PORTRÄT DER WOCHE

Märchen sind Nahrung für die Seele

Märchenerzählerin als Berufung – Dorothea Hartenstein (hier beim Ferienprogramm in Taufkirchen). hsc
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Märchenerzählerin als Berufung – Dorothea Hartenstein (hier beim Ferienprogramm in Taufkirchen). hsc

Dorothea Viehmann hat den Brüdern Grimm viele Geschichten erzählt, die dann Eingang in „Grimms Märchen“ gefunden haben. Vielleicht war der gemeinsame Vorname für Dorothea Hartenstein Motivation, sich in das gleiche Metier zu begeben und Märchenerzählerin zu werden.

Taufkirchen – Die 68-Jährige erzählt seit 20 Jahren Märchen aus aller Herren Länder und hat rund 80 bis 90 Märchen in ihrem Repertoire. Dabei legt sie Wert darauf, dass sie die Märchen nicht erzählt, um zu unterhalten, sondern um großen und kleinen Zuhörern über Gefühle, Emotionen und Symbole einen kleinen Einblick in ihr Seelenleben zu geben.

„Kinder verstehen das intuitiv und identifizieren sich immer mit dem Guten“, weiß Dorothea Hartenstein aus Erfahrung. Deshalb machen sie auch übervorsichtige Eltern, die in Märchen nur grausame Erzählungen sehen und ihre Kinder vor allen Gefahren schützen wollen, ziemlich ärgerlich: „Die haben überhaupt nicht verstanden, um was es bei Märchen geht.“

Volksmärchen sind wunderbare Geschichten, die in einprägsamen Bildern und Symbolen von ganz grundsätzlichen menschlichen Erfahrungen erzählen, von Ängsten und Träumen, Liebe und Tod, Hass und Freundschaft, Wünschen und Sehnsüchten. Von der Auseinandersetzung mit Märchen und ihren Bildern können Impulse zur Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Lebensfragen ausgehen, weiß sie.

So geht es beispielsweise bei dem vergifteten Apfel, in den das Schneewittchen beißt, nicht um den Apfel an sich, sondern um den Neid, der die Gesellschaft vergiftet.

Isegrim, der Wolf symbolisiert nicht das Tier an sich, sondern das Böse; die Hexe steht für die Versuchung. „Märchen stehen für Gefühle“, fasst es Hartenstein zusammen.

Sie ist Mitglied des Vereins „Europäische Märchengesellschaft“ und hat sich sehr intensiv mit Märchen auseinandergesetzt. In dieser Gesellschaft findet auch eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Märchen aus Sicht verschiedener Fachrichtungen statt, Erkenntnisse aus der Philologie, aus Volkskunde, Theologie, Philosophie, Psychologie, Pädagogik und anderen Geistes- und Sozialwissenschaften werden mit einbezogen. Sie kennt mittlerweile Märchen aus aller Welt und kann Übereinstimmungen und deutliche Unterschiede ausmachen. So ist etwa das Aschenputtel-Motiv international. Afrikanische Märchen thematisieren häufig die Liebe oder Tiergeschichten, während Märchen aus Indien oder Malaysia in ihren Augen „komisch sind“.

Nach einem Vortrag über Märchen, war sie „so fasziniert von der Rednerin“, dass sie Mitglied bei der Märchengesellschaft wurde und sich intensiv mit dem Genre auseinandersetzte. Sie besuchte Vorträge, die die Hintergründe von Märchen, deren Geschichte und Interpretationen aufzeigten, las und liest Märchenbücher aus der ganzen Welt und hört anderen Märchenerzählern zu.

Sie war bei Seminaren, um die Symbolsprache der Märchen zu entschlüsseln. „Wenn ich etwas nicht verstehe, dann kann ich es auch nicht authentisch wiedergeben.“ Dabei habe sie „viel über mich und die Menschen und ihr Innenleben gelernt“.

Sie spricht akzentuiert und klar, untermalt ihre Worte mit kleinen Gesten, die aber nicht aufdringlich wirken. So können sich Zuhörer ganz auf ihre Stimme konzentrieren. Und hängen sprichwörtlich an ihren Lippen.

Das war gerade wieder beim Ferienprogramm der Gemeinde zu erleben, als rund 25 Kinder mucksmäuschenstill der Geschichte vom Indianerjungen Ajutra zuhörten und es anschließend nachspielten. Dorothea Hartenstein saß, stilecht gekleidet mit einem Indianerkleid, das sie einmal bei einem Urlaub in Mexiko-City gekauft hatte, in der Mehrzweckhalle und ließ vor dem geistigen Auge der Kinder Ajutras Kampf gegen den Wolkenfresser entstehen. „Ich bin dabei die Indianer-Großmutter, die mit den Kindern im Tipi sitzt und ihnen die Geschichte erzählt“, sagt sie mit einem Lächeln.

Sie besucht auch die Grundschüler in Aschau, erzählt erst ein Märchen und lässt die Kinder anschließend malen, was sie dabei empfunden haben. „Das gehört zur Verarbeitung dazu. Es ist oftmals unglaublich, wie Kinder ihre Gefühle malen“. Sie muss aber auch feststellen, dass „man merkt, dass die Fantasie der heutigen Kinder etwas eintrocknet“. Sie führt das durchaus auf die ständige Berieselung der Kinder mit allen möglichen Reizüberflutungen zurück.

Bereits 14-mal hat Dorothea Hartenstein Märchenabende organisiert. Dabei erzählt sie unterschiedliche Märchen, die Harfenistin Annelies Brandstätter-Arnold spielt dazu passende Musik und die Zuhörer können anschließend über die Märchen sprechen. Rund 50 erwachsene Zuhörer kommen hier regelmäßig.

„Sie genießen das einfach nur Zuhören in vollen Zügen. Das ist Nahrung für ihre Seele“, beschreibt Dorothea Hartenstein. Einmal habe eine Frau beim Zuhören urplötzlich Parallelen zu ihrer eigenen Familie herausgehört, erinnert sie sich.

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