Wenn Lebensmittel Schmerzen verursachen: Waldkraiburgerin lebt mit Zölliakie

Sabrina und Martina Haselwarter (rechts) mit einem Arm voller glutenfreier Lebensmittel.
+
Sabrina und Martina Haselwarter (rechts) mit einem Arm voller glutenfreier Lebensmittel.

Ein knuspriges Wiener Schnitzel ist ihre absolute Leibspeise. Doch hier geht es um ein Schnitzel mit einer besonderen Note. Das Paniermehl sowie die Brösel für die Panade sind nämlich glutenfrei. Und das ist sehr wichtig für Sabrina Haselwarter, die seit ihrer Kindheit an Zöliakie leidet.

Waldkraiburg – Bis zu dieser Diagnose war es jedoch ein weiter Weg. Wie Mutter Martina Arnusch-Haselwarter erzählt, klagte ihre Tochter bereits im Alter von vier Jahren immer wieder über Bauchweh und Gelenkschmerzen. „Anfangs vermuteten die Ärzte, es läge am Wachstum. Später wurde Rheuma als mögliche Ursache der Schmerzen genannt“, erinnert sich Sabrinas Mutter. Weil das Mädchen aber trotz guten Appetits auffallend schlank blieb, suchten die besorgten Eltern eine Klinik in Landshut auf. Die dortigen Ärzte stellten fest: Sabrina leidet an Zöliakie.

Zuvor noch nie davon gehört

Martina Arnusch-Haselwarter gesteht: „Im ersten Moment wusste ich mit dieser Diagnose überhaupt nichts anzufangen. Ich hatte davon noch nie gehört.“ Verzweiflung brach bei Sabrinas Mutter aus, denn Zöliakie ist nach dem jetzigen Stand der Wissenschaft nicht heilbar. Nur eine lebenslange glutenfreie Diät würde die Autoimmunerkrankung in Schach halten.

Lesen Sie auch:

Brauer setzen auf glutenfreies Bier

Prien: Glutenfrei essen im Restaurant

Wenn Kinder Lebensmittel nicht vertragen

Das Klebereiweiß Gluten steckt in vielen Getreidesorten, also auch in Brot, Semmeln, Pizzen, Nudeln, Kuchen sowie nicht auf Anhieb erkennbar, in zahlreichen anderen Lebensmitteln. Zöliakie ist eine schwere Form der Glutenunverträglichkeit. Sie führt zu heftigen Verdauungsproblemen. Bei Sabrina zerstörte die Krankheit sogar die Darmzotten, die für die Nährstoffaufnahme zuständig sind.

Wie die Eltern auf die Diagnose reagierten

Sabrinas Eltern handelten nach der Diagnose sofort. Hilfe in der ersten Stunde leistete neben den Ärzten auch ein Bekannter der Familie, dessen Kollege ebenfalls mit Zöliakie belastet ist. „Unser Spezl hielt Rücksprache mit seinem Kollegen und rückte kurze Zeit später mit einer ganzen Schachtel glutenfreier Lebensmittel bei uns an“, sagt Martina Arnusch-Haselwarter. Sie ist diesem Bekannten für das „Starterpaket“ heute noch dankbar. Zöliakie bedeutet, strikte Diät zu halten und die Ernährung völlig umzustellen.

Langsam machten sich die Haselwarters mit der Krankheit vertraut. Sabrinas Mutter meint mittlerweile, schön sei die Sache selbstverständlich nicht, doch man könne damit leben und es gäbe schlimmere Diagnosen. Die angepasste Ernährung zeigte bei Sabrina bald Erfolge. Sogar ihr Darm regenerierte sich wieder.

Der Kampf mit der Speisekarte

Ihre Tochter hätte bei Tisch eigentlich nie großartige Zicken gemacht und alles gegessen was man ihr vorsetzte, lobt Mutter Martina ihr Kind. Doch Sabrina gibt zu, dass es für sie als Jugendliche mitunter schon blöd ist bei Einladungen, Ausflügen oder im Urlaub immer mit eigener Verpflegung anzurücken. Restaurantbesuche laufen ebenfalls nach strengen Kriterien ab. Akribisch werden Speisekarten durchforstet. Es stellen sich stets die gleichen Fragen: Wo könnte Gluten enthalten sein oder welche Menüs kann Sabrina bedenkenlos essen? „Soßen sind oft ein Problem, weil sie meistens angedickt werden“, weiß Mutter Martina.

Was auf den Teller der Schülerin immer drauf kann, sind Reis, Kartoffeln, Salat und Gemüse. Eine hiesige Pizzeria, in der Familie Haselwarter häufigzu Gast ist, gewährt Sabrina seit Längerem einen Sonderstatus. Die 14-Jährige darf dort ihren glutenfreien Pizzateig mitbringen, der dann nur noch belegt werden muss.

Glutenfreie Spezialnahrung

Glutenfreie Spezialnahrung, die es im Internet genauso gibt wie in Supermärkten oder Drogerien geht ordentlich ins Geld. Da kosten zwei Brezen schnell mal drei Euro. In der Küche der Haselwarters steht ein eigener Ofen, in dem Sabrinas Speisen aufgebacken oder einfach nur warm gemacht werden. Die Herausforderungen eines glutenfreien Alltags bewältigt die Familie nun schon seit zehn Jahren. Für Sabrina ist ihre Sonderstellung zur Normalität geworden. Auch die jährlich notwendige Biopsie an einer Münchner Klinik lässt die Schülerin ohne großes Murren über sich ergehen.

Einen Wunsch äußert die 14-Jährige jedoch schon: „Ich hoffe, die Medizin kommt mit ihren Forschungen voran und stellt für Zöliakie-Patienten eines Tages eine spezielle Tablette her, die wir vor dem Essen schlucken und damit ist die Sache gut. Bei Menschen mit Laktoseintoleranz klappt diese Methode ja auch.“

Was ist Zöliakie?

Dr. Thomas Miebs, Chefarzt Innere Medizin, Gastroenterologie und Ernährungsmedizin am Innklinikum Mühldorf, gibt eine Zusammenfassung zur Zöliakie-Erkrankung. In Deutschland ist eine Häufigkeit von 1:500 gegeben, es sind mehr Frauen als Männer von Zöliakie betroffen. Meist tritt die Erkrankung bereits im Säuglingsalter auf oder im vierten Lebensjahrzehnt. Zöliakie meint die Unverträglichkeit von Gliadin (im Gluten, Klebereiweiß aus Getreide)

Klassische Symptome sind Durchfälle Gewichtsverlust, Gedeihstörungen. Symptomfreie Verläufe sind möglich. Daraus folgt häufig ein Eisenmangel meist mit Blutarmut und eine mögliche Laktoseintoleranz (sekundärer Laktasemangel). Die einzige Möglichkeit, Zöliakie zu behandeln, ist eine lebenslange glutenfreie Kost. Das bedeutet den Verzicht auf Getreide. Hafer wird häufig in kleineren Mengen vertragen. Anlaufstellen zur Beratung ist die Deutsche Zöliakie Gesellschaft (www.dzg-online.de), Deutsche Gesellschaft für Ernährung (www.dge.de) und die Ernährungsberatung der Krankenkassen.

Austausch unter Eltern

Martina Arnusch-Haselwarter bietet unter Telefon 0 86 38/8 53 53 Eltern gerne Unterstützung an, die erst frisch mit dem Thema Zöliakie bei ihrem Kind konfrontiert wurden. Eine entsprechende Selbsthilfegruppe gibt es im Landkreis Mühldorf nicht.

Kommentare