Kirchen verlieren 200 Mitglieder

147 Katholiken und 54 evangelische Christen kehrten in Waldkraiburg im Jahr 2014 ihren Kirchen den Rücken und traten aus. In der Regel gehe es bei dieser Entscheidung ums Geld, die Kirchensteuer, glauben Pfarrer Martin Garmaier und sein evangelischer Kollege Lars Schmidt. Foto  dpa
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147 Katholiken und 54 evangelische Christen kehrten in Waldkraiburg im Jahr 2014 ihren Kirchen den Rücken und traten aus. In der Regel gehe es bei dieser Entscheidung ums Geld, die Kirchensteuer, glauben Pfarrer Martin Garmaier und sein evangelischer Kollege Lars Schmidt. Foto dpa

Die Zahl der Kirchenaustritte ist 2014 in Waldkraiburg wieder deutlich angestiegen. Jeweils mehr als ein Prozent ihrer Mitglieder haben katholischer Pfarrverband und evangelische Kirchengemeinde auf diese Weise verloren.

In der Regel gehe es dabei ums Geld, sind Pfarrer Martin Garmaier und sein evangelischer Kollege Lars Schmidt überzeugt.

Waldkraiburg - 147 Katholiken in Waldkraiburg haben 2014 ihrer Kirche den Rücken gekehrt. 2013 waren es noch genau 100. Die evangelische Kirchengemeinde hat 54 Austritte zu verzeichnen, 20 mehr als 2013. Diese Zahlen teilte auf Anfrage die Stadtverwaltung mit. Überregionale Zahlen liegen noch nicht vor. Doch erste Berichte aus anderen Regionen der Bundesrepublik legen nahe, dass die hohen Austrittszahlen kein spezielles Waldkraiburger Phänomen sind.

Die Vertreter der beiden Kirchen in Waldkraiburg bedauern diese Entwicklung, überrascht sind sie nicht. Das Interesse an und die Identifikation mit der Kirche sei im Schwinden begriffen, stellt Martin Garmaier fest. Da braucht es bei manchen dann nur noch einen letzten Anstoß, das berühmte "Tüpferl auf dem i", um sich endgültig zu distanzieren. 2014 zum Beispiel Berichte über den ehemaligen Bischof von Limburg, Tebartz-van Elst, Nachrichten "über andere Finanzgeschichten" oder ein neues Einzugsverfahren bei der Kirchensteuer.

Genau das ist nach Einschätzung von Pfarrer Lars Schmidt die Erklärung für die hohen Austrittszahlen. Denn ab Januar 2015 werden die Kirchensteuern auf Kapitalerträge wie Zinsen und Dividenden automatisch abgezogen. Bis dahin mussten die meisten Steuerpflichtigen die Kirchensteuer auf die Kapitalertragssteuer selbstständig in der Steuererklärung angeben. Ende 2013, Anfang 2014 wurden die Steuerpflichtigen über die Änderung des Einzugsverfahrens informiert. Die Bescheide haben offensichtlich für sehr große Verunsicherung gesorgt. "Bei vielen kam das so an, als wollte die Kirche da wieder mal nach ihrem Geld greifen", berichtet Schmidt von zahlreichen Telefonaten und Gesprächen. Dabei habe sich an der Kirchensteuer nichts geändert.

"Geld ist chic

und Geiz ist geil"

"Geld ist chic und Geiz ist geil", diese Parolen aus der Werbung verfangen halt auch bei der Kirchensteuer, meint Pfarrer Garmaier. Andererseits gelinge es der Kirche nicht oder zu wenig, darzustellen, was sie mit ihrem Geld Gutes und Wichtiges tut, im sozialen und in vielen anderen Bereichen. Die Kirche habe ein Glaubwürdigkeitsproblem. Auch der neue Papst könne bei den Austritten keine Trendwende herbeiführen. Franziskus komme "äußerst gut an, aber vor allem bei unseren engagierten Leuten". Das Beispiel einer Frau, die ihren Wiedereintritt auch damit begründet habe, dass die Kirche mit dem neuen Papst wieder glaubwürdiger ist, sei eine Ausnahme. Viele beschäftigen sich mit solchen Fragen gar nicht mehr, glaubt Garmaier.

Dafür spricht auch die Erfahrung, die der katholische Priester mit Gesprächsangeboten an Ausgetretene gemacht hat. In der Regel werden diese Personen vom Pfarrer angeschrieben. Eine einzige Rückmeldung habe er im vergangenen Jahr bekommen, so Garmaier.

Sein evangelischer Kollege bestätigt diese Erfahrung. Seit vielen Jahren schreibe die Kirchengemeinde einen "lieben, netten Brief". Reaktionen gebe es nur "sehr selten". Die Kirchengemeinde habe sogar den Versuch gemacht, die Leute zu besuchen. Sicherlich gebe es auch den ein oder anderen, der sich den Austritt gut überlegt hat, ihn nicht nur am Geld festmacht, meint Lars Schmidt. Dass Ärger mit der Kirchengemeinde oder über eine Person in der Gemeinde bei dieser Entscheidung eine Rolle spielen, glaubt er nicht. "Das sagen die Leute auch offen."

Es gibt auch Neu- und Wiedereintritte

So bedauerlich die Austrittszahlen sind, Pfarrer Garmaier will sie als Ansporn verstehen, die Kirche und den christlichen Glauben "vor Ort möglichst positiv rüberzubringen".

Und manchmal gibt es ja auch positive Rückmeldungen, die Erfahrung, dass Leute ihre Entscheidung korrigieren und wieder eintreten oder neu den Weg zu den Kirchen finden. Oftmals handelt es sich um Menschen aus der ehemaligen DDR, die sich sehr bewusst entscheiden, so Garmaier und Schmidt. Durchschnittlich stehen den Austritten jedes Jahr jeweils etwa zehn bis 15 Eintritte gegenüber.

Freilich, die Verluste können sie nicht annähernd wettmachen. Denn die Kirchen schrumpfen, nicht nur wegen der Austritte, sondern vor allem auch in Folge der demografischen Entwicklung. Laut Melderegister ist die Zahl der evangelischen Christen in Waldkraiburg im vergangenen Jahr sogar um fast hundert von 3823 auf 3732 gesunken. Die Gemeinden im katholischen Pfarrverband, die Ende 2013 noch 12638 Mitglieder zählten, hatten Ende 2014 laut städtischer Statistik nur noch 12356, also nahezu 300 weniger. hg

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