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10-JAHRES-FEIER IM OBERMAIHERHOF GRAFENGARS

„Lachen braucht keinen Dolmetscher“, sagen die „Clowns ohne Grenzen“ in Jettenbach

Hula Hoop ist eine Kunst.Wie man mit dem Reifen elegant hantiert und schwingt, zeigte Sonja Ertl (in Rot) den Workshop-Teilnehmern im Obermaierhof in Grafengars. Hier kamen rund 100 Leute zum zehnjährigen Jubiläum von „Clowns ohne Grenzen“ zusammen, um zu lachen, zu jodeln und professionell zu blödeln. Mit ernstem Hintergrund, denn Clowns ohne Grenzen reisen in Krisengebiete, um traumatisierten Kindern Freude zu bringen. kla
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Hula Hoop ist eine Kunst.Wie man mit dem Reifen elegant hantiert und schwingt, zeigte Sonja Ertl (in Rot) den Workshop-Teilnehmern im Obermaierhof in Grafengars. Hier kamen rund 100 Leute zum zehnjährigen Jubiläum von „Clowns ohne Grenzen“ zusammen, um zu lachen, zu jodeln und professionell zu blödeln. Mit ernstem Hintergrund, denn Clowns ohne Grenzen reisen in Krisengebiete, um traumatisierten Kindern Freude zu bringen.
  • Andrea Klemm
    VonAndrea Klemm
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„Bevor ihr kamt, haben die Kinder Krieg gespielt. Jetzt spielen sie Clown.“ Dieses Zitat stammt von einem Flüchtlingshelfer im jordanischen Camp Za‘atari. „Besser kann man unsere Arbeit nicht auf den Punkt bringen“, sagt Alexander Strauß, Vorsitzender von „Clowns ohne Grenzen“, die ihr Zehnjähriges im Obermaierhof in Grafengars mit Workshops begehen.

Jettenbach – Der Obermaierhof ist in diesen Tagen ein sehr fröhlicher Ort. Aus den Fenstern der Seminarräume dringen lautes Lachen, mehrstimmige Jodler und rhythmische Klatschen. Die rund 100 Teilnehmer sind zum zehnjährigen Jubiläum von „Clowns ohne Grenzen Deutschland e.V.“ angereist, drei Viertel davon sind professionelle Clowns.

Einer von ihnen ist Ale xander Strauß, Vorsitzender des bundesweit rund 200 Mitglieder zählenden Vereins, der sich in Krisengebieten dafür stark macht, dass traumatisierte Kinder wieder Freude empfinden können – alles auf ehrenamtlicher Basis.

Weil gerade Stephen Kings Remake von „Es“ mit dem Gruselclown Pennywise in den Kinos läuft, ist das eine gute Gelegenheit, über Coulrophobie (die Angst vor Clowns, Anm. d. Red.) zu sprechen. Auch wenn keiner der Menschen hier – alles Artisten, Künstler, Zauberer, Musiker – auch nur im Entferntesten zum Fürchten aussieht. Im Gegenteil.

Heiko Mielkes Blödelanleitung für die „After-Show“. Aus diesem Raum dröhnte das Gelächter am lautesten nach draußen.

Die Angst vor Clowns begegne ihm selten im Krisengebiet. „Eher, wenn ich als Klinikclown unterwegs bin. Dann haben manche Kinder Angst – aus unterschiedlichen Gründen. Manchmal ist ihnen das Kostüm zu bunt, das reicht dann schon“, so Strauß. Bei den Einsätzen in Krisengebieten sei dies kein Thema. „Wir begegnen vielen Kulturen, die die Figur des Clowns nicht kennen; sie ist daher nicht negativ besetzt“, so Strauß.

Zum Thema Gruselclowns – ein bizarrer Schock-Trend aus den USA, bei dem man grauslig maskiert Leute erschreckt und das filmt – habe ihn auch schon mal der „Spiegel“ interviewt. Schaden füge das Internet-Phänomen seiner Arbeit nicht zu.

Es handle sich ohnehin um ein zeitlich begrenztes Phänomen, das eventuell zu Halloween wieder auftauche, ergänzt die Zweite Vorsitzende, Susie Wimmer.

„Bei manchen hat es schon geschnackelt, die nächste Runde einen Ton höher“, sagt Jodel-Lehrerin Maria Hafner (links). Angeblich muss man beim Jodeln nicht singen können. Diese beiden Teilnehmerinnen können es aber – und wie.

„Lachen ist genauso lebensnotwendig!“ Susie Wimmer Zweite Vorsitzende Clowns ohne Grenzen

„Clowns ohne Grenzen“ engagieren sich mit ihrer Kunst in den Krisengebieten dieser Welt. Einsatzorte seien inzwischen auch Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünfte in Deutschland. Finanziert wird das Ganze durch Spenden. Und wenn sie mit anderen Hilfsorganisationen zusammenarbeiten, können diese teilweise die Kosten übernehmen.

Sprachliche Barrieren gibt es eigentlich nicht. „Wir tönen. Und lernen vorher ein paar für die Show relevante Wörter. Und wenn die Kids uns was zurufen und wir es falsch wiederholen, ist das immer ein großer Spaß“, erzählt Susie Wimmer. „Der Rest ist nonverbal: Mimik und Gestik. Lachen braucht keinen Dolmetscher“, bringt sie es auf den Punkt.

