Lisa sagt: "Ich bin besonders"

"Große Liebe" - die trägt Lisa in sich. Die 28-Jährige hat das "Down Syndrom" und ist ein glücklicher Mensch, also von wegen "down".
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"Große Liebe" - die trägt Lisa in sich. Die 28-Jährige hat das "Down Syndrom" und ist ein glücklicher Mensch, also von wegen "down".

Die Lisa kennt in Kraiburg jeder. Nicht nur, weil sie wohl der größte FC Bayern Fan am Ort ist und jedes Mitglied der Narrengilde persönlich kennt.

Die junge Frau düst mit ihrem Roller zur Arbeit, liebt es Kosmetik einzukaufen, ist kreativ und musikalisch. Sie malt gerne Herzen und kann sich unbandig freuen. Lisa Mandl hat das Down Syndrom und meistert ihr Leben - mit ein bisserl Hilfe - selbst.

Kraiburg - "Ich bin jetzt 28 - und das bleib' ich auch", lacht Lisa. Künftig wird sie mit dem Alter ein bisschen mogeln und einfach "28 plus x" sagen. Wie Frauen das gern mal so machen.

In ihrer kleinen Einliegerwohnung im Elternhaus hat sie fürs Frühstück gedeckt. Sie schaut auf die Uhr. Bald muss sie los. Die Pflicht ruft. Lisa arbeitet an der Grundschule in der Mittagsbetreuung und schmeißt immer mit einer anderen Kollegin den Haushalt. "Die sind sehr nett und mein Chef ist angenehm." Das ist jetzt der Bürgermeister Heiml, erklärt sie.

Damit ihre Tochter die ausgeschriebene Stelle am ersten Arbeitsmarkt bekommen konnte, mussten die Mandls einen nervenaufreibenden Papierkrieg auf sich nehmen. Rückendeckung gab es aus der Kommunalpolitik und der Grundschule. Und Lisa bekam ihre Chance. "Sechs Jahre arbeite ich schon da und es ist schön, dass ich mein eigenes Geld habe. Ich gehe gerne einkaufen, zum Beispiel Cremes", erzählt sie in ihrer schnuckeligen Küche und bringt einen Tiegel zum Testen. "Wie findest du die?", fragt sie.

Selbstbewusst hat sich die Tochter des Malers für die Wände Akzente in Rot- und Beerentönen ausgesucht. Lisas Lieblingsfarben. Rot - wie der FC Bayern. Ihr Club, der sie und die anderen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen von der Selbsthilfegruppe "Von Wegen Down" in die Allianz Arena zum Integrationsspieltag der Bundesliga eingeladen hatte (wir berichteten).

Der FC Bayern hat die Gruppe liebevoll empfangen und den berührenden Videoclip "Dear Future Mom" gezeigt. Darin wird die Sorge einer werdenden Mutter, wie ihr ungeborenes Kind mit der Diagnose Trisomie 21 leben soll, aufgegriffen und von 15 kleinen Experten, die selbst das Syndrom haben, beantwortet. Ein Video, das Mut macht, denn es zeigt, wie glücklich die Protagonisten sein können.

Lisa steht auf Kriegsfuß mit

dem Syndrom

Lisa hätte auch gut in den Clip gepasst. Sie ging zur Schule in Au, hat einen Mofa-Führerschein und arbeitet mit ein bisschen Unterstützung eigenverantwortlich. Über den Bezirk Oberbayern bekommt die 28-Jährige ein "persönliches Budget" zur "Eingliederungshilfe".

Mit dem Geld wird eine Heilpädagogin bezahlt, die mehrmals wöchentlich ins Haus kommt, Förderziele erstellt und den Entwicklungsbedarf abklopft. Jedes Jahr wird fest gestellt, was Lisa erreicht hat. Das Ziel ist es, dass sie ihren Haushalt selbstständig führen kann, oder dass sie auf einen Termin bei der Frauenärztin vorbereitet wird, zu dem idealerweise nicht die Mama mitkommt. Vieles ist ein Prozess.

Lisa hat ihr eigenes kleines Reich, genießt aber auch die Nähe und Liebe zu ihren Eltern und Brüdern. Aufgeweckt und herzlich wie sie ist, ist sie überall beliebt und hat auch viele Freunde, die nicht behindert sind. Sensibel und gefühlsbetont - beschreibt die Mutter Elke Mandl ihre Tochter.

"Ich bin nicht behindert, ich bin besonders" - dieser Satz stammt von ihr. Die Auswirkungen, die die Chromosomenstörung mit sich bringt, sind bei allen Betroffenen ganz unterschiedlich. Die 28-Jährige hat mit keiner zusätzlichen Beeinträchtigung zu tun, wie viele andere. Dennoch steht sie auf Kriegsfuß mit dem Syndrom - was etwas Untypisches ist.

