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Interview mit Annemarie Besold aus Waldkraiburg

Kindesmissbrauch im Sport: Wann die Alarmglocken schrillen sollten

Im Bundesfamilienministerium wurde die Studie „Sexualisierte Gewalt und sexueller Kindesmissbrauch im Kontext des Sports“ vorgestellt. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs informiert über die Befragung von Zeitzeuginnen und Betroffenen zu sexuellem Kindesmissbrauch im Freizeit-, Leistungs- oder Schulsport.
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Im Bundesfamilienministerium wurde die Studie „Sexualisierte Gewalt und sexueller Kindesmissbrauch im Kontext des Sports“ vorgestellt. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs informiert über die Befragung von Zeitzeuginnen und Betroffenen zu sexuellem Kindesmissbrauch im Freizeit-, Leistungs- oder Schulsport.
  • Jörg Eschenfelder
    VonJörg Eschenfelder
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Waldkraiburg – Vergangene Woche hat die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch“ ihre Studie zum Missbrauch im Sport veröffentlicht. Die Waldkraiburgerin Annemarie Besold ist seit Jahrzehnten deutschlandweit im Bereich Gewaltprävention für Kinder und Jugendliche aktiv und kann die Studie allen nur empfehlen, die verantwortlich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.

Frau Besold, wie bewerten Sie die Studie?

Annemarie Besold: Es ist eine sehr persönliche Studie. Sie ist keine quantitative Aufarbeitung, sondern eine qualitative. Sie zeigt, welche Bedeutung der Missbrauch für die Betroffenen hat. Man weiß zwar, dass sich Missbrauch lebenslang auswirkt. Aber wenn man die Berichte der Betroffenen liest, ist es grausam. Dann wird einem so richtig bewusst, was es bedeutet, wenn ein elfjähriges Mädchen in der Dusche vergewaltigt wird… Das kann man sich nicht vorstellen.

Hat Sie der Inhalt überrascht?

Besold: Nein. Wenn man sich so lange mit der Thematik beschäftigt wie ich, dann überrascht das nicht mehr.

Gibt es besonders gefährdete Sportarten?

Besold: Nein. Es hängt nicht von der Sportart ab, sondern von den Tätern. Sie suchen sich die Bereiche, wo ihr Vorhaben ohne Gefahr möglich ist. Sie schauen sich das ganz genau an. Gefährdet ist jede Sportart. Jeder Bereich, wo Missbrauch ein Tabu ist, wo nicht darüber gesprochen wird, wo es keine Prävention gibt. Wo niemand darüber Bescheid weiß. Wo keine Ansprechpartner da sind.

Sexueller Missbrauch ist ja nichts, was plötzlich passiert. Er ist in der Regel geplant. Das hat nichts mit der Sportart oder mit Sport überhaupt zu tun.

Dennoch ist der Leistungssport noch einmal besonders gefährdet ...

Besold: Er ist deswegen besonders gefährdet, weil hier die Machtverhältnisse noch extremer sind. Der Trainer bestimmt, wer spielen darf, wer auf den Wettkampf gehen darf, wer besonders betreut wird.

Entscheidend sind also die Machtverhältnisse?

Besold: Ja. Machtgefälle sind immer da, das kann man nicht ändern, egal ob im Sport, in der Kirche oder in der Schule. Aber man kann dafür sorgen, dass diese Machtgefälle nicht ausgenutzt werden können. Die Studie gibt dazu klare Empfehlungen und Beispiele, wo Rahmenbedingungen geändert wurden und der Missbrauch dann aufgehört hat. Strukturen und Rahmenbedingungen sind ausschlaggebend sowie Prävention und Wissen. Da kann man viel machen.

Wann sollten die Alarmglocken schrillen?

Besold: Bei allen Arten von Veränderungen im Verhalten. Die können ganz unterschiedlich sein. Eine plötzliche, unerklärliche Verhaltensänderung ist immer ein Alarmzeichen. Die kann auch andere Ursachen haben: Drogen, Erpressung oder Mobbing. Es kann aber auch sexueller Missbrauch sein. Da muss man ganz genau hinschauen, dranbleiben und nachbohren.

Wie kann man Opfern helfen?

