BIOGRAPHISCHES SCHREIBEN

„Das Leben ist wie eine Truhe“

Biographisches Schreiben hat„selbsttherapeutischen Effekt“ sagt Maria Stefani aus Waldkraiburg. Die 76-Jährige ist schon seit ein paar Jahren im Kurs von Inge Finauer vom Kreisbildungswerk. Durch das Schreiben räume man auf, sagt sie, im Guten wie im Schlechten. Kreisbildungswerk
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Biographisches Schreiben hat„selbsttherapeutischen Effekt“ sagt Maria Stefani aus Waldkraiburg. Die 76-Jährige ist schon seit ein paar Jahren im Kurs von Inge Finauer vom Kreisbildungswerk. Durch das Schreiben räume man auf, sagt sie, im Guten wie im Schlechten. Kreisbildungswerk

Manche Gedanken und Erinnerungen muss man einfach aufschreiben. Um klarer zu sehen, um sie festzuhalten oder um damit abschließen zu können. In der Biographischen Schreibgruppe von Inge Finauer führen die Teilnehmer etwa diese Gründe für ihre Motivation an. Manche wollen Geschichten, traurige und auch schöne, für Kinder und Enkelkinder festhalten. Bei einer Lesung am Samstag im Haus des Buches bekommen Interessierte daraus zu hören.

Waldkraiburg – Wer etwas aufschreiben will oder muss, weil es ihn beschäftigt oder gar plagt, sollte das auch tun. Manchmal ist es hilfreich, sich Gedanken oder Erinnerungen von der Seele zu schreiben. Maria Stefani spricht von einem selbsttherapeutischen Effekt. Die 76-jährige Waldkraiburgerin drückt sich über das „Biographische Schreiben“ aus. „Das Leben ist wie eine Truhe mit vielen Fächern und Schachteln drin. Je älter man wird, umso tiefer ist die Truhe“, erklärt die gebürtige Siebenbürgerin. Durch Impulse von Biographietrainerin Inge Finauer aus Polling, Seniorenbildungsreferentin des Kreisbildungswerks, steht Stefani manchmal plötzlich vor Themen, an denen sie gar nicht rühren wollte.

Im Vordergrund ist für die meisten die Freude am Schreiben. Und aus der Gruppe wird mit der Zeit eine eingeschworene Gemeinschaft. „Man freut sich auf die anderen“, sagt Stefani.

In den fünfteiligen Seminaren – die auch in Mühldorf, Flossing und Niederbergkirchen stattfinden – sitzen die Teilnehmer im Stuhlkreis um eine liebevoll dekorierte Themenmitte. Durch Brainstorming und Gespräche, werden Ideen angestoßen. Jeder schreibt seine auf. Impulse gibt es auch in gemeinsamen Spaziergängen oder durch Herumsitzen in einer Bahnhofshalle als Gruppe.

Maria Stefani war ein Kriegskind, viel erzählen will und kann sie ihrer Familie nicht, sie will niemanden belasten. Durch eine Schnupperstunde bei Finauer löste sich etwas in ihr. Das Aufschreiben ihrer eigenen Geschichte, des Erlebten, hat ihr gefallen und geholfen. Sie blieb dabei und „kam an so manche Schachtel schon ran“, ergänzt Finauer. Wenn sie bei den Teilnehmern ein Trauma entdecke, rate sie, entsprechend therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Manchem hilft es schon, sich Erlebtes von der Seele zu schreiben. Wie Renate Scheingraber. Die Ampfingerin pflegte ihre Eltern bis zum Tod. Der duldsame Papa bekam es manchmal ab, wenn sie die Nerven verlor. Damit hadert sie und könnte weinen, wenn sie daran denkt, auch wenn es noch so menschlich ist, in so einer belastenden Situation auch mal grantig zu sein. „Das ist im Moment mein Thema“, sagt die quirlige 66-jährige Frau. Es ist inzwischen ihr zweiter Kurs bei Finauer und ihre Geschichten drehen sich auch um Erzählungen ihrer Eltern, die aus Tschechien stammten.

Ingeborg Herzog ist seit fünf Jahren in der Schreibgruppe. Geschrieben hat sie schon immer gern. „Früher hab ich mir durch Aufsätze Pluspunkte gesammelt“ , berichtet die 80-jährige Waldkraiburgerin. Durch eine Aktion unter dem Motto „Als ich 14 war“ – hier schrieben die älteren Herrschaften der Gruppe ihre Erinnerungen auf, genauso wie Schüler aus Töging – wird Herzog demnächst als Zeitzeugin von den Schülern interviewt. Sie war ein Kind, als Krieg herrschte und ihre Familie versuchte, vom Sudetenland in den Westen zu fliehen. Dass sie erzählen soll, ist ihr nicht ganz geheuer, ihre fehlen dann die Worte, fürchtet sie. Beim Schreiben hat sie das Problem nicht. Durch die Anleitung von Inge Finauer könne sie Dinge einfach besser zu Papier bringen. Und in der Gruppe, die derzeit in Waldkraiburg aus sieben Teilnehmern besteht und sich im Pfarrheim Maria Schutz trifft, wird das Verfasste vorgelesen, gemeinsam redigiert, gestrichen und am sprachlichen Stil gefeilt – wie in einer kleinen Redaktionskonferenz.

Kursleiterin Finauer hat in ihrer 17-jährigen Tätigkeit auf dem Gebiet so viele berührende, lustige und einfach nur schöne Geschichten gesammelt. Aus den besten soll ein Buch werden. „Das sind noch ungelegte Eier“, lacht sie. Erst einmal steht die erste Lesung der Waldkraiburger Gruppe an. Am Samstag, 3. Dezember, um 14.30 Uhr werden im Haus des Buches ausgewählte kurze Geschichten vorgetragen. Sie haben alle mit Weihnachten zu tun und sind auch für Kinder geeignet.

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