„Der Kanal brachte alles durcheinander“

Historisches Fotomaterial, Pläne, Dokumente und sogar einen Film vom Kanalbau aus den 1920er-Jahren hat Stadtarchivar Konrad Kern für die Ausstellung zusammengetragen. Grundner
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Historisches Fotomaterial, Pläne, Dokumente und sogar einen Film vom Kanalbau aus den 1920er-Jahren hat Stadtarchivar Konrad Kern für die Ausstellung zusammengetragen. Grundner

Waldkraiburg – Seit einem Jahrhundert gibt es den Innkanal.

1919 rückten Firmen und Arbeiter an, um dieses Großprojekt zu verwirklichen, das in den beschaulichen Inntaldörfern, die heute zu Waldkraiburg gehören, „alles durcheinanderbrachte“, wie Stadtarchivar Konrad Kern im Interview sagt. Da prallten Welten aufeinander. Mental, sozial, kulturell. Kern hat eine Ausstellung darüber gemacht, die am Internationalen Museumstag am Sonntag, 19. Mai, um 15 Uhr im Stadtmuseum im Haus der Kultur eröffnet wird. Sie zeigt die Schwierigkeiten und die Vorteile auf, die das Großprojekt mit sich brachte. Die Schau unter dem Titel „Ein Kanal entsteht“ schlägt ein spannendes Kapitel lokaler Sozial- und Wirtschaftsgeschichte auf.

Herr Kern, vor hundert Jahren begann der Bau des Innkanals. Was war der Anlass?

Die Wirtschaft und die Reichswehr brauchten Strom zur Herstellung von Aluminium, einem Stoff, der auch für die Rüstung wichtig ist. Schon seit 1912 wurde das Projekt vorbereitet. Doch dann kam völlig überraschend der Krieg dazwischen. Damit fehlten die Arbeitskräfte. Weiter geplant wurde aber auch in den Kriegsjahren. Nur deshalb konnten 1919, schon vier Monate nach Kriegsende, die Arbeiten vergeben werden. Jetzt ging es vor allem um arbeitsmarktspezifische Gründe. Ehemalige Soldaten sollten mit solchen Projekten wie dem Innkanal schnell in Lohn und Brot gebracht werden. Für 7000 Arbeitskräfte ist das beim Innkanal gelungen.

Es heißt, der Kanal zwischen Jettenbach und Töging sei die größte Baustelle Europas gewesen.

Schon damals stand das in den Zeitungen. 43 große Abraum-Bagger waren im Einsatz. 115 Lokomotiven und 2300 Waggons. 130 Kilometer Schienennetz wurden an der Baustelle verlegt. 320 000 Kubikmeter Beton mit 65 000 Tonnen Zement hergestellt, 11 000 Tonnen Stahl, Eisen und sonstige Metalle verarbeitet, für Loks und Maschinen 100 000 Tonnen Kohle verfeuert.

Auf den Großbaustellen dieser Welt geht heute fast alles mit Maschinen.

So modern war man damals natürlich noch nicht. Allerdings wurden am Innkanal erstmals an einer Baustelle Abraumbagger eingesetzt, wie man sie vom Kohle-Abbau kennt. Die Leute kamen deshalb in Scharen, um sich die Baustelle anzuschauen. Dennoch war die Arbeit sehr personalintensiv. Der Untergrund war in der Regel Kies. Der kommt schnell ins Rutschen. Da hat man den Spaten in die Hand genommen. Fotos zeigen Kolonnen von Männern, die nach einem Hangrutsch mit der Schaufel im Einsatz sind. Das war wahnsinnig arbeitsintensiv und sehr gefährlich. Allein auf dem Teilstück zwischen Jettenbach und Ebing kamen zehn Arbeiter ums Leben.

Woher kamen die Arbeiter?

Aus dem ganzen Reichsgebiet, aus dem Rheinland, aus Schleswig-Holstein oder aus der Pfalz, so wie die Baufirmen. Die Firma Polensky & Zöllner zum Beispiel, die sich später in Mühldorf niederließ, kam ursprünglich aus Ostbrandenburg.

Der Kiesuntergrund war ein Problem. Welche weiteren Hürden mussten bewältigt werden?

Es gab kein Baumaterial. Der Zement musste aus Galizien im zerstörten Ostpolen herangeschafft werden. Und 1921 kam es zu einem großen Streik. Über sechs Wochen war absoluter Stillstand, weil die Arbeiter mit der Entlohnung nicht zufrieden waren. Im Kaiserreich wäre ein so langer Streik von der Polizei niedergeknüppelt worden. In der Demokratie, in der Weimarer Republik mit einer sozialdemokratischen Regierung musste man sich mit den Gewerkschaften arrangieren.

Pürten, St. Erasmus und Ebing waren Anfang des 20. Jahrhunderts beschauliche Bauerndörfer. Was bedeutete der Kanalbau für die Landwirtschaft?

