3 Monate nach dem Brandanschlag von Waldkraiburg - So geht es den Bewohnern

Mitarbeiter einer Spezialreinigungsfirma hatten Wochen lang im Haus zu tun. Erst jetzt können die Handwerker ihre Arbeit aufnehmen.
  • Hans Grundner
    vonHans Grundner
    schließen

Zuerst war von einigen Wochen die Rede, dann von Monaten. Und jetzt müssen Hausbewohner und Nutzer der Büros und Praxen bangen, dass sie in diesem Jahr überhaupt noch zurückkehren können in das Brandhaus am Stadtplatz 16, das im April durch einen Anschlag traurige Berühmtheit erlangte. Weit über Waldkraiburg hinaus.

Waldkraiburg– Bis Wohn- und Gewerberäume saniert sind, wird es noch lange dauern. So viel ist klar. Und deshalb liegen bei vielen Eigentümern, Bewohnern und Gewerbetreibenden die Nerven blank.

Baustellenbegehung im Müllermarkt. Einige Herren in Anzügen beraten über Renovierungsmaßnahmen, die den Laden nach den schweren Schäden der Brandnacht wieder auf Vordermann bringen sollen. Die Eröffnung sei eine Frage von wenigen Wochen, sagt einer, der einen großen Plan in Händen hält.

30 Menschen haben ihr Zuhause verloren

Dass sie in einigen Wochen wieder einziehen, davon können andere Eigentümer und Mieter im Wohn- und Geschäftshaus an der Waldkraiburger Fußgängerzone nur träumen. 30 Menschen haben mit dem verheerenden Brand vorübergehend ihr Zuhause verloren. 

Menschen wie Amila K. (Name v. d. Red. geändert), die mit der vierköpfigen Familie in einer 4-Zimmer-Eigentumswohnung am Stadtplatz 16 lebte. „Ich habe den Krieg in Bosnien mitgemacht“, sagt sie. Die Frau ist nicht zum ersten Mal in einer Ausnahmesituation. Doch der Anschlag und die Folgen fordern auch sie. 17 Tage hat die Familie im Hotel gewohnt, dann zogen sie in eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Waldkraiburg um.

Keiner weiß, wie‘s weitergeht

Bislang ist die Brandversicherung dafür aufgekommen, jetzt – nach 100 Tagen – ändert sich das. „Wir haben Glück, die Wohnung ist möbliert.“ Andere müssen nicht nur Miete aufbringen, sondern irgendwie Möbel beschaffen.

Und keiner weiß, wie lange es noch dauert, bis eine Rückkehr wieder möglich wird. „Ich habe keine Ahnung, ich blick‘s nicht mehr“, sagt Amila K.

Birol Bostan geht es genauso. Seiner Familie gehören zwei Wohnungen in dem Haus. Seine Mutter will wieder zurück, Bostan nicht. Er hat abgeschlossen mit dem Thema, „auch wegen dem Terroranschlag“. Mit seiner Familie lebt er in einer Wohnung mit Garten. Sie haben es nicht schlecht getroffen. Doch Umzüge kosten Geld. Und vor allem: „Wir hängen voll in der Luft.“

„Wir hängen voll in der Luft“, sagt Birol Bostan. Er will nicht mehr zurück.

Große Unsicherheit bei Gewerbenutzern

Dieses Gefühl der Unsicherheit treibt auch die gewerblichen Nutzer um. Steuerberaterin Andrea Mooshammer, die zwei Monate lang keine Mandanten mehr in der Waldkraiburger Kanzlei empfangen konnte und zum Glück auch Räume in Mühldorf hat, hat vor einigen Wochen wieder ein Waldkraiburger Büro in einer ehemaligen Arztpraxis einrichten können. Zahnärztin Gabriela Gutowski kann mit ihrer Praxis nicht so einfach umziehen. Seit Ende April steht die still. Und keine Perspektive für eine Neueröffnung. Auch eine Kosmetikerin und ein Buchhaltungsbüro sind betroffen. Und natürlich die Geschäfte im Erdgeschoss.

Als alles eingerichtet war, kam der Brandstifter

Der türkische Gemüseladen, dem der Angriff des selbst ernannten Islamisten Muharrem D. galt, verkauft seine Waren jetzt aus einem Container in der Berliner Straße, den eine Ampfinger Firma gestiftet hat. Gerlinde Roth will ihren Handarbeits- und Kurzwarenladen nicht mehr selbst eröffnen, sondern vermieten oder verkaufen. Auch sie zweifelt langsam, ob und wie es weiter geht. Ihr türkischstämmiger Nachbar stand mit seinem Imbiss kurz vor der Eröffnung, als der Attentäter zuschlug. Die neue Einrichtung, die er eingebaut hatte, ist mittlerweile wieder herausgerissen und geräumt.

