Kein Tötungsvorsatz: 5 Jahre Haft für 40-jährigen Waldkraiburger im Messerstecher-Prozess

Fünf Jahre Haft und Drogenentzug für einen 40-jährigen Angeklagten aus Waldkraiburg: Nach einem Streit hatte er einen 42-Jährigen mit einem Messer attackiert und dabei lebensgefährlich verletzt.
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Fünf Jahre Haft und Drogenentzug für einen 40-jährigen Angeklagten aus Waldkraiburg: Nach einem Streit hatte er einen 42-Jährigen mit einem Messer attackiert und dabei lebensgefährlich verletzt.

Das Schwurgericht Traunstein hat einen 40-Jährigen Waldkraiburger nach einem lebensgefährlichen Messerstich zu fünf Jahren Haft und Drogenentzug wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Entscheidend für das Urteil war die Aussage des Schwagers des 42-jährigen Opfers.

Traunstein/Waldkraiburg – Während eines massiven Messerangriffs in Waldkraiburg telefonierte das 42-jährige Opfer mit seinem Schwager. Der 37-Jährige hörte in russischer Sprache: „Ah, jetzt kommst du Arschloch mit dem Messer daher.“ Dann fiel das Handy zu Boden, niemand ging mehr dran. Das Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs verurteilte den 40-jährigen Messerstecher gestern wegen gefährlicher Körperverletzung zu fünf Jahren Haft und Zahlung von 5000 Euro Schmerzensgeld an das Opfer. Weiter ordnete die Kammer die Unterbringung zum Drogenentzug an.

Der Angeklagte und der Nebenkläger, die beide Mitte der 1990er-Jahre aus Kasachstan nach Deutschland umgesiedelt waren, hatten in den Monaten vor der Tat „Stress“ miteinander. Es ging um „Verleumdungen“ und Schulden von 800 Euro des 40-Jährigen bei dem späteren Opfer. Woraus die Forderung resultierte, wurde im Prozess nicht klar. Drogengeschäfte standen im Raum.

Langjährige Drogenprobleme

Der Nebenkläger besuchte am 19. Oktober 2019 eine Disco, der Angeklagte war ebenfalls in dem Lokal. Gegen 23 Uhr trafen sie auf dem Parkplatz vor dem Kino zusammen. Ein Streit und Faustschläge folgten. Möglicherweise setzte das Opfer den ersten Schlag. Nach dem Kampf rief der 42-Jährige seinen Schwager an. Während des Telefonats stach der Angeklagte zu. Mehrere große Schnittwunden an Armen und Beinen gingen auf Abwehrbewegungen zurück. Ein wuchtiger Stich traf die Brust, ein zweiter den Bauchraum. Nach dem letzten Stich flüchtete der 40-Jährige Richtung Wald. Das Opfer wollte hinterher, bevor er zusammenbrach. Türsteher der Diskothek entdeckten den Schwerverletzten und leisteten Erste Hilfe.

Der Angeklagte mit 16, darunter sechs einschlägigen Vorstrafen wegen Gewaltdelikten berief sich in dem dreitägigen Prozess auf sein Schweigerecht. Über seinen Verteidiger Jörg Zürner ließ er eine Notwehrlage ins Feld führen. Sein Mandant habe ohne Tötungsabsicht und nur, um weitere Angriffe des Nebenklägers zu verhindern, zugestochen, so der Verteidiger.

Der psychiatrische Sachverständige, Professor Dr. Michael Soyka, sah keine psychischen Auffälligkeiten bei dem 40-Jährigen, aber langjährige Drogenprobleme. Von einer Alkoholisierung bei der Tat sowie einer Beeinflussung durch Opiate sei wohl auszugehen, nicht aber von einer schweren Intoxikation oder einer ungewöhnlichen Enthemmung – so das Fazit des Gutachters.

Die Frage einer Unterbringung in einer Entzugsanstalt bejahte der Sachverständige grundsätzlich. Bislang habe der 40-Jährige nie eine Therapie absolviert. Wenn er jetzt – im Gegensatz zu früher – therapiewillig sei, werde eine Unterbringung Erfolg bringen.

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Staatsanwalt Thomas Krojer plädierte auf eine Freiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren und Unterbringung zum Entzug. Die angebliche Notwehrsituation des 40-Jährigen sei eine „reine Schutzbehauptung“, die Aussage des Geschädigten hingegen insgesamt glaubhaft. Wie Täter und Opfer genau bei der Tat standen, sei unerheblich: „In jedem Fall liegt ein strafbefreiender Rücktritt von einem versuchten Mord vor.“ Eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit wegen der Drogen sei „unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen“. Opferanwalt Andreas Knoll beantragte wegen gefährlicher Körperverletzung eine Freiheitsstrafe von mindestens fünf Jahren. Die Frage der Unterbringung und die genaue Höhe eines Schmerzensgelds stellte der Nebenklagevertreter ins Ermessen des Gerichts.

Zweifel am Tatgeschehen

Den Ablauf des Tatgeschehens zog der Verteidiger in Zweifel, vor allem die Angaben des Geschädigten. Die Einlassung seines Mandanten sei durch die Zeugenaussagen und die Gutachten nicht zu widerlegen. Objektiv fest stünden die Stichverletzungen des 42-Jährigen. Die Frage sei, wie er sie sich zugezogen habe. Der Nebenkläger habe zuerst angegriffen, der 40-Jährige habe sich wehren dürfen. Die Konsequenz müsse Freispruch sein. Zürner beantragte weiter, keine Unterbringung anzuordnen. Der 40-Jährige beteuerte im „letzten Wort“: „Ich habe mit dem Messer nur rumgefuchtelt, wollte ihn nur stoppen und dann gehen.“

Über die Hintergründe des Streits sei das Gericht im Unklaren gelassen worden, hob Vorsitzender Richter Erich Fuchs im Urteil heraus. Einen Tötungsvorsatz habe die Kammer verneint, ebenso eine Notwehrlage. Stehe Aussage gegen Aussage, müssten die Angaben intensiv überprüft werden. Entscheidend sei die glaubhafte Aussage des Schwagers gewesen, der von der Bemerkung mit dem Messer und vergeblichen Anrufversuchen beim Opfer berichtete. Die Voraussetzungen für Unterbringung sind nach Fuchs erfüllt: „Der Angeklagte hat erkannt, dass eine Therapie notwendig ist, um künftig keine Straftaten mehr zu begehen.“

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