Als 1916 erste Artikel über den geplanten Kanalbau erschienen, kamen die davon potenziell betroffenen Bauern beim Wirt in Pürten zusammen. Es kam zum Rütli-Schwur: Auf keinen Fall wollten sie Grund abgeben! Das Geld war in dieser Kriegszeit ja nichts wert ohne Bezugsschein. Diese Haltung haben die Bauern beibehalten. Deshalb wurden sie später zwangsenteignet und entschädigt. Aber was konnte man 1919 mit dem Geld anfangen? Die Inflation schritt ja schon voran. Der Verlust der Grundstücke führte zwar nicht zum Ruin der Bauern. Einige, die besonders stark betroffen waren, haben Flächen im Staatsforst erhalten. 20 Jahre später wurden diese Flächen wieder enteignet, weil da rauf die Baracken des Pulverwerks gebaut wurden.

Was hat sich durch die Großbaustelle im alltäglichen Leben der Menschen verändert?

Der Zuzug von so vielen fremden Menschen mit anderer Mentalität, Leuten aus der Stadt hat alles durcheinandergebracht. Die ersten Evangelischen sind damals aufgetaucht. So etwas kannte man hier nicht.

Gab es offene Konflikte?

Das kann man wohl sagen. Für großes Aufsehen sorgte 1921 eine wilde Schlägerei im Gasthaus Pürten, wo die Hochzeitsfeier einer alteingesessenen Familie stattfand. Am Abend störten randalierende Bauarbeiter das Fest. Eine Rauferei mit einem Schankkellner eskalierte. Arbeiter stürmten den Saal, warfen die Hochzeitsgesellschaft aus dem Haus, die in Panik flüchtete. Das gesamte Mobiliar des neuen Pächters wurde demoliert, Hunderte von Litern Bier verschüttet. Ein Zeitungsbericht über diesen Vorfall ist in der Ausstellung zu sehen.

Wie wurden die Arbeiter denn untergebracht und versorgt?

Sie waren im weiten Umkreis einquartiert, die meisten allerdings in ganz primitiven Baracken. Die örtlichen Wirte und Metzger übernahmen die Versorgung. Die Brauerei Toerring in Jettenbach hat sicherlich nicht schlecht an den Bierlieferungen verdient. Auf jeden Fall galt die Regel: Je weiter von der Baustelle entfernt, umso besser stellten sich die Wirte. Denn die Sitten waren rau. Der damalige Wirt von Trasen – und er war sicher nicht der einzige – hat kapituliert und seinen Hof verkauft. Arbeiter hatten sich genommen, was und wie es ihnen gepasst hat. Die Zahlungsmoral war schlecht. Er konnte keinen regulären Wirtshausbetrieb mehr aufrechterhalten. Und die örtliche Gendarmerie war hoffnungslos überfordert. In einer Predigt hat der Pfarrer von Fraham die Bauern aufgefordert, ihre Höfe für „diese Seelenräuber, diese Unschuldsräuber“, zu sperren.

Welche Herausforderungen hat die Baustelle denn für die politische Gemeinde mit sich gebracht?

Besser Situierte, Vorarbeiter oder Ingenieure haben ihre Frauen und Kinder mitgebracht. Darauf war die örtliche Schule nicht vorbereitet. Die Gemeinde hat eine zweite Schulstelle bekommen. Vom Bau eines weiteres Schulhauses war sie überfordert. Die Innwerk AG hat einen großen Teil der Kosten getragen.

Aber die Einheimischen profitierten auch von dem Projekt.

Natürlich gab es positive Aspekte. Dazu gehörte, dass die Kirche in Ebing, die bis dahin seelsorgerlich schlecht versorgt wurde, einen Kaplan bekam und Ebing zur Expositur wurde. Die Innwerk AG hat das Pfarrhaus gebaut. Und: Mit dem Bau des Kanals bei Reit entstand eine Brücke nach Jettenbach. Bis dahin mussten die Kinder aus Asbach, Hausing, Klugham oder Bergham seit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht im Jahr 1803 mit der Innfähre über den Fluss zur Schule in Jettenbach fahren. Das war nun vorbei. Auch das Wirtshaus in Fraham entstand infolge des Kanalbaus.

Welche Bedeutung hatte der Kanal für die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Region?

Für die Landgemeinden brachte es eine finanzielle Verbesserung, weil sie etwas von der Gewerbesteuer der Innwerk AG abbekamen. Der Zuzug wirkte sich positiv auf Handwerker und Krämer aus. Und Töging wäre bis heute ein verschlafenes Nest, wenn es nicht den Innkanal und die Aluminiumhütte gegeben hätte. Für den Landkreis Altötting war das ein wichtiger wirtschaftlicher Gewinn. Aber das ist eine andere Geschichte. In unserer Ausstellung geht es ja speziell um den Kanalbau zwischen Fraham, Pürten und Ebing.

Welche Bedeutung hatte der Kanal eigentlich für die Entstehung Waldkraiburgs?

Dafür hat er keine Rolle gespielt. Für die Standortwahl oder den Betrieb des Rüstungswerks war er bedeutungslos. Strom hat man im Werk selbst erzeugt. Ohnehin war der Kanal nicht für die örtliche Stromversorgung da, sondern einzig und allein für die Aluminiumproduktion.

Interview: Hans Grundner

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