Oft werden sie gefragt, ob es nicht absurd sei, in einem Krisengebiet als Clown aufzutreten – statt Essen oder Medikamente zu bringen. „Absurdität ist ein Teil vom Clown“, so Wimmer. In einem syrischen Flüchtlingslager sagte ihnen ein Vater, die Kinder werden mit Decken oder Essen versorgt. Aber auch die Seelen müssen versorgt werden. „Lachen ist genauso lebensnotwendig!“ Der Vater wollte seine Kinder wieder lachen sehen.

Ihr Kollege Alexander war im Juni im Irak, auf Anfrage einer Hilfsorganisation, die Hilfe von ihm im „Trauma Recovery Training“ brauchte. „Gespräche und mentale Techniken sind das Eine. Aber die spielerische Komponente fehlte. Das erkennen mehr und mehr Hilfsorganisationen und binden uns ein“, freut er sich.

Susies Antrieb für ihr Engagement: „Immer wieder ist es sensationell, wenn die Menschen über alle Kultur- und Religionsunterschiede hinweg sich in die Augen schauen und lachen.“

Stefan Schiegl erzählt eine Geschichte, bei der er selbst immer noch Gänsehaut bekommt. In Sri Lanka hatte er einen Auftritt als Clown in einem Waisenhaus für Jungs. Der Direktor lud das 40 Kilometer entfernte Waisenhaus für Mädchen dazu ein. „Da fand sich ein Geschwisterpaar wieder, das sich beim Tsunami verloren hatte“, berichtet er. Die Clowns brachten sie also wieder zusammen, in gewisser Weise.

„Ich bin Clownesin.“ Musikerin Maria Hafner

Als Nächstes stehe der Irak für Alexander Strauß auf dem Plan. „Das könnte kippen, wegen des Luftembargos“. Im neuen Jahr seien Einsätze in Gambia und Namibia geplant.

Susie nennt Indien, Nepal und den Iran als „Dauerziele“. Auch die Türkei mit ihren syrischen Flüchtlingscamps. Jedoch seien Reisen in die Türkei durch die politischen Bedingungen problematisch. „Wir sind zwar unpolitisch, aber ob Erdogan das kapiert?“, sagt Stefan Schiegl. Man arbeite mit dort ansässigen Organisationen zusammen, die jedoch teilweise auf öffentlichen Plätzen nicht mehr auftreten dürfen, um Spenden zu sammeln.

Die großpolitische Lage sei generell eine Hürde, nicht nur wenn es um Kinderhilfsprojekte geht. Politisches wollen die Clowns nicht in ihrer Öffentlichkeitsarbeit verwurschten, wie sie sagen. Letztendlich aber, so hält Susie fest, „ist jede Tat politisch. Reist du in den Iran, um was zu tun, ist das politisch“.

Das Anliegen sei, die Menschen zusammenzubringen, auch wenn das oft nicht so klappe, wie sich das naive Gutmenschen, wie sie es seien, so vorstellen.

Im Iran sei mal die Polizei gekommen. „Die haben wir in die Show eingebaut und ließen sie nicht entkommen“, lacht sie. Alexander nickt. Uniformierte entspannen sich meistens ganz schnell, wenn sie merken, dass keine Gefahr im Verzug ist. Susie sagt, dass sie dort sogar in der Moschee spielen durften.

Während sie erzählt, sind die Teilnehmer dieses Wochenendes in den Workshops für Jodeln, Hula Hoop, Body Percussion und etwa, was macht man mit den Kindern nach der Show.

Maria Hafner leitet eine Gruppe im Jodeln an, die in Zweierteams und mehrstimmig ein „Hä-Hi-Di“ singen. Was sichtlich Spaß macht. „Kannst du mir nochmal den zweiten Text sagen“, fragt eine Neu-Jodlerin unter Gelächter. Der „Text“ ist eine Silbenfolge und lautet „Di-Oe-Ri-E“. Jodler, also die gesungenen, seien kleine Tierchen, die sich schnell verändern. „Man lernt einen, geht raus und da fängt er schon an, sich zu entwickeln. Trifft man sich ein Jahr später wieder, ist ein völlig neues Stück draus geworden“, erfährt man von Hafner.

Sie ist Musikerin und Schauspielerin. „Und Clownesin“, scherzt sie, denn eine weibliche Form des Clowns gebe es nicht. Man könnte auch Clownin oder Frau Clown sagen. Aber ihr Begriff kommt in der Gruppe, in der nur drei Männer einer weiblichen Übermacht gegenüber stehen, prima an.

Die Workshops machen Spaß, bieten aber auch Gelegenheit zur Begegnung und zum Austausch und tun einfach gut. „Clowns ohne Grenzen“ erleben in den Krisengebieten auch Dinge, die sie selbst schwer verarbeiten können. Wer will, bekommt Supervision. Bei den Einsätzen gibt es Meetings und Feedback-Runden. Und daheim ist ein „Pate“ rund um die Uhr erreichbar, wenn etwas Aufwühlendes passieren sollte. „Der ist dann das kühle Blut außerhalb. Auch das brauchen wir“, sagt Susie Wimmer abschließend.

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