"Ich hasse es", seufzt sie. Denn das Syndrom war schuld, dass sie einiges nicht machen konnte, was sie sich so sehr wünschte: in die Grundschule gehen, ein Gardemädchen sein oder etwa mit dem Auto fahren. Und, dass sie in eine Schublade gesteckt wurde. Ein bisschen ausgesöhnt hat sie sich mit ihrer Situation Dank FC Bayern nun doch wieder. Denn die Spieler abklatschen und mit ihnen auf den Rasen der Allianz Arena einlaufen, war nur exklusiv den Mitgliedern der Selbsthilfegruppe vorbehalten.

Lisa durfte mit Rafinha einlaufen. "Der war sehr lieb", erzählt sie mit leuchtenden Augen. Wie auch Arjen Robben, der es schaffte, sich auf die Kinder und Jugendlichen mit den unterschiedlichen Beeinträchtigungen und Behinderungen einzustellen. Dem FC Bayern, wie auch der Gruppe, war es wichtig zu vermitteln, dass es sich bei der Chromosomen-Anomalie nicht um eine Krankheit handelt und die Betroffenen nicht leiden. "Down-Kinder sind glücklich. Eine ihrer Besonderheiten ist, Liebe zu verschenken. Sie haben die Gabe, sich übermäßig freuen zu können", weiß Mama Elke.

Lisa hat gar nicht mehr aufgehört zu hüpfen, als der FC Bayern Fanbus kam, um alle abzuholen. Vorfreude ist etwas sehr Großes für sie. Den Tag in der Arena empfand sie als pures Glück. "Ich war schon mal dort. Mir kann es gar nicht laut genug sein, wenn alle anfeuern", sagt Lisa. Aber dieses Mal galt der Lärm, den die 75000 Menschen machten, den kleinen Botschaftern zum Welt-Down-Syndrom-Tag.

Das "Gänsehautfeeling" und den liebevollen Empfang durften auch die Eltern der Selbsthilfegruppe miterleben. "Sowas ist wichtig, denn die Väter und Mütter müssen vieles aushalten, ständig kämpfen, um für ihre Kinder die besten Fördermöglichkeiten zu finden", erklärt Elke Mandl. Sie weiß das aus Erfahrung. Als Lisa geboren wurde, war sie eine junge Frau, keine sogenannte Spätgebärende mit erhöhtem Risiko für diese Diagnose. Eine "Laune der Natur" - so bezeichnet sie die fehlerhafte Zellteilung, als ihr Kind entstand.

Als Erzieherin hatte sie erste Erfahrungen mit Behindertenarbeit gesammelt und darauf gesetzt, ihre Tochter so normal wie möglich aufwachsen zu lassen. Lisa konnte ohne behördliche Hürden den Kindergarten im Ort besuchen, nahm am Kinderturnen teil und profitierte von der Normalität um sie herum. Sie besuchte zwar die Schule in Au, hatte aber stets Kontakt zu Kindern in Regelschulen. Und ist heute mit Gleichaltrigen befreundet, die in Passau oder München studieren.

Förderungen für integrative Maßnahmen, die es heutzutage gibt, sind der beste Ansatz, ist Elke Mandl überzeugt. Würde man diese Kinder in speziellen Einrichtungen absondern, hätten sie weniger Möglichkeiten am echten Leben teilzunehmen.

Liebesfilme mit Til Schweiger gucken

und dem FC Bayern die Daumen drücken

Zeremonien sind wichtig für sie. Darum liebt sie geregelte Abläufe. Wie Bälle im Fasching. Besonders die Inthronisation des Prinzenpaares ist ein Höhepunkt in Lisas Kalender. Und der ist ziemlich voll gepackt. Denn die Kraiburgerin hat neben ihrem Job immer viel zu tun: Discofox tanzen in einer Behinderteneinrichtung in Neuötting, Step Aerobic und Training im Fitness-Studio, Malen, Häkeln, Liebesfilme mit Til Schweiger gucken, dem FC Bayern die Daumen halten. Oder Flöte und Klavier spielen. So gut es geht. "Ich studier Noten", sagt die musikalische kleine Frau, der der Rhythmus und der Klang der Töne wichtiger sind, als langweilige Genauigkeit.

Langeweile - dafür hat sie keine Zeit. Nach einem Kalenderprojekt in der Vergangenheit, das ihr sehr viel Arbeit, aber auch Spaß gemacht hat, häkelt Lisa gerade eine große Decke in den Deutschlandfarben, die soll bis zur nächsten Fußball EM fertig sein. Oder zur WM.

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