir das wollen.“ Steffi Dubnitzky, Leiterin des AWO-Seniorenzentrums, schlägt Alarm. Mundschutz, Ganzkörperanzüge – Stand heute fehle es nahezu an allem.

Die kleine Welt der Seniorenheime ist noch kleiner geworden

Fast 500 Senioren werden in den vier Waldkraiburger Häusern betreut und gepflegt. Für sie, Pflegekräfte, Angehörige hat sich mit Corona fast alles verändert. Für Gäste und Besucher sind die Häuser zu. Nur Vertreter der medizinisch-pflegerischen Berufsgruppen dürfen aus begründetem Anlass rein. Selbst für Angehörige gibt es Ausnahmen nur bei Sterbefällen.

Bewohner und Angehörige nehmen die Auflagen wegen Corona gut an

Wenige Stunden am Tag können Angehörige im Stifter-Heim wichtige Versorgungsmittel am Eingang abstellen. Die Pflegekräfte leiten sie weiter, stehen bei dringenden Fragen „kurz“ zur Verfügung. „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass unser Personal keine Zeit für Diskussionen hat“, steht auf einem Plakat vor der Einrichtung. 

Übergabe am Empfang – mehr geht derzeit nicht. Andrea Strunz (rechts) bringt Getränke und Wäsche für ihre Mutter, Renate Rappolder vom Adalbert Stifter Seniorenwohnen leitet die Sachen weiter.

„Das ist schlimm“, sagt Andrea Strunz. Sie steht am Donnerstag kurz nach Neun am Eingang zum Haupthaus, um Getränke für ihre Mutter abzugeben und Wäsche abzuholen. „Aber es ist im Moment das Beste für alle.“

Vereinzelte Verstöße sind kaum zu kontrolllieren

Vereinzelt habe es Verstöße gegen Auflagen gegeben, hätten sich drei, vier Bewohner mit Angehörigen draußen getroffen. „Das können wir kaum unterbinden“, sagt Hubert Forster, in dessen Haus über 240 Bewohner im betreuten Wohnen oder in der stationären Pflege sind. Er ist froh, dass der weit überwiegende Teil der Bewohner wie der Angehörigen die Auflagen gut angenommen habe. „Die schrittweise Verschärfung hat das sicher erleichtert.“

Angehörigenbesuche sind eine wichtige Brücke nach draußen, zumal fast alle sozialen Kontakte weggebrochen sind, kein Friseur, keine Fußpflegerin mehr ins Haus darf. „Dass trägt nicht zur psychischen Stabilität unserer Bewohner bei“, sagt Steffi Dubnitzky vom AWO-Seniorenzentrum, wo sich 78 Mitarbeiter um derzeit 74 Bewohner kümmern. „Unsere kleine Welt ist noch kleiner geworden.“

Pflegekräfte versuchen die Lücken zu schließen

So viel wie jetzt wurde noch nie telefoniert. Und der Sozialdienst, die Pflegekräfte versuchen Lücken, die durch das Betretungsverbot entstehen, so gut es geht zu schließen und soziale Kontakte aufrechtzuerhalten. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unternehmen neben zusätzlichen Belastungen viel gemeinsam mit den Bewohnern. Zum Beispiel werden Blumengestecke zum Frühlingsanfang gebastelt“, schreibt Bernhard Rössler, Pressesprecher der Vitalis Gesellschaft für soziale Einrichtungen, zu der das Haus Mechthild mit 80 Bewohnern und 78 Mitarbeitern gehört.

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„Die Fitteren gehen in den Garten“, sagt Robert Geisberger, geschäftsführender Gesellschafter der Inntal Pflegeheime GmbH, die in Mühldorf das Seniorenzentrum Sonnengarten betreibt und in Waldkraiburg das Pflegeheim Bayerischer Hof en mit etwa 80 Bewohnern und eben so vielen Mitarbeiterinnen. Noch seien die Aufgaben zu schaffen, weil die Angehörigen „sehr verständnisvoll“ reagieren und die Bewohner ruhig bleiben. Geisberger: „Wir sind noch clean, toi, toi, toi! Aber ich weiß nicht, was passiert, wenn das Gesundheitsamt mir 15 Leute in die Quarantäne heimschickt.“

Die ersten Mitarbeiter sind bereits in Quarantäne

Erste Lücken im Personal zeichnen sich ab. Das Problem mit der Kinderbetreuung konnte in fast allen Fällen gelöst werden. „Unsere Mitarbeiterinnen können sich noch mit den Partnern abstimmen. Aber das geht nur, solange der Urlaub reicht“, so Steffi Dubnitzky.

Desinfektionsspender sind in Seniorenheimen seit Jahren eingeführt, sagt Heimleiter Hubert Forster. Doch so viel wie in Zeiten von Corona wurde noch nie gebraucht.

Verunsicherung unter den Pflegekräften wächst

Im Adalbert Stifter Seniorenwohnen fällt „eine Handvoll“ der rund 180 Mitarbeiterinnen bereits aus. Sie sind in Quarantäne, weil sie mit Verdachtsfällen Kontakt hatten. Gefahrenquellen gibt es immer. „Ärzte, die später in Quarantäne mussten, waren bei uns im Haus.“ Eine Mitarbeiterin, die nicht in der Pflege, aber in der Seniorenbetreuung tätig ist, weise Symptome auf. Bislang sei sie nicht getestet worden, so Forster, „obwohl es doch heißt, dass das Pflegepersonal schnell getestet wird.“

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„Das sorgt natürlich für Verunsicherung.“ Und die wächst nach Einschätzung der Heimleiter bei den Pflegekräften von Tag zu Tag. Die Mitarbeiterinnen wissen, wie schlecht es um die Versorgung mit Schutzausrüstung bestellt ist. Steffi Dubnitzky: „Sie haben keine Angst um sich, aber um ihre Angehörigen, manche mit Vorerkrankungen, die sie nicht anstecken wollen.“

Seit Wochen wird an Pandemie-Plänen gearbeitet

Organisatorisch haben sich die Heime aufgestellt für den Fall, dass es eine Infektion bei Personal oder Bewohnern gibt. Seit Wochen wird an Pandemie-Plänen gearbeitet. Mitarbeiter kommen in diesem Fall in häusliche Quarantäne, Bewohner werden in einem vorbereiteten Bereich isoliert, heißt es etwa von der Vitalis GmbH. „Unsere drei Gebäude werden dann voneinander abgeschottet“, so Hubert Forster.

Kaum Atemschutzmasken, keine Vollkörperschutzanzüge

Die Leiterin des AWO-Seniorenzentrums malt für den Fall einer oder gar mehrerer bestätigter Infektionen dennoch ein düsteres Szenario an die Wand: „Die erste Ressource, die uns dann ausgeht, sind die Materialien, Mundschutz, Desinfektionsmittel, Ganzkörperkittel. Die zweite Ressource, die wegbrechen wird, sind die Mitarbeiter, die in Quarantäne oder krank sind.“ Bei der Ausrüstung fehle es nahezu an allem, so Dubnitzky. Desinfektionsmittel reiche noch bis nächste Woche. „Wir nutzen alle Möglichkeiten und Quellen, um an Ausrüstung zu kommen.“ FFP2- und FFP3-Atemschutzmasken seien bestellt. „Keiner kann sagen, wann sie kommen.“ 50 bis 60 Schutzkittel seien noch vorhanden. Ganzkörperschutzanzüge „haben wir gar nicht“.

Preise für Schutzausrüstung sind explodiert

Seit einer Woche wartet Hubert Forster auf FFP 2-Masken. „600 Stück kosten 7000 Euro.“ Mitarbeiter haben nach seinen Worten damit begonnen, einen einfachen Mundschutz selbst herzustellen. „Das ist besser als nix.“ Vollschutzanzüge? Auch im Adalbert Stifter Seniorenwohnen Fehlanzeige. „Die kriegen wir auch nicht mehr auf dem Markt.“

Etwas günstiger stellt sich die Versorgungslage laut Pressesprecher Rössler im Seniorenzentrum St. Mechthild dar. Die Gesellschaft habe die Lagerbestände frühzeitig erhöht. Der zentrale Einkauf sei im Kontakt mit Vertragslieferanten, um den Nachschub zu gewährleisten. Rössler äußert allerdings nicht dazu, wie voll die Lager sind und wie lange die Ausrüstung reicht. Auch er spricht von einer „großen Herausforderung“.

Die ganze Welt ringt um Schutzausrüstungen

Von einem „Albtraum“ spricht Robert Geisberger. „Nicht nur der Bayerische Hof sucht Schutzausrüstung, sondern die ganze Welt.“ Er habe im Online-Handel noch Vorräte an Desinfektionsmitteln und einfachem Mundschutz organisieren können. Wie lange sie im Fall X reichen, weiß er nicht. Eins weiß er: Die Kosten für Atemschutzmasken „sind explodiert“. Geisberger: „Wer damit in dieser Situation Geld machen will, gehört eingesperrt.“

Das Gesundheitsamt, das eine Verteilerstelle für Schutzausrüstung einrichtet, habe auch alle Heime nach ihrem Bedarf abgefragt. „Den haben wir gemeldet“, sagt Hubert Forster. Wie viel und wie schnell was zur Verfügung steht, wissen die Heime nicht. Das verunsichert. „Corona kommt, der Rest nicht“, fürchtet Steffi Dubnitzky. „Ich mache niemandem einen Vorwurf. Aber schauen Sie nach Würzburg! Selbst in dieser Extremsituation war nicht ausreichend Ausrüstung vorhanden.“

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