Besold: Dranbleiben und aufmerksam sein. Erst mal sich selbst Hilfe holen oder einfach mal Broschüren hinlegen. Ganz unterschwellig. Da kann sich der Jugendliche, ohne sich zu outen, zuerst mal schlaumachen und Kraft holen.

In der Schule und im Verein sind Prävention und Aufklärung ganz wichtig. Den Kindern und Jugendlichen ist es ja nicht unbedingt bewusst. Die können den Missbrauch nicht benennen, sie haben keine Begriffe dafür, und es wird ihnen vom Täter als ganz normal hingestellt. Das ist eine ganz subtile Vereinnahmung, bei der die Kinder ein blödes Gefühl haben, es aber nicht benennen können.

Annemarie Besold.

Welche Rolle spielt das Umfeld?

Besold: Der Täter beobachtet ganz genau: Wie reagieren die Kinder oder Jugendlichen? Wie reagieren die Eltern und die anderen? Die Erwachsenen und Trainer, die es sehen, aber nicht reagieren, haben eine ganz wichtige Aufgabe. Wenn sie bei sexistischen Witzen oder Bemerkungen nichts sagen oder sie lustig finden, dann denken Kinder, dass es wohl dazugehört, normal ist. Täter bauen so ganz langsam eine Atmosphäre auf, in der übergriffiges, grenzüberschreitendes Verhalten und später sexueller Missbrauch gar nicht mehr wahrgenommen werden.

Das Schlimmste, was man machen kann, ist es, Fehlverhalten zu ignorieren. Wenn man als Bezugsperson, als Trainer, Eltern oder Lehrer Fehlverhalten ignoriert, wird das von Kindern als Zustimmung gesehen. „Dann wird es schon passen, vielleicht ticke ich ja falsch und nicht der Täter.“ Die Opfer denken dann: „Ich bin nichts wert, ich bin selbst schuld. Es muss einen Grund haben, dass mir sowas passiert.“

Und sonst?

Besold: Ich bin parteilich. Das muss rüberkommen. Ich versuche nicht, etwas zu erklären oder schön zu reden. Es ist ganz klar, auf welcher Seite ich stehe: „Ich glaube Dir. Du hast recht. Jetzt schauen wir, welche Möglichkeiten es gibt, um Dir zu helfen.“

Das muss Prävention schaffen?

Besold: Bewusstsein und Sprache. Sexueller Missbrauch und Gewalt ist nichts, was aus dem Nichts kommt. Ein Täter wird sich keinen Verein oder Bereich suchen, wo das Thema präsent ist. Die suchen immer Bereiche, wo sexuelle Gewalt ein totales Tabuthema ist. Deswegen ist es so wichtig, darüber zu reden, deswegen sind Ehrenkodizes so wichtig.

Die Prävention muss also Bestandteil der Vereinsarbeit, des Trainings und der Schule sein?

Besold: Ja, unbedingt! Kinder und Jugendliche müssen altersgerecht und sachlich aufgeklärt werden. Sie müssen Bescheid wissen und es sagen dürfen, wenn sie mit jemandem nicht trainieren wollen. In der Schule machen wir das schon. Schulen sind seit 2010 vom Kultusministerium zur Prävention verpflichtet. Schule sollte ein Ort sein, an dem Kindern und Jugendlichen geholfen werden kann. Ein sicherer Raum. Und aufgrund der Schulpflicht ist Schule tatsächlich der einzige Ort, an dem Prävention allen Kinder und Jugendlichen vermittelt werden kann.

Woran sehen Sie das?

Besold: Die Kinder gehen anders miteinander um. Sie kommen und beschweren sich. Sie lernen: Man darf darüber reden, die anderen dürfen das nicht machen. Sie lernen, nicht nur ich empfinde so, sondern alle anderen auch, vor allem die Erwachsenen.

Ihr Fazit?

Besold: Jeder, der im Sport tätig ist, müsste diese Studie gelesen haben. Sie muss Bestandteil der Fortbildung werden. Jeder muss die Strukturen, die Täterstrategien und die Gefährdungspotenziale kennen. Die Studie ist wirklich gut. Ich kann sie jedem nur empfehlen.

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