Zwischen Hoffnung und Zweifel, dass es mit der Renovierung bald vorangeht: Gerlinde Roth, unmittelbar nach dem Anschlag vor ihrem Kurzwaren- und Textiliengeschäft Juppe, das sie ncht mehr selbst weiter betreiben will. Archiv/Grundner/Fib/Ess

Keine Gefahr für Gesundheit

Gereinigt und geräumt sind mittlerweile Geschäfte, Büros und Wohnungen, bezugsfertig noch lange nicht. Warum dauert das so lange? Hausverwalter Jürgen Abrahamfi ist in Urlaub und nicht zu erreichen. Der Sachverständige, den die Versicherung eingesetzt hat, ebenso wenig.

Einige Gründe für die Verzögerungen sind bekannt: Erst nachdem die Polizei ihre aufwendigen Ermittlungen eingestellt hatte, konnten Arbeiten beginnen. Gutachten mussten in Auftrag gegeben und erstellt werden. Seit Wochen steht fest: Eine bleibende Gesundheitsgefährdung geht von den Russpartikeln, die sich in allen Winkeln und Ritzen festgesetzt haben, nicht aus. Statik und Brandschutz können so weit ertüchtigt werden, dass das Gebäude wieder genutzt und bewohnt werden kann.

Das Haus muss nachgerüstet werden

Doch das macht Arbeit und braucht Zeit. So wie die Wasserversorgung, die Elektroinstallationen, die Heizung, die neu gemacht oder nachgerüstet werden müssen. Bei einem Haus, das 1973 erbaut wurde, tauchen nach einem solch einschneidenden Schadensereignis auch andere Defizite auf.

„Wie ein angeschossenes Tier“

Die Versicherung habe einen Bauleiter eingesetzt, der die Arbeiten koordiniert, berichten Teilnehmer einer Hausversammlung. Ein Schritt nach vorne, nicht für alle wirklich beruhigend. „Das Haus wirkt wie ein angeschossenes Tier. Es ist dreckig, es stinkt“, sagt Gerlinde Roth, die so sehr hofft, dass es mit der Renovierung vorangeht, und dennoch daran zweifelt.

Lesen Sie auch:

Menschen, die viel Erfahrung mit solchen Projekten haben, wundern sich nicht, dass diese Renovierung länger dauert. So einfach sei es nicht, schnell an die richtigen Handwerker zu kommen. Verständlich seien die Sorgen der Mieter und Eigentümer aber allemal, die Unsicherheit, wann sie wieder zurück dürfen, und die offene Frage, was die Versicherung übernimmt. Nicht alles, was jetzt gemacht werden müsse, geht auf Brandschäden zurück. Einige Betroffene haben sich einen Anwalt genomen, um ihre Interessen zu vertreten.

Stadt unterstützt Nach Brandanschlag: Stadt Waldkraiburg schlägt zwei Bürger für Rettungsmedaille vor Geschädigte

Die Stadt ist eingesprungen, übernimmt Verantwortung, jetzt da die Versicherung nicht mehr für Ersatzunterkünfte aufkommt. Ein Treffen mit Opferschutz und Beratungsstellen wurde organisiert, um Entschädigungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Und über die Stadtbau GmbH wurden gegen Kaution und Mietzahlung Wohnungen zur Verfügung gestellt, damit alle ein Dach über dem Kopf haben. Drei Wohnungen seien vorübergehend an Betroffene des Brandes vermietet, heißt es auf Anfrage aus dem Rathaus, eine vierte werde eventuell noch hinzukommen. Alle anderen Bewohner hätten andere Wohnungen gemietet oder seien anderweitig untergekommen.

Wird Wiedereinzug Weihnachtsgeschenk?

„Wenn alles gut geht, wird der Wiedereinzug ein Weihnachtsgeschenk“, zitiert Amila K. die Hausverwaltung. Und lacht. 2021 wird es wohl werden.

Doch fast wie ein Weihnachtsgeschenk mitten im Sommer fühlt es sich an, wie sie zu ihrer Übergangswohnung kam, „dank Leuten, von denen ich vorher nie gehört, die ich im Leben noch nie gesehen hatte“. Ähnlich geht es Birol Bostan mit seinen Vermietern, ein älteres Ehepaar, das neben der Miete nur eine ganz geringe Kaution verlangt habe.

